Kirche Egg steht am Pranger

Eine Familie aus Egg wehrt sich gegen laute Kirchenglocken. Die reformierte Kirche will darüber aber nicht diskutieren. Sie reagierte auf das Gesprächsangebot mit einem Anwaltsschreiben.

Direkt neben der Kirche zu wohnen, hat seinen Preis: Das Kirchengeläut sorgt in Egg für Unmut.

Christoph Kaminski

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Richard-Mark und Nancy Dodds leben mit ihren drei Kindern in unmittelbarer Nähe der reformierten Kirche in Egg. Seit acht Jahren stören sie sich daran, dass an Wochenenden um sieben Uhr abends die Kirchenglocken klingen – eine Viertelstunde lang und mit 97,2 Dezibel, sie haben nachgemessen. Mit einem Messgerät der Zürcher Baudirektion ermittelten sie die Lautstärke einer einzelnen Glocke auf 85,1 dB. Zum Vergleich: Bei der reformierten Kirche Uster massen sie 76,7 dB. Die Familie unterhielt sich mit Nachbarn und kam zum Schluss, die gegenwärtige Situation nicht akzeptieren zu wollen: «Abends draussen zu sitzen, ist schlicht unmöglich», erklärt der Familienvater. «Insgesamt ertönen die Glocken an Sonntagen in dieser Lautstärke 40 Minuten lang», rechnet er vor. «Das morgendliche Geläut hat religiöse Gründe – das können wir akzeptieren. Aber jenes um sieben Uhr abends ist völlig willkürlich.»

«Das Geläute gehört dazu»

Der britisch-schweizerische Doppelbürger wandte sich mit seinem Anliegen an die Kirche und erhielt umgehend eine Antwort – von einem Rechtsanwalt. In Egg ein übliches Vorgehen, wie Dodds etwas irritiert zur Kenntnis nimmt. «Wir sind nicht die Ersten, die das Problem ansprechen.» Nachbarn hätten ähnliche Antworten erhalten, und der Absender sei stets derselbe: eine der renommiertesten Anwaltskanzleien Zürichs. «An Geld scheint es jedenfalls nicht zu mangeln», meint er sarkastisch. Es sei ihm unverständlich, warum die Kirche so rabiat reagiere, statt auf sein Gesprächsangebot einzugehen. Die Korrespondenz liegt dem «Tages-Anzeiger» vor.

Dass die reformierte Kirche sofort einen Anwalt engagiert hat, begründet Lydia Schiratzki, Präsidentin der Kirchenpflege, wie folgt: «Es ist eine rechtliche Frage, und wir wollten dies von Anfang an deutlich klären.» Sie bestätigt, von einem anderen Anwohner Reklamationen erhalten zu haben. «Diese gingen allerdings nicht über das übliche Mass an Unmut hinaus», sagt sie. Schiratzkis Verständnis für die Kritik hält sich demnach in Grenzen: «Leute, die in die Nähe einer Kirche ziehen, sollten sich im Klaren darüber sein, dass das Geläute zu diesem Gebäude gehört. Die Kirche war lange vor ihnen da. Zu denken, dass sich diese nachträglich nach ihren Wünschen zu richten habe, ist unrealistisch.»

Egg hat sich weiterentwickelt

Familie Dodds sieht dies anders: Egg habe sich weiterentwickelt, und die Kirche habe kein Recht, sich über die Bedürfnisse der Anwohner so selbstverständlich hinwegzusetzen. Die Lautstärke der Kirchenglocken sei an ein dünn besiedeltes Dorf angepasst, inzwischen sei das Zentrum aber dicht bebaut, und bald würden mit den zwei Bauprojekten im Rietwies weitere Anwohner hinzukommen. «Die Kirche», fordert Dodds, «muss sich mit der Gemeinde zusammen weiterentwickeln.» Schiratzki weist die Kritik zurück: Vor einem Jahr habe man 25 000 Franken in Renovationen investiert. Damals wurden auch die Hämmerwerke für die Zeitschläge ausgewechselt. «Dies erzeugt nun einen hörbar weicheren Ton», erklärt Schiratzki. Andere Anwohner hätten dies bemerkt. «Wir hören keine Veränderung», insistiert Dodds. «Zudem stammen unsere Messungen aus der Zeit nach der Sanierung. Im besten Fall war es vorher also noch schlimmer.»

Dodds schlagen vor, in die Turmfenster die früher vorhandenen Läden oder Glasscheiben einzubauen. «Meine Frau und ich sind bereit, einen Teil der Kosten zu tragen», schreibt er an die Kirche. Diese möchte davon allerdings nichts wissen: «Das Läuten der Kirche entspricht den gesetzlichen Vorschriften», sagt Schiratzki gegenüber dem «TagesAnzeiger». «Wir sehen keinen Grund, weitere Massnahmen zu ergreifen.» Den Tonfall des kirchlichen Antwortschreibens empfindet Dodds als «arrogant». In seinem Schreiben hatte er sich politische, rechtliche oder mediale Schritte vorbehalten, worauf der Anwalt antwortete, dass die Kirchenpflege der Umsetzung seiner Drohung «mit einer gewissen Gelassenheit» entgegenblicke.

Einen Mittelweg finden

Der Egger ist über die mangelnde Gesprächsbereitschaft der Kirche überrascht: «Wir hofften auf ein einvernehmliches Gespräch», sagt er. «Leider war davon bisher nichts zu spüren.» Nach einer weiteren Konfrontation durch den «Tages-Anzeiger» zeigte sich die Kirchenpflege allerdings plötzlich kooperativ: «Wir werden uns bei unserer nächsten Sitzung mit dem Thema befassen», versprach Schiratzki gestern telefonisch. «Letztlich können wir uns schon vorstellen, uns mit Herrn Dodds zusammenzusetzen, wenn er dies wünscht.»

«Das höre ich zum ersten Mal», wundert sich dieser, «aber bin ich gerne zu einem Gespräch bereit. Das war ja von Anfang an unser Ziel.» Rechtliche Schritte schliesst er inzwischen aus. «Wir möchten gemeinsam mit den Nachbarn etwas erreichen. Diese Forderung muss von der Bevölkerung kommen, nicht aus einer Anwaltskanzlei.» Sollte sich die Kirche weiterhin stur stellen, plant Dodds eine Unterschriftensammlung. «Wir verlangen nicht mehr als einen für alle gangbaren Mittelweg.» Nicht zuletzt kämen mit den neuen Anwohnern im Rietwies 130 weitere Betroffene hinzu. «Es geht hier nicht nur um unser Privatinteresse», betont er.

Erstellt: 18.06.2010, 22:27 Uhr

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