Letzter Versuch, die vermisste Annika Hutter zu finden

1981 verschwand die Gymnasiastin Annika Hutter in Kemptthal. Grossfahndung und Aufrufe über «Aktenzeichen XY» blieben ohne Erfolg. Jetzt sucht eine Gruppe in der Region nochmals nach Spuren.

Damals blieb die Suche erfolglos: Helfer suchten bereits im Jahr 1981 nach Spuren von der vermissten Annika Hutter.

Damals blieb die Suche erfolglos: Helfer suchten bereits im Jahr 1981 nach Spuren von der vermissten Annika Hutter. Bild: Keystone

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«Annika Hutter, vermisst, seit 11. 7. 1981» – das steht auf laminierten A4-Blättern, die derzeit in Waldgebieten im Zürcher Oberland und dem Oberen Glattal zu finden sind. Wer die angegebene Telefonnummer anruft, wird mit Kurt Werner verbunden. Werner wohnt in Oetwil am See, ist Inhaber einer Firma für Bojenservice und die Reparatur von Bootsmotoren, und er gehört der Interessengemeinschaft für ungelöste Fälle mit Sitz in Lindau an.

Die kleine Gruppe legt den Fokus auf die gut ein Dutzend Fälle von verschwundenen Kindern und Jugendlichen Anfang der 80er-Jahre, von denen viele bis heute nicht geklärt sind. Mehr als die Hälfte der Kinder wurde nie gefunden.

Nur einer kommt infrage

Auch die Akte Annika Hutter ist noch nicht geschlossen. Die Gymnasiastin war am erwähnten Datum im Sommer 1981 von ihrem Wohnort Nürensdorf aufgebrochen, um Schulkollegen in Winterthur zu treffen. Dort kam sie nie an. Tags darauf wurde ihr Mofa im Wald bei Kemptthal gefunden. Sie hatte es offenbar wegen eines technischen Defekts stehen lassen. Eine gross angelegte Suchaktion in der Region Kemptthal/Lindau blieb erfolglos.

Doch es gingen diverse Hinweise ein – auch dank der TV-Sendung Aktenzeichen XY ungelöst, die den Fall zweimal aufgriff. Verschiedene Zeugen wollten Annika zwischen Kemptthal und Dübendorf in einem Mofaanhänger gesehen haben. Doch einen Fahndungserfolg konnte die Polizei nicht nachweisen. Für Kurt Werner ist klar, wieso: Die Aufklärung des Falls sei damals durch «Schlamperei» und Unzulänglichkeiten einiger Involvierter erschwert worden. Die Polizei sei wichtigen Hinweisen nicht nachgegangen. Auch habe das Bild des Mofas nicht gestimmt, das in der Zeitung und im Fernsehen gezeigt wurde. «Gemäss Zeugen handelte es sich um einen ganz anderen Typ.»

Nach Hinweisen graben

Werner hat seine eigene Theorie zum Fall. Zuerst einmal ist für ihn klar, dass nur einer für die Tat verantwortlich sein kann: Es ist der Mann, der wegen des Mords an einem Mädchen in St. Gallen erst verurteilt, später aber nach einem Urteil des Bundesgerichts mangels Beweisen wieder freigesprochen wurde. Dieser hatte während der Vernehmung auch gestanden, Annika Hutter getötet zu haben, die Aussage später jedoch widerrufen.

Ebenfalls vermutet Werner, dass es nicht der Täter war, der das Mädchen in seinem Mofaanhänger mitgenommen hatte und dabei von Zeugen gesehen worden war. Vielmehr sei möglich, dass die gesuchte Person Annika habe helfen wollen, diese aber aufgrund ihrer schweren Verletzungen im Anhänger gestorben sein könnte. Um nicht selber als Täter verdächtigt zu werden, so die Theorie, sei der Mofafahrer nicht zur Polizei gegangen und habe die Spuren verwischt.

Diese These sei keineswegs aus der Luft gegriffen, betont Werner und erzählt von den vielen Zeugenaussagen sowie den Hinweisen, die er selbst überprüft habe. Um sich Klarheit zu verschaffen, geht Werner auch schon mal mit der Schaufel in den Wald. Dabei stösst er zwar immer wieder auf menschliche Knochen, die er dann zur Auswertung ans Institut für Rechtsmedizin schickt. Ein brauchbares Resultat ergebe sich daraus aber in der Regel nicht. Denn das Problem sei, dass früher vielerorts die exhumierten Gebeine von Friedhöfen im Wald «entsorgt» worden seien.

Familie erlaubt weitere Suche

Dass die IG 29 Jahre nach dem Verschwinden Annika Hutters nochmals einen Versuch macht, den Fall aufzuklären, hat einmal mit der Verjährungsfrist zu tun, die bei Mord 30 Jahre beträgt. Mit ihrer neuerlichen Aktion möchte die Gruppe nicht zuletzt den Mofafahrer als möglichen Hauptzeugen dazu bewegen, eine Aussage zu machen – auch anonym. Zudem ist das Engagement für Kurt Werner ein Mittel, um mit der eigenen Wut und Ohnmacht klarzukommen. Die befällt ihn immer, wenn er von Gewalt an Kindern hört – auch wenn er selber keine Kinder hat. Doch da ist noch etwas anderes. Vor 29 Jahren verfolgte Werner den Fall Annika Hutter als Privatdetektiv. Er versprach der mittlerweile verstorbenen Mutter von Annika, dass er ihre Tochter finden werde. «Und dieses Versprechen will ich unbedingt halten», sagt Werner.

Allerdings will die IG nicht alte Wunden aufreissen. Zwar habe man von Annikas Vater das Einverständnis erhalten, weitere Anstrengungen zur Lösung des Falls machen zu dürfen. Laut IG-Gründer Markus Fisler will der Vater, der heute im Zürcher Unterland lebt, sich aber nicht über Details unterhalten. Dasselbe gelte für Annikas Schwester, die sich nicht mehr mit dem Fall beschäftigen könne und wolle, wie sie im Gespräch erklärt habe. Gemäss Kurt Werner werde sich die IG daher erst bei der Familie melden, wenn hundertprozentig klar sei, was mit Annika an jenem 11. Juli 1981 geschehen ist.

Für Hinweise und weitere Informationen: www.spurlos.ch oder 079 442 34 31.

Erstellt: 24.11.2010, 20:11 Uhr

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