An der Goldküste boomt die rasche Suche nach der grossen Liebe

Wer beim Speed-Dating die Liebe fürs Leben sucht, muss sich in sieben Minuten ins beste Licht rücken. Ein Selbstversuch in Erlenbach.

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Singles, die den Mann oder die Frau fürs Leben weder am Arbeitsplatz noch im Freundeskreis finden, klicken sich oft nächtelang durch Internetdating-Plattformen. Man kann Bierbäuche und zu kleine Oberweiten aussortieren, sich durch Hobbys hin zum vermeintlich idealen «Partner fürs Leben» klicken – oft ohne Erfolg. Das findet auch die 49-jährige Lehrerin Dominique* aus Küsnacht: «Ich war enttäuscht. Die Männer, die ich traf, waren ganz anders, als sie sich beschrieben.»

Wenn ab einem gewissen Alter der Dancefloor als Kontaktbörse wegfällt und Internet nicht die Alternative ist, kann man seit neustem am Goldküsten-Speed-Dating teilnehmen. Ludmilla Wegmann aus Feldmeilen organisiert dieses schnelle Kennenlernen für Menschen ab dreissig.

Winterpölsterchen verstecken

Doch wie fühlt man sich, wenn man sich auf diese unkonventionelle Partnersuche einlässt? Ein Selbstversuch zeigt: Mein Blick in den Spiegel fällt kritischer aus als sonst. Augenfältchen und Winterpölsterchen müssen kaschiert werden, die Kleiderwahl wird zur Qual. Etwas nervös mache ich mich auf den Weg ins Erlengut, wo das Speed-Dating stattfindet. Dort erklärt mir Ludmilla Wegmann, dass die Gruppe der 50- bis 60-Jährigen mehr Zeit brauche, wir uns also gedulden müssen. Ich setze mich zu den drei wartenden Frauen, die wie ich unter 50 sind. Der befürchtete Konkurrenzdruck stellt sich nicht ein, im Gegenteil, es entwickelt sich ein anregendes Gespräch.

Dominique* möchte heute den Mann fürs Leben finden. Sie ist seit vier Jahren geschieden und kinderlos. «Ich habe meinen Freundinnen nicht erzählt, dass ich hier bin, weil ich Angst vor deren Reaktionen hatte», sagt sie.

Männer bekamen kalte Füsse

Vivianne* ist ohne konkrete Vorstellungen gekommen. Die 42-jährige Küsnachterin und Mutter zweier Mädchen ist beruflich gut im Finanzsektor positioniert. Sie hat keine Zeit, um einen Mann zu suchen. Auch sie hat Erfahrungen im Internet gemacht und dazu eine dezidierte Meinung: «Da werden die Menschen wie eine Ware angeboten. Jeder rückt sich ins beste Licht, und Defizite werden verschwiegen.»

Endlich löst sich die Gruppe der 50- bis 60-Jährigen auf. Angeregt schwatzend gehen die Frauen und Männer an uns vorbei. Niemand käme auf die Idee, dass sie sich erