Nur Sorgen machen dürfen sie sich noch auf Hochdeutsch

Claudia Kunz arbeitet in einem Kindergarten in Uster, Carola Hansky in Rüti. Beide stammen aus Deutschland, und beide sind nach dem Ja zur Mundartinitiative verunsichert.

Weder Kinder noch Eltern haben bisher mit ihrer Sprache Probleme bekundet: Die gebürtige Süddeutsche Carola Hansky hat mit den Kindergärtlern in Rüti bisher Hochdeutsch gesprochen.

Weder Kinder noch Eltern haben bisher mit ihrer Sprache Probleme bekundet: Die gebürtige Süddeutsche Carola Hansky hat mit den Kindergärtlern in Rüti bisher Hochdeutsch gesprochen. Bild: David Kündig

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Claudia Kunz hat ein Problem: Sie kommt aus Deutschland, und sie tut sich schwer mit der Schweizer Mundart. Ein Problem ist das, weil sie seit vier Jahren in Uster als Kindergärtnerin arbeitet. Nach dem Ja zur Mundartinitiative fürchtete sie um ihre Arbeitsstelle.

Zwar haben ihr Vertreter der Schulleitungen und der Gemeindebehörden versichert, dass diese Angst unbegründet sei. Trotzdem hinterlässt das Abstimmungsresultat bei Kunz eine gewisse Unsicherheit. Denn es ist nicht klar definiert, welche Sprachkompetenzen von Kindergärtnerinnen künftig gefordert sind.

Velo statt Fahrrad

Verstehen tut Claudia Kunz die Schweizer Mundart bestens. Als sie hierher gezogen sei, habe sie lange eine Mischform zwischen Deutsch und Mundart gesprochen, sagt die 26-Jährige. Im Kindergarten möchte sie den Kindern aber ein Sprachvorbild sein. «So entschied ich mich fürs Deutsch.» Kinder wie auch Eltern hätten sich rasch an ihre Sprache gewöhnt und damit keine Probleme bekundet.

Ähnliche Erfahrungen hat auch die Kindergärtnerin Carola Hansky gemacht, die aus Süddeutschland stammt und in Rüti unterrichtet. Sie teilt sich mit einer Kollegin die Stelle, wobei sie selbst bisher konsequent Hochdeutsch gesprochen hat und die Stellenpartnerin Mundart. Hansky achtet darauf, dass sie «Velo» sagt und nicht «Fahrrad», sie ersetzt «Gehsteig» durch «Trottoir». Sie merke rasch, wenn ein Kind einen Begriff nicht kenne und erkläre ihm diesen, sagt sie.

Ball liegt bei den Gemeinden

Die Annahme der Mundart-Initiative hat auch Hansky verunsichert. Was genau sind denn jetzt die Anforderungen? Wie gut muss eine Kindergärtnerin die Mundart beherrschen? Und wie steht es beispielsweise mit einem Walliser Dialekt? Und erst recht mit einem schwäbischen? Viele ungeklärte Fragen.

Laut Martin Wendelspiess, dem Chef des Zürcher Volksschulamts, ist es nun Sache der einzelnen Gemeinden respektive der Schulbehörden, zu entscheiden, ob eine Kindergärtnerin genügend gut Mundart spreche. Auch die Frage, welche Dialekte noch toleriert werden, müsse von Fall zu Fall durch die Schulbehörde geprüft werden. Viele Schweizer hätten sich an das Schwäbische gewöhnt, nicht zuletzt dank des Fussballtrainers Ottmar Hitzfeld. Wendelspiess kann sich daher gut vorstellen, dass Schwäbisch von der Schulbehörde akzeptiert werde.

«Sicher keine Entlassung»

Für die Ustermer Primarschulpräsidentin Sabine Wettstein, die sich mit dem Fall von Claudia Kunz beschäftigen muss, ist zurzeit noch vieles unklar. Sie rechnet aber fest damit, dass der Kanton eine Übergangsfrist für die Umsetzung der Initiative gewährt. Laut Wendelspiess wäre es tatsächlich denkbar, dass die Schulbehörden den Kindergärtnerinnen eine Frist von einem Jahr setzen, um Mundart zu lernen.

Eines ist für Sabine Wettstein aber heute schon klar: Sie hat nicht die Absicht, Kindergärtnerinnen wie Claudia Kunz zu entlassen, nur weil diese noch keine Mundart sprechen können. «Gute Kindergärtnerinnen sind mir nach wie vor wichtig», sagt sieMartin Wendelspiess schätzt, dass nur rund 10 bis 20 der total 1700 Kindergärtnerinnen im Kanton Zürich keine Mundart sprechen. Er könne sich aber nicht vorstellen, dass eine Kindergärtnerin künftig eine Prüfung in Mundart ablegen müsse. Heute sagt das Lehrerpatent nichts über die Sprache aus. Kindergärtnerinnen, die ihre Ausbildung nicht in der Schweiz gemacht haben, müssen sich nachqualifizieren. Möglich, dass in diesem Verfahren die Mundart künftig zum Thema wird. Wendelspiess geht davon aus, dass viele ausländische Kindergärtnerinnen durchaus Mundart sprechen können und sich nun einfach überwinden müssen, diese bei der Arbeit auch anzuwenden. Probleme sieht er aber auf Kindergärten zukommen, die einen hohen Anteil an fremdsprachigen Kindern haben. Dort dürfen die Kindergärtnerinnen künftig nicht mehr auf Hochdeutsch unterrichten. Mit all den offenen Fragen muss sich nun der Bildungsrat auseinandersetzen, damit die Initiative innert nützlicher Frist umgesetzt werden kann. Denn schon ab dem Schuljahr 2012/13 soll im Kindergarten wieder mehr Mundart zu hören sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2011, 23:57 Uhr

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