Geschichtsunterricht im Kräutergarten

Im Ritterhaus Bubikon ist ein Kräutergarten geplant, der den Besucher durch vier Epochen lotst.

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Nutzgärten, Heilgärten, Lustgärten – Gärten hatten im Lauf der Zeit ganz unterschiedliche Zwecke. Neu baut die Ritterhausgesellschaft Bubikon vier Kräutergärten nach. Einen aus der Zeit der Römer, einen aus dem Mittelalter, einen aus der Kolonialzeit und einen modernen. Noch existiert das Projekt zwar erst auf dem Papier, doch ab Mittwoch wird auf 400 Quadratmetern beim Ritterhaus gebaut. Und schon ab nächstem Juni können sich die zahlreichen Hochzeitspaare darin fotografieren lassen.

Weshalb assen Frauen in der Römerzeit giftige Tollkirschen? Weshalb importierten Kolonialherren Basilikum nach Europa? Wieso findet man heute an Apéros Wasabi-Nüsse? Auch auf solche Fragen wird man Antworten finden. Der Kräutergarten entsteht mit dem Wissen von Hans Frei. Er betreibt die Gärtnerei Weinlandstauden in Wildensbuch ZH und hat sich mit der Verwendung der Pflanzen durch die Geschichte hindurch befasst.

Sponsorensuche ohne Mühe

Frei hat den Kräutergarten im Schaffhauser Kloster Allerheiligen erstellt, den Alpengarten auf der Schatzalp in Davos wie auch zwei Gärten für die Kartause Ittingen. Das Projekt, das sich die Ritterhausgesellschaft zum 75. Geburtstag 2011 schenkt, kostet 210'000 Franken. «Dass sich rasch viele Sponsoren fanden, zeigt, dass das Projekt Anklang findet», sagt Adolf Burkhard, der Präsident der Ritterhausgesellschaft. Die historischen Gärten haben Fachleute entwickelt, und später werden sie von Freiwilligen betreut.

Exotische Kräuter gehandelt

Hinter den Kräutern verbergen sich Geschichten, und diese geben Einblick in die Gedankenwelt der Menschen in unterschiedlichen Epochen. «Schon die Römer mochten Wellness», sagt Frei. Sie trieben regen Handel und nutzten beispielsweise Baldrian als Badezusatz. Frauen assen Tollkirschen, damit sie schöne, grosse Augen bekamen. «Ein äusserst gefährliches Spiel», sagt Frei. Es gab einen Kurierdienst zwischen Konstanz und Konstantinopel, der bis ins Mittelalter genutzt wurde.

Aus dieser Zeit stammen auch die berühmten Aufzeichnungen über Heilmittel, welche die Benediktinerin Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert zusammengetragen hat. Im späten Mittelalter ging dieses Wissen aber zunehmend verloren. Die Heilkraft wurde allein Gott überlassen, die Menschen nutzten nur noch einheimische Pflanzen und machten sich wenig aus Hygiene. Kräuterfrauen wurden später gar als Hexen verbrannt.

Wasabi – ein trendiges Kraut

Erst in der Kolonialzeit, der Zeit des Grosskapitals, haben Handelsreisende wieder exotische Pflanzen importiert. Das Interesse an Gewürzen war gross, und die Händler steckten viel Geld in diesen Wirtschaftszweig. «Erstmals gab es auf den Schiffen Gewächshäuser», sagt Frei. Während es in der Antike nur Pfeffer und Muskat aus Arabien nach Europa schafften, konnten dadurch in der Kolonialzeit auch lebende Pflanzen auf Schiffen transportiert werden. So kam der Basilikum aus Ostasien oder Koriander ins Abendland. Echinazeen aus Amerika waren als Mittel gegen die Grippe beliebt und Schlafmohn als Betäubungsmittel.

Anders als die Gärten aus den vergangenen Epochen, wird der moderne Garten stets verändert und aktuelle Trends aufgenommen. «Die Schnelllebigkeit ist ein Merkmal unserer Zeit, das möchte ich im Kräutergarten zeigen», sagt Frei und erklärt, weshalb Kräuter trendig werden – sei es als Heilmittel oder in der Küche – und wenig später wieder in Vergessenheit geraten.

Modeerscheinungen und grosses Geschäft

Vor ein paar Jahren sei etwa Johanniskraut sehr gefragt gewesen, als Mittel gegen Ermüdung im Winter. Dann wurde aber festgestellt, dass gewisse Menschen mit Lichtempfindlichkeit auf das Kraut reagieren. Seither ist es nur noch in Apotheken erhältlich. «Liebstöckel war in früheren Zeiten völlig unbekannt», erzählt Frei. Bis die Maggi-Fabrik damit ein Geschäft machte und es zum Würzen brauchte. «Heute ist es so populär, dass es auch den Namen Maggi-Kraut trägt», so Frei. Das scharfe japanische Trendgewürz Wasabi ist von heutigen Apéros nicht mehr wegzudenken. Weil die Pflanze aber nur am Rand von Fliessgewässern gedeiht, ist der Anbau laut Frei umständlich.

Frei wird im Garten des Ritterhauses auch Pflanzen setzen, die in verschiedenen Epochen für unterschiedliche Zwecke gebraucht werden. Etwa Knoblauch – heute ein kommunes Küchengewürz, im Mittelalter aber ein teures Heilmittel. «Zum Essen wäre der Knoblauch damals viel zu teuer gewesen», so Frei. Die Eberraute brauchte man im Mittelalter, um Eberfleisch essbar zu machen. Heute wird sie als Duftpflanze verwendet. Und laut Gartenbauer Frei gibt es nur eine Kräutersorte, die in allen Epochen gepflegt und geschätzt wurde: Der Schnittlauch.

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Erstellt: 21.09.2010, 20:17 Uhr

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