«Für Freikirchler können Freikirchler nicht pädophil sein»

Sektenexperte Georg Otto Schmid hofft, dass der Kinderschänderfall in der Freikirchenszene ein heilsamer Schock ist.

Kinderkrippe Purzelbaum in Volketswil: Hier hat der Kleinkindererzieher Markus L. (Name geändert) ein zweieinhalbjähriges Mädchen missbraucht.

Kinderkrippe Purzelbaum in Volketswil: Hier hat der Kleinkindererzieher Markus L. (Name geändert) ein zweieinhalbjähriges Mädchen missbraucht. Bild: Nicola Pitaro

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Herr Schmid, die christliche Krippe Purzelbaum hat offenbar nicht allzu genau hingeschaut, als sie einen Kleinkindererzieher angestellt hat, der der evangelikalen Freikirche ICF angehört. Muss man davon ausgehen, dass man sich bereits gekannt hat?
Das ist gut möglich. Die Freikirchen empfinden sich als zusammengehörig. Die Biografie von Freikirchlern beinhaltet in der Regel mehrere Stationen, die theologischen Unterschiede sind nicht mehr relevant. Die Szene ist sehr gut vernetzt, man hält zusammen und grenzt sich gegen aussen ab.

Wer steckt hinter der Kinderkrippe Purzelbaum?
Die Christliche Gemeinde Volketswil, eine der radikaleren Freikirchen. Sie wurde von Ernst Vögeli gegründet, der früher in Uster Methodistenpfarrer war. Dort wurde er zu radikal und hat deshalb seinen eigenen Verein aufgemacht. Er hat auch die Krippe gegründet.

Die Kinderkrippe gibt sich offen und betont ihre organisatorische Unabhängigkeit. Ist das glaubwürdig?
Nein. Sie wird ja immer noch von Vögeli geleitet, der Vorstand wird mit Sicherheit von Freikirchlern dominiert. Sie sorgen dafür, dass auch das Personal auf der gleichen Linie ist.

Gesucht wurde ein Kleinkindererzieher, der «Glauben an Jesus Christus» mitbringt. Haben Katholiken eine Chance auf diese Stelle?
Wenn sich ein Katholik bewirbt, wird man das Missverständnis vielleicht nicht aufklären und es ihm nicht direkt sagen. Aber die Bewerbung wird wohl nicht berücksichtigt. «Glaube an Jesus Christus» ist eine Chiffre, die Freikirchler sehr genau verstehen. Für sie sind schon liberalere Reformierte Ungläubige, die in der Hölle schmoren werden. Das Problem ist der Umkehrschluss: Viele Evangelikale können sich nicht vorstellen, dass Leute ihres Glaubens massivst sündigen können. Für Freikirchler können Freikirchler nicht pädophil sein. Ein ICFler ist für ein Mitglied der Christlichen Gemeinde Volketswil automatisch rechtgläubig und ein guter Mensch. Ich hoffe, dass dieser Fall in der Freikirchenszene ein heilsamer Schock ist und man lernt, dass Glauben allein nicht immer genügt.

In den letzten Jahren sind Pädophilie-Fälle häufig in der katholischen Kirche aufgetreten. Sind die Freikirchen ein ähnliches Biotop?
Menschen, die ihre Sexualität nicht akzeptieren, unternehmen sehr häufig irgendwann den Versuch, sich mit religiösen Übungen von ihrer Neigung abzulenken. So versuchen manche, sich in einer Freikirche von ihrer Homosexualität oder ihrer Pädophilie zu heilen. Der Dämon wird ihnen dann in radikaleren Freikirchen mit einem Exorzismus ausgetrieben. Ich weiss nicht, was der 29-jährige Kleinkindererzieher genau unternommen hat, um seine Neigungen zu kontrollieren.

Was macht ICF für einen Mann wie Markus L. attraktiv?
ICF ist sektenhafter als andere Freikirchen, die Betreuung der Mitglieder durch einen Mentor ist eng. Jeder Gläubige ist dazu angehalten, sich in einer sogenannten Smallgroup zu engagieren. Der Leiter dieser Gruppe ist dann der persönliche Mentor. Man wird dadurch wunderbar betreut, aber natürlich auch überwacht. Es ist sehr gut vorstellbar, dass der Mentor des Erziehers von seinen Neigungen gewusst hat. Wenn er der Kinderkrippe nichts davon gesagt hat, ist das höchst problematisch.

Er wollte seinen Schützling vielleicht nicht verpfeifen.
Diese Debatte wurde in der katholischen Kirche heftig geführt, das Beichtgeheimnis gilt für Pädophile seither de facto nicht mehr. Wenn ein Pfarrer von einem Kindsmissbrauch erfährt, muss er es melden. Man sollte bei ICF die gleichen Massstäbe anwenden wie bei der katholischen Kirche. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.03.2011, 12:51 Uhr

Georg Otto Schmid ist Mitarbeiter von Relinfo.ch, der Sekten-Informationsstelle der Evangelischen Kirche Zürich. (Bild: PD)

«Zu blauäugig»

Der am 11. März festgenommen Kleinkindererzieher Markus L. hat zugegeben, vier Mädchen zwischen eineinhalb und sechs Jahren missbraucht zu haben. An einem Kind hat er sich in einer Krippe in Volketswil vergangen. Notfallpsychologe Herbert Wyss, der von der Kinderkrippe Purzelbaum mit der Krisenkommunikation betraut wurde, räumt ein, dass die Krippe bei der Anstellung von Markus L. «etwas zu blauäugig war» und zu wenig auf mögliche dunkle Flecken in seiner Biografie geschaut habe.

Wie Recherchen des Tages-Anzeigers zeigen, hat Markus L. seine Ausbildung erst im Erwachsenenalter begonnen. Nach einem Praktikum in der Krippe Purzelbaum liess er sich ab 2006 während dreier Jahre in einer anderen Krippe und an der Berufsfachschule Winterthur zur Fachperson Betreuung ausbilden.

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