So kämpft ein Opfer von Zahnarztpfusch um Gerechtigkeit

Teddy A. ist einer der Medizinalfälle, der durch die Zürcher Staatsanwaltschaft verschleppt wurde – nun sind in seinem Fall drei Beschuldigte fein raus.

Teddy A. hat inzwischen neue Zahnimplantate erhalten. Die Opferhilfe hat die komplizierte, teure Operation bezahlt. Foto: Giorgia Müller

Teddy A. hat inzwischen neue Zahnimplantate erhalten. Die Opferhilfe hat die komplizierte, teure Operation bezahlt. Foto: Giorgia Müller

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Die Worte von Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) sind aufrichtig gemeint: «Ich entschuldige mich für das Leid jener Personen, die zu lange auf eine strafrechtliche Beurteilung warten mussten.» Dies sagte Fehr gestern vor den Medien, als sie die Ergebnisse der Administrativun­tersuchung präsentierte, die sie wegen der Verschleppung von ­Medizinalfällen durch die Staatsanwaltschaft in Auftrag gegeben hatte (siehe Infobox). Der Schlussbericht zeigt klar: Zwischen 2011 und 2016 blieben ­viele Verfahren monate- oder jahrelang auf dem Tisch des zuständigen Staatsanwaltes liegen, ohne dass etwas passierte.

Eines dieser Verfahren ist der Fall von Teddy A., der von mehreren Zahnärzten fehlbehandelt wurde. Am Ende waren seine Zähne weg und der Kiefer zerstört. Teddy A. litt unter Schmerzen, er konnte nicht mehr richtig essen, wurde depressiv und arbeitslos. Heute bezieht er eine IV-Rente. «Die Entschuldigung hilft mir nicht», sagt er am Telefon, noch immer hörbar aufgewühlt durch das Unrecht, das ihm geschehen ist.

Die Leidensgeschichte von Teddy A. ist lang, der TA machte sie im November 2016 öffentlich. Die Zürcher Kantonszahnärztin hat den Fall untersucht und zog ein klares Fazit: «Herr A. wurde während knapp vier Jahren von drei verschiedenen Zahnärzten ohne exakte Befundaufnahme, Diagnose, Indikationsstellung und auf äusserst invasive Weise behandelt. Insbesondere wurden Herrn A. im Oberkiefer sämtliche Zähne gezogen, ohne dass genaue Befunde und Erwägungen zur Prognose vorlagen.»

Anzeige als letztes Mittel

Die Entfernung der oberen Zähne erfolgte 2009 durch einen ersten Zahnarzt, danach setzten ein zweiter und ein dritter Zahnarzt mehrmals Implantate ein und entfernten sie wieder wegen Entzündungen. Ende 2012 gab der dritte auf, weil er nicht mehr weiterwusste. Teddy A. wandte sich an die Zahnärztegesellschaft, die zwar Fehler feststellte, ihm aber nicht weiterhalf. Darauf gelangte er an die Kantonszahnärztin. Diese forderte die fehlbaren Zahnärzte in einem Schiedsurteil auf, den Fall ihrer Haftpflichtversicherung zu melden; doch die Zahnärzte negierten die Aufforderung.

Es klemmte auf der Staatsanwaltschaft und sein Fall kam nicht voran. Auch Nachfragen nützten nichts.

Da suchte Teddy A. Hilfe bei einem Anwalt. Christian Christen nahm sich des Falles an und reichte Strafanzeige ein gegen die drei Zahnärzte sowie gegen einen Zahntechniker, der ebenfalls in die Behandlung von Teddy A. involviert war. Anwalt Christen stellte schon bald fest, dass es auf der Staatsanwaltschaft klemmte und sein Fall nicht vorankam. Auch Nachfragen nützten nichts. Dabei hätte es pressiert, denn der eingeklagte Straftatbestand der fahrlässigen schweren Körperverletzung verjährt nach sieben Jahren. Was denn 2016 auch passierte. Damit waren drei der vier Beschuldigten fein raus.

Schwere Körperverletzung vorgeworfen

Einzig das Verfahren gegen den ersten Zahnarzt lief weiter, denn diesem wirft Christen vorsätzliche oder zumindest eventualvorsätzliche schwere Körperverletzung vor, was erst nach 15 Jahren verjährt.

Doch auch hier ist der Anwalt von Teddy A. bis heute nicht wirklich weitergekommen. Erst lief er bei dem Staatsanwalt auf, der zwischen 2011 und 2018 für die Medizinalfälle zuständig war und zahlreiche Verfahren verschleppte, wie jetzt die Administrativuntersuchung zeigt. Den Fall von Teddy A. hat er zudem nicht nur verzögert, sondern er wollte ihn ganz einstellen. Dagegen wehrte sich der Anwalt und erhielt vom Obergericht recht. Eine andere Staatsanwältin ermittelte weiter.

Die Hoffnung, dass Teddy A. vor Gericht irgendwann einmal recht erhalten wird, ist allerdings beschränkt. Der Arzt, der ihm alle Zähne aus dem Oberkiefer gezogen hatte, hat sich in der Zwischenzeit nach Frankreich abgesetzt. Laut Anwalt Christen hat die Staatsanwältin ihn zwar aufgespürt, beabsichtigt das Verfahren nun aber erneut einzustellen, weil der Beschuldigte ­angeblich dement sei.

