Mit einer Maus die Welt neu erfinden

Seit 40 Jahren flimmert die «Sendung mit der Maus» über den Bildschirm. Der Walder Enrico Platter prägte ihre Geschichten.

In Wald ein neues Zuhause gefunden: Enrico Platter ist der Ziehvater der «Sendung mit der Maus».

In Wald ein neues Zuhause gefunden: Enrico Platter ist der Ziehvater der «Sendung mit der Maus». Bild: Nicolas Zonvi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sonntag für Sonntag verfolgen Millionen Fernsehzuschauer seit 40 Jahren eine kleine, orange Maus. Der Ziehvater der «Sendung mit der Maus», Enrico Platter, hat inzwischen in Wald sein Zuhause gefunden. «Kinder haben ein sehr offenes Herz. Wenn man etwas in unserer Gesellschaft bewegen will, muss man bei ihnen anfangen.» Platter blickt in die Ferne. Er berichtet von früher.

Früher, da war Platter beim Westdeutschen Rundfunk Köln (WDR) und zeichnete 13 Jahre lang unter anderem verantwortlich für die «Sendung mit der Maus». Heute lebt er in Wald in einer weitläufigen Loftwohnung in der ehemaligen Schoggifabrik, wo er viel Zeit mit seinen Enkelkindern verbringt.

Die Maus – auch für Erwachsene

Dass er in der Gesellschaft etwas bewegen wollte, war immer der Antrieb für sein Schaffen. «Ich geriet mitten in die Bewegung der 68er-Jahre», sagt Platter. Wegen der damaligen Bildungsdiskussion habe ihn die Arbeit im Kinderfernsehen gereizt: «Wir wollten die Welt neu erfinden.» Und so stiess er 1973 zum WDR und damit zur Redaktion der «Sendung mit der Maus». Diese rief zwei Jahre zuvor Gert Kaspar Müntefering, den Platter als den «Urvater» der Maus bezeichnet, zusammen mit zwei Kollegen ins Leben.

Platter entwickelte mit seinem Redaktionsteam die Sendung weiter und prägte sie als «Ziehvater» wesentlich. Bald erreichte die Maus im Fernsehen wöchentlich zweieinhalb Millionen Zuschauer. Sie mauserte sich zur weltweit erfolgreichen Kindersendung. Über 100 Preise gewann sie, und ihre Beiträge werden heute in fast ebenso vielen Ländern ausgestrahlt. «Es ist ein schönes Gefühl, mit einem Format ein so grosses Publikum zu erreichen», sagt Platter und meint damit nicht nur Kinder aus aller Welt, sondern auch Zuschauer aller möglichen Generationen. Fast ein Drittel der Zuschauer seien Erwachsene.

Ewig jung als Erfolgsrezept

Und genau das sei ihr Ziel gewesen. Platter sagt: «Wenn man Fernsehen für Kinder macht, muss man sich auch an ihre Eltern richten.» Ihr Vertrauen sei entscheidend für den Erfolg einer Kindersendung. Im Kern aber, so Platter, rühre der Erfolg der Sendung mit der Maus wohl daher, dass mit der Mischung aus «Sach- und Lachgeschichten» sowohl Bildung als auch Unterhaltung in einer einzigen Sendung geboten würden.

Ebenfalls zum Erfolg beigetragen habe, dass die Maus und der Elefant niemals altern würden. «Sie kriegen keine Runzeln wie ich, sie besitzen die ewige Jugend», sagt der 66-Jährige. Dadurch werde das Interesse an der Sendung generationenübergreifend weitergegeben.

Kinderfernsehen revolutioniert

Man kann wohl sagen, dass Platter und sein Team mit der «Sendung mit der Maus» das Kinderfernsehen revolutioniert haben. «Zu der Zeit bestanden Kindersendungen noch darin, dass freundliche Tanten mit den Kindern im Studio spielten und bastelten.» Da hätten sie mit ihrem Format ganz andere Zugänge zum Kinderpublikum gefunden. «Die‹Sendung mit der Maus› sollte für die Kinder so etwas wie die‹Tagesschau› für die Erwachsenen werden. Und das wurde sie auch.»

Um dahin zu gelangen, war ein grosser Effort nötig. Platter kämpfte im WDR um den prominenten Sendeplatz am Sonntag um 11.30 Uhr und um das nötige Budget, um die Sendung professionell gestalten zu können. Inhaltlich war aber auch der Beitrag der Kinder wesentlich. «Sie haben uns Vorschläge und Wunschthemen zugeschickt und viele Geschichten erfunden, die wir mit der Maus umsetzen konnten», sagt Platter.

Tochter war Versuchskaninchen

Als er begann für die Sendung mit der Maus zu arbeiten, war seine Tochter gerade drei Jahre alt. Oft arbeitete er von zu Hause aus und las die Geschichten für die Sendung seiner Tochter vor. Sie sei sein Versuchskaninchen gewesen. «War sie von einer Geschichte fasziniert, wusste ich, dass sie Potenzial hatte.» Kinder seien wahnsinnig aufmerksam. «Sie merken sofort, wenn etwas nicht logisch ist.» Heute ist seine Tochter erwachsen und mit einem Schweizer verheiratet. Darum leben auch Platter und seine Frau, Iris Pinkepank, in derselben umgenutzten Schoggifabrik. Sie fühlen sich wohl in Wald. «Jeden Sonntag koche ich ein leckeres Essen für die ganze Familie. Das ist wunderbar.» Aber auch ausserhalb des Fabrikareals ist Platter am Leben beteiligt. Im Männerchor Wald-Laupen singt er mit, und im Dojo praktiziert er regelmässig Aikido. Platter blickt sich in seiner Loft um, lässt den Blick aus dem Fenster über die Hügel schweifen: «Es ist ein Privileg, wenn man mit seinen Ideen und Positionen etwas zur Gesellschaft beitragen kann. Und die Kinder sind entscheidend.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2011, 23:47 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Kaffee – von der Produktion bis zur Wiederverwertung

Der Kaffee von Nespresso mag zwar auf einer Plantage am anderen Ende der Welt wachsen, zuletzt landet er jedoch auf Schweizer Äckern als Dünger.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Besuch aus der Heimat: Die Schweizergardisten im Vatikan stehen stramm, denn Bundesrat Alain Berset ist auf Visite. (12. November 2018)
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...