«Ich will klettern, bis ich tot bin»

Ab 70 Jahren werde es kritisch, sagte der Extrembergsteiger Oswald Oelz einmal. Jetzt ist er selbst bald so alt und lebt als Hobbybauer am Bachtel. Aufhören will er noch lange nicht.

«Bergsteigen ist ja eigentlich völlig sinnlos»: Oswald Oelz in seinem Element.

«Bergsteigen ist ja eigentlich völlig sinnlos»: Oswald Oelz in seinem Element. Bild: PD

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Entspannt steht Oswald Oelz vor seinem Heim ob Wernetshausen am Bachtel, die Hände in den Taschen seiner bequemen Allzweckhose. Als wäre er einer, der bloss noch entscheiden muss, ob er seine Schafe füttern oder Holz spalten solle. Einer, der sich nach einem abenteuerlichen Leben zu Füchsen und Hasen zurückgezogen hat. Nach einem Leben, von dem unter anderem jene vier Zehen zeugen, die er in einem Glas Grappa aufbewahrt. Abgefroren, nach einem Lawinenniedergang im Himalaya im Jahr 1983.

Oelz wischt den Gedanken ans Aufhören beiseite. «Ich will noch mindestens 20 Jahre klettern und überhaupt klettern, bis ich tot bin», sagt der ehemalige Chefarzt und Extrembergsteiger. Der Titel seines neusten Buches führt offenbar in die Irre: «Orte, die ich lebte, bevor ich starb», steht da. Oelz schmunzelt. «Wir suchten einen sexy Titel», sagt er. «Die Leute sollen stehen bleiben und sich wundern: Der lebt ja noch!» Das Buch handelt vom Leben vor dem Tod. Er habe einige «sauschöne Orte erlebt», sagt der 68-Jährige, von denen er erzählen wollte. Von der Arbeit im Spital, einem «erfüllenden Ort», vom Bergsteigen und seinen tödlichen Gefahren, von traumhaften Trekkings und vom glücklichen Landleben am Bachtel.

Ein grenzenloser Egoist

Wir setzen uns mit Oelz an einen mächtigen Holztisch mit riesigen italienischen Renaissancestühlen, wie sie auch im Palazzo Vecchio in Florenz stehen. Er hat die einst halb verfallene Scheune zum grosszügigen Wohnzimmer und Büro ausgebaut. Der Blick schweift durchs grosse Panoramafenster über Zürichsee, Rigi und Pilatus bis zum Eiger, dessen Nordwand Oelz erstmals 1995 bezwungen hat. Eine phänomenale Aussicht. «Ich bin ein Glückspilz», sagt er. «Das hier ist der schönste Ort der Welt.»

Überhaupt leben wir Schweizer in der besten Zeit im besten Land, davon ist der gebürtige Vorarlberger überzeugt. Aber dieses goldene Zeitalter gehe zu Ende. «Wir spüren das und konsumieren geradezu hysterisch.» Er spricht von den übernutzten Fischbeständen der Weltmeere und vom Erdöl. Davon, wie wir in 150 Jahren abgefackelt hätten, was über Hunderte Millionen Jahre entstand. Sich selbst nimmt er von seiner Kritik nicht aus. «Auch ich bin grenzenlos egoistisch, wenn ich die schönsten Orte der Welt konsumiere.» Er sei genauso gierig, fliege um die Welt, geniesse den Tiefschneerausch beim Heliskiing in Kanada. «Eine verdammt schöne Sünde – aber an diesem Wahnsinn werden unsere Nachkommen zu beissen haben.» Noch ist die Welt schön, und Oelz empfiehlt, sie intensiv zu geniessen. Dafür müsse man aber an Grenzen gehen. «In Todesnähe leben wir bewusster.» Er hält es mit Nietzsche: «Das Geheimnis des fruchtbaren Lebens heisst gefährlich leben. Darum: Baut eure Häuser an den Vesuv!»

