Strom aus Wasserwirbeln in der Glatt

Der Dübendorfer EVP-Gemeinderat Matthias Maag möchte mit einem Wasserwirbelkraftwerk die Energie der Glatt nutzen. Die erste Anlage in der Schweiz wurde jüngst mit dem Watt d’Or 2011 ausgezeichnet.

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Die Idee eines Wasserkraftwerks an der Glatt, mitten in der Stadt Dübendorf, ist nicht neu. Auch dass sie im Zuge der laufenden Atomstromdebatte erneut aufs Parkett kommt, überrascht nicht. Der konkrete Vorschlag freilich, mit dem EVP-Gemeinderat Matthias Maag in einem Postulat aufwartet, ist bemerkenswert: Zusammen mit den Nachbargemeinden soll die Stadt Dübendorf die Machbarkeit von neuartigen Wasserwirbelkraftwerken prüfen.

Maag fordert den Stadtrat auf, mit der Genossenschaft Wasserwirbelkraftwerke Schweiz Kontakt aufzunehmen, die eine solche Anlage bereits erfolgreich im aargauischen Schöftland betreibt (siehe Grafik).

Der Natur abgeschaut

Das Wasserwirbelkraftwerk funktioniert mit einer einfachen Technik, die direkt von der Natur kopiert ist: Kernstück ist ein Becken mit einem zentralen Abfluss wie in einem Lavabo. Dieses befindet sich in einem Fluss oder Bach an einer Stelle, die über mindestens 70 Zentimeter Gefälle und eine Durchflussmenge von rund 1000 Litern pro Sekunde verfügt. Über dem Abfluss bildet sich automatisch ein Wasserwirbel. Dort hinein wird ein Rotor gestellt, der sich ungefähr 20-mal pro Minute dreht und damit einen Generator antreibt, der Strom produziert und ins Netz einspeist. Dank der langsamen Bewegung des Rotors können Fische das Wasserwirbelkraftwerk problemlos in beiden Richtungen passieren.

Wasserwirbelkraftwerke benötigen weniger Gefälle als herkömmliche Klein-Flusskraftwerke und eine kleinere Wassermenge. «Die Glatt erfüllt die Voraussetzungen einer konstanten Durchflussmenge und eines geeigneten Gefälles an mehreren Stellen», sagt Matthias Maag.

Rund 340'000 Franken teuer

Von der Machbarkeit eines solchen Kraftwerks ist nicht nur der Parlamentarier Maag überzeugt. Auch Kaspar Schuler, Leiter des Bereichs Klima und Energie bei Greenpeace Schweiz, ist von der Idee des Wasserwirbelkraftwerks fasziniert, weil mit einfacher Technologie und mit minimalem ökologischem Eingriff eine ansehnliche Menge Strom produziert werden könne. «Wenn bewiesen werden kann, dass die Wasserfauna nicht bedroht wird, gebe ich dieser Technologie sehr grosse Chancen», sagt er. Zurzeit laufen verschiedene Untersuchungen zu den ökologischen Auswirkungen des Kraftwerkstyps. Etwa beim kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel), das aufgrund des ersten Konzessionsgesuchs für eine solche Anlage im Kanton Zürich prüft, welche Auswirkungen Wasserwirbelkraftwerke auf ein Gewässer haben.

Auch das Bundesamt für Energie ist auf die Technik aufmerksam geworden. Es hat die Genossenschaft Wasserwirbelkraftwerke Schweiz (GWWK) mit dem Prix Watt d’Or 2011 ausgezeichnet. Die Genossenschaft versorgt mit der ersten derartigen Anlage der Schweiz in der aargauischen Gemeinde Schöftland 20 bis 25 Haushalte mit Strom. Was die Topografie betreffe, sagt Maag, sei Schöftland durchaus mit Dübendorf vergleichbar. Die Anlage in der aargauischen Gemeinde wird in einem runden Becken von 6,5 Meter Durchmesser und 1,7 Meter Gefälle betrieben. Je nach Wassermenge entstehen 10 bis 15 Kilowatt elektrische Leistung, was einer Jahresproduktion in der Grössenordnung von 80'000 bis 120'000 Kilowattstunden entspricht. Gekostet hat der Bau der Anlage 340'000 Franken. Matthias Maag ist nicht der Einzige, der Gefallen gefunden hat am Prinzip. «Wir erhalten laufend Anfragen aus Drittweltländern, die sich für die Technik interessieren», sagt Daniel Styger von der Betreiberin GWWK. Auch aus dem näheren Ausland lässt man Interesse an der Idee verlauten, und natürlich klopfen viele Schweizer Gemeinden bei der GWWK an, die abklären wollen, ob sich ihre Bäche für ein Wasserwirbelkraftwerk eignen.

Gewässer werden renaturiert

Das grosse Interesse hat seinen Grund: Seit Beginn dieses Jahres gilt ein neues Gewässernutzungsgesetz, das die Behörden zwingt, Flüsse, die im Laufe der letzten Jahrzehnte begradigt oder anderweitig verändert wurden, wieder in einen möglichst naturnahen Zustand zurückzuführen. So müssen viele Hundert Kilometer Fluss in der Schweiz renaturiert werden. Alle diese Gewässer eignen sich für ein Wasserwirbelkraftwerk, sofern das nötige Gefälle und die Wassermenge vorhanden sind. «Gewässer, die unverbaut sind, sollen auch unverbaut bleiben», findet Styger. Es bestehe genügend Potenzial in Flüssen und Bächen, die verbaut worden seien und nun renaturiert werden sollen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.03.2011, 22:01 Uhr

Pioniertat

Vom Bund prämiert

Das Bundesamt hat der Genossenschaft Wasserwirbelkraftwerke Schweiz (GWWK), die seit gut einem Jahr die erste derartige Anlage in der aargauischen Gemeinde Schöftland betreibt, den «Prix Watt d’Or 2011» verliehen. Es ist die höchste Auszeichnung in der Schweiz, die in Sachen erneuerbarer Energie vergeben wird. Die Gründer, das Schöftländer Ehepaar Andreas Steinmann und Heidi Zumstein, haben vor vier Jahren ein 200-jähriges Anwesen direkt an der Suhre erstanden und in der Folge möglichst ökologisch saniert. Bei Recherchen stiess das Paar auf ein Kleinst-Wasserwirbelkraftwerk in Österreich und ersann die Idee zum Bau einer eigenen Anlage. Zur Finanzbeschaffung gründeten die beiden die GWWK und lösten eine Patentlizenz für die Schweiz. Die Genossenschaft beschaffte nicht nur Kapital für die Pilotanlage, sie hat sich zum Ziel gesetzt, jährlich rund 10 bis 15 Wasserwirbelkraftwerke in der Schweiz zu planen und zu bauen. (lop)

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