Nur einen Aspekt untersucht

Der Anwalt wird weiterkämpfen, er lässt nicht locker. Teddy A. sagt: «Ohne Herrn Christen wäre ich verloren.» Christen ist auch ­unzufrieden mit dem Resultat der Administrativuntersuchung: «Nur zu sagen, es sei alles zu langsam gegangen, genügt nicht. Man hätte die Fälle auch inhaltlich anschauen müssen.» Denn der spezialisierte Staatsanwalt pflegte seine Verfahren grossmehrheitlich einzustellen – sofern er sie abschloss. Wie aus der Antwort auf eine Anfrage im Kantonsrat hervorgeht, hat er bis 2017 insgesamt 82 Verfahren ­erledigt, wovon 80 durch Einstellung und 2 durch einen Strafbefehl.

Der Kritisierte hatte vor seiner Anstellung beim Staat als Anwalt gearbeitet und war auf Medizinfälle spezialisiert – deswegen hat ihn die Staatsanwaltschaft auch geholt. Unter anderen hatte er den bekannten Herzchirurgen Marko Turina vertreten, der ein Spenderherz mit der falschen Blutgruppe transplantiert hatte und wegen fahrlässiger Tötung angeklagt wurde. Als der Anwalt 2011 zum Staat wechselte, kritisierte er die vielen Einstellungen und die langen Verfahrensdauern bei medizinischen Straffällen. Sein Ziel sei, dies zu verhindern, sagte er damals in der NZZ.

Problem war bekannt

Das ist ihm offensichtlich nicht gelungen. Heute ist er wieder ­Anwalt. Um eine Stellungnahme gebeten, teilt er mit: «Aufgrund meiner Inspektionsberichte sowie der daraufhin jeweils stattfindenden Inspektionsgespräche war für mich jederzeit klar, dass die vorgesetzten Stellen über die Situation im Bilde waren.» Im Klartext: Seine Überlastung war bekannt, doch es wurde lange nichts dagegen unternommen.

Erstellt: 13.09.2019, 07:55 Uhr

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Administrativuntersuchung kommt zu deutlichen Resultaten

Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat jahrelang Ärzte- und Medizinalfälle verschleppt. Das zeigt das überraschend deutliche Ergebnis einer Administrativuntersuchung, das gestern Justizdirektorin Jacqueline Fehr und der ­Gutachter Robert Frauchiger präsentierten. Der Rechtsanwalt un­tersuchte 20 pendente Fälle, wo mögliche Ärztefehler vorliegen. Grossmehrheitlich hätten diese nicht nachvollziehbare Bearbeitungslücken aufgewiesen. Ein Fall blieb ganze fünf Jahre lang liegen.

Auslöser für die Untersuchung waren eine Aufsichtsbeschwerde und eine kantonsrätliche Anfrage, die im Sommer 2018 beim Regierungsrat eingingen. Fast zeitgleich wurde eine Strafanzeige gegen zwei ehemalige und einen amtierenden Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft eingereicht. Sie hätten zu langsam gearbeitet und damit gegen das Beschleunigungsgebot verstossen, lautete der Vorwurf. Der Regierungsrat gab daraufhin die Administrativuntersuchung in Auftrag. Die Strafanzeigen erledigten sich zwischenzeitlich, es kam zu keinem Verfahren.

Ungenügende Leistung

Das Gutachten kritisiert aber die involvierten Personen. Der zuständige Staatsanwalt habe zu wenig auf seine zu hohe Arbeitslast und Verfahrenslücken hingewiesen. Aber auch seine Vorgesetzten agierten ungenügend: Der zuständige Oberstaatsanwalt hätte angesichts der aktenkundigen hohen Anzahl Pendenzen bereits früher Abklärungen zur Situation vornehmen müssen. Ab 2013 ist der Anteil der pendenten Verfahren innert drei Jahren von 40 auf 89 Prozent gestiegen.

Der Gutachter hält auch fest, die wichtigste Massnahme gegen diesen Zustand sei bereits per 1. April 2017 getroffen worden: Die Staatsanwaltschaft löste eine auf Medizinalfälle spezialisierte Abteilung wieder auf. Sie war 2011 gegründet worden. Seit 2017 kümmern sich vier Staatsanwälte der Abteilung für Gewaltdelikte um die Medizinalfälle. Sie haben dafür Kapazität im Umfang von zwei Vollzeit­stellen. Die Spezialisierung hatte mangelnde Abstützung in einem Team und zu wenig Ressourcen zur Folge, zudem war die Einarbeitung des neuen Staatsanwaltes ungenügend, stellt der ­Bericht fest. Pro Jahr werden im Kanton Zürich durchschnittlich 20 Strafanzeigen wegen möglicher Ärztefehler eingereicht.

Der kritisierte Spezial-Staatsanwalt hat die Staatsanwaltschaft in der Zwischenzeit verlassen, der leitende Staats- und der Oberstaatsanwalt sind pensioniert. Gemäss Frauchiger ist die reguläre Abwicklung von Medizinalfällen im Kanton Zürich wieder gewährleistet. Die Justizdirektion verpflichtet die Staatsanwaltschaft, das Inspektionswesen grundsätzlich zu überprüfen. (sip)

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