30 Freunde am Berg verloren

Dem Tod war Oelz oft nah. Nicht nur damals, als er seine Zehen verlor. Er erlitt Lungenödeme, geriet in Eislawinen, stürzte ab. Im August 2008 traf ihn ein fallender Felsbrocken schwer am Kopf. Und damit nicht genug: 30 Freunde hat er beim Bergsteigen verloren.

Lohnt es sich wirklich, so an die Grenzen zu gehen? Diese Frage lasse sich nicht beantworten, sagt er. «Wenn man zum Berg geht, ist man überzeugt, dass man es schafft. Ein Pessimist steigt nicht in die Wand.» Eine Einschränkung macht er aber doch noch: Wer eine Familie mit kleinen Kindern habe, solle «solchen Unsinn» nicht machen. «Bergsteigen ist ja eigentlich völlig sinnlos.»

Für ihn selbst ist es der perfekte Ausgleich. Jahrzehntelang pendelte er zwischen der hoch technisierten Welt des Chefarztes und der archaischen Urwelt der Berge. «In der einen Welt holt man sich die Energie für die andere», sagt er. Wie im September 1997, als er nach grossen Strapazen an den Wendenstöcken im Berner Oberland im Spital einen Tag lang an Sitzungen teilnehmen musste. «Ich war ziemlich entspannt», sagt er. Draussen blöken die Schafe. Oelz ist auch Hobbybauer. Er hält Enten und Gänse, verteidigt sie gegen die Füchse, bringt die Lämmer zum Schlachthof. Er steht gerne selbst am Herd und sitzt danach mit Freunden zum Essen und Trinken am Tisch. Im Garten liegen grosse, von der Sonne gebleichte Knochen. Überreste eines archaischen Mahls? «Nein», winkt er ab, «die stammen von einem Kamel.» Er habe die Knochen in der Wüste gefunden. Auch eines von seinen Paradiesen.

Der Bachtel wird zum Everest

Oelz glaubt, dass er «einen guten Teil der schönen Orte zwischen Antarktis und Alaska» gesehen habe. Er stand auf den sieben höchsten Gipfel der sieben Kontinente, was den sozialen Rang in Bergsteigerkreisen erhöhe. Genug hat er aber noch längst nicht; die Liste seiner Ziele ist lang. Nicht mehr drauf ist der schwierige K2. Der Grund: «Die Berge werden mit jedem Lebensjahr höher, die Wände steiler, die Griffe kleiner.» Ab 70 werde es kritisch, sagte er einmal. «Der Bachtel wird zum Everest.» Damit zu hadern sei sinnlos. Das beeinträchtige bloss die Lebensqualität.

Wie hält er es mit dem Ableben? Er habe viele Patienten in den Tod begleitet, sagt der frühere Chefarzt. «Todeskampf und Schmerz sind unnötig – das kann man heute mit Palliativmedizin verhindern.» Als er als Bergsteiger selbst an die Schwelle zum Jenseits trat, empfand er dies als «sanftes Hinübergleiten». Ob dieser Erfahrungen ist er überzeugt, «dass der Tod kein Problem ist». Zum Abschied begleitet er uns hinunter zur Strasse. Oswald Oelz wird sein Leben weiter auskosten. Freudig winkt er den nächsten Besucher heran: Der Weinhändler fährt vor. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2011, 09:51 Uhr

Oswald Oelz

Der 68-Jährige stand als dritter Mensch auf den Seven Summits, den höchsten Gipfeln der sieben Kontinente. In den Siebzigerjahren machte er sich als Extrembergsteiger, Expeditionsarzt und Höhenmediziner einen Namen. Sein 1999 erschienenes Buch «Mit Eispickel und Stethoskop» war ein Bestseller. Am 27. Mai erscheint sein fünftes Buch, «Orte, die ich lebte, bevor ich starb». Im Zentrum der Vernissage am Freitag, 18 Uhr, Kletterzentrum Schlieren steht eine Podiumsdiskussion mit Oelz, Reinhold Messner und Karin Steinbach Tarnutzer. (was)

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