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Pétains bedeutsame Notizen

Ein neues Dokument belegt: Der Chef des Vichy-Regimes hat die Judenverfolgung nicht nur zugelassen, sondern aktiv betrieben.

Von Oliver Meiler, Marseille Fünf Schreibmaschinenseiten voller Randnotizen sorgen in Frankreich für das Aufflammen einer alten Debatte. Es ist ein vertrauliches Dokument aus dem Oktober 1940, das die Rolle von Philippe Pétain, dem Chef des Regimes von Vichy, in ein neues und klareres Licht stellt. Ein anonymer Spender hat das Dokument dem Gedenkmuseum für die Schoah in Paris übergeben. Die ersten grafologischen Gutachten belegen, dass es der damals 84-jährige Maréchal war, der den Bleistift führte. Bei dem Dokument handelt es sich um den Gesetzesentwurf für das erste «Judenstatut»: um den offiziellen Auftakt zur Judenverfolgung in Frankreich. Pétain dünkte es, dass die Vorlage seiner Regierung nicht hart genug sei. So schlug diese zum Beispiel vor, dass alle Nachfahren von Juden, die als Franzosen geboren worden waren, und solche, die Frankreich vor 1860 eingebürgert hatte, von der geplanten Diskriminierung auszunehmen seien. Der Maréchal strich die Ausnahmeregelung ersatzlos. Kein Jude sollte mehr an Wahlen teilnehmen dürfen: weder an nationalen noch an kommunalen. Weiter veranlasste der Maréchal, dass Juden in der Justiz und in der Erziehung keine Funktionen mehr ausüben durften, während in der Vorlage allein vom Ausschluss von den hohen Chargen die Rede gewesen war: Richter, Schulvorsteher, Inspektoren. Ein seniler Handlanger? Neu ist nicht die Erkenntnis, dass das kollaborierende Vichy-Regime von Antisemitismus getrieben war. Das «Judenstatut» wurde am 3. Oktober 1940 verabschiedet, ohne dass Hitler-Deutschland eines gefordert hätte. Neu ist der schriftliche Beleg dafür, dass Pétain selber eine äusserst aktive Rolle spielte bei der frühen Verfolgung der Juden. In Frankreich gibt es nämlich bis heute Kreise, die Pétain für einen senilen und eingeschüchterten Befehlsempfänger der Nazis halten. Und solche, die der Meinung sind, Pétain habe das «gute Vichy» vertreten, während sein Regierungschef, Pierre Laval, für das «böse Vichy» stand. Diese Kreise am rechten Rand behaupteten gar, Pétain habe wie eine Art Schutzschild gewirkt: Ohne ihn, so die Deutung, hätte das Schicksal der französischen Juden noch tragischer ausgesehen. Diese Thesen dürften nach der Publikation dieses Dokuments einen schwierigen Stand haben. Die Historiker dagegen fühlen sich bestätigt. Marc Ferro, ein Biograf Pétains, sagte der bürgerlichen Zeitung «Le Figaro»: «Der Maréchal war beseelt von einem tiefen und virulenten Antisemitismus, der sehr verbreitet war im politischen Milieu vor dem Krieg, in der rechten und der rechtsextremen Presse. Er ist mitverantwortlich für die tragischen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs. Und dennoch habe ich oft erfahren, dass viele Franzosen überzeugt sind, dass Pétain nur die Befehle der Nazis ausführte.»

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