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Plötzlich Sauna im Theater

Das Zürcher Theater Neumarkt verwandelt sich temporär in eine Spa-Landschaft. Imitiert Kunst hier bloss den Gesundheits-Hype, oder kommentiert sie ihn auch?

Zwischenstopp Trinkkur: Saunagäste entspannen im «Wellness Retrotopia» des Theaters Neumarkt.
Zwischenstopp Trinkkur: Saunagäste entspannen im «Wellness Retrotopia» des Theaters Neumarkt.
Reto Oeschger

Gleich rechts neben dem Gemüseladen am Neumarkt befindet sich der Eingang von «Wellness Retrotopia». Wer das Gebäude betritt, erhält Badeschlappen ausgehändigt und einen Bademantel. Ein Saalbruder mit gelber Kutte und leiser Stimme empfängt und führt uns die Treppe hinauf. Badegäste kommen entgegen und verschwinden hinter einer Tür – Warmdusche. Alle lächeln entzückt. Und leicht entrückt.

Das Gebäude, in dem heute das Theater Neumarkt untergebracht ist, war einst ein Sanatorium. An diese Vergangenheit knüpft das Neumarkt mit seiner Wellness-Mimikry an: Es holt Wellness, Sauna, Erholung, Spa ins Theater. Ganz wirklich. Anlass dafür war die Bilgeri-Heilquelle, die im Gebäude wiederentdeckt wurde.

Alles wie echt – oder?

Es sieht tatsächlich alles aus wie echt. Es gibt ein Sprechzimmer, in dem sich die Gäste mit Ärztinnen und Ärzten über jene Behandlungsmethode beraten können, die ihnen am meisten entspricht. Es gibt eine Liegewiese, wo dünne Matratzen ausgelegt sind und Kopfhörer von der Decke herunterhängen. Es gibt eine Bar, einen Massageraum, einen Floating Tank, eine Sauna.

Die Fachärztin hält Sprechstunde. Foto: Reto Oeschger
Die Fachärztin hält Sprechstunde. Foto: Reto Oeschger

Bei genauer Betrachtung fallen die Theaterelemente auf: Die Matten sind auf der Tribüne verteilt, wo normalerweise das Publikum sitzt. Die Sauna steht erhöht auf der Bühne. Wie in ein Schaufenster kann man in sie hineinblicken, weil eine Seite aus Glas besteht. Zu sehen ist neben den Saunagängerinnen und -gängern auch eine Frau, die den Gästen vorliest. Nicht alle Doktoren sind wirkliche Ärzte – manche tun nur so, als ob. Darum machen wir das instinktiv auch: Wir spielen mit und hören in der Sprechstunde mit der Fachärztin, dass wir eher «der nachdenkliche Typ» und gut beraten seien, diesen ernsten Charakter in fröhliche Farben zu kleiden. Ist das jetzt nur Theater? Oder auch Theater?

Wer sich Selbstsorge leisten kann

Das «Wellness Retrotopia» sei ein «absichtsvoller Irrlauf durch den Zeitgeist», schreibt das Neumarkt. «Mimikry sagt Ja zum Zeitgeist, ahmt ihn nach, um so mehr über ihn zu erfahren und ihn so, vielleicht, verändern zu können.» Wie diese Veränderung geschehen könnte, lässt sich vor Ort kaum erkennen. Als Gäste tun wir hier, was man als Gast eines echten Spa auch tun würde: sich entspannen, Gedanken fliessen lassen, bewusst atmen.

Leider war das Baden im Brunnen nicht erlaubt. Foto: Reto Oeschger
Leider war das Baden im Brunnen nicht erlaubt. Foto: Reto Oeschger

Vielleicht aber ist es gerade dies. Ähnlich wie die Wellnessoase, die den gestressten Menschen Ruhe und Erholung bieten soll, will das Theater ein Raum für Besinnung sein. Und gleichzeitig ein Ort, der zum Nachdenken anregt. «Mit dem Projekt wollen wir den aktuellen Imperativ zur Selbstsorge – gesundes Essen, ausreichend Schlaf, genügend Zeit zur Erholung – hinterfragen», sagt Hayat Erdogan, Co-Direktorin des Neumarkts. Damit verbunden sei die Frage, wer sich diese Selbstsorge in Form von Wellness überhaupt leisten könne. Auch deshalb kostet die Morgensauna im Theater Neumarkt nur 10 Franken Eintritt.

«Wellness Retrotopia», Theater Neumarkt, bis 16. Februar. Programm unter: theaterneumarkt.ch

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Baden im Brunnen

Ebenfalls Teil der «Wellness Retrotopia» hätte der Jupiterbrunnen vor dem Theater Neumarkt sein sollen: Gemeinsam mit dem Schweizer Verband für Brunnenheizer*innen sollte das Wasser auf 39 Grad erwärmt werden, damit Gäste darin baden können. Seit vier Jahren wird dieses Konzept in Basel mehrmals pro Winter erfolgreich – mit bis zu 70 Badenden pro Tag – umgesetzt. In Bern wurden ebenfalls schon Brunnen geheizt.

In Zürich allerdings wies der Stadtrat eine entsprechende Anfrage ab. Für das Baden im Jupiterbrunnen hätten die Veranstalterinnen eine Bewilligung gebraucht. Diese wurde, wie Neumarkt-Co-Direktorin Hayat Erdogan auf Anfrage sagt, aus mehreren Gründen nicht erteilt. Unter anderem, weil es sich um einen Trinkwasserbrunnen handle und das öffentliche Interesse an einer solchen Aktion fehle. Gebadet wurde am Donnerstagabend vor dem Neumarkt trotzdem: Die Brunnenheizer*innen aus Basel pumpten Brunnenwasser in grosse Plastikbecken und erwärmten sie mit einem speziellen Ofen. Getrübt hat das die Stimmung des Teams nicht, im Gegenteil: «Wir finden es jetzt umso spannender, weil die Frage, wem der öffentliche Raum gehört und was dort stattfinden soll, noch präsenter ist», sagt einer der Brunnenheizer. (aho)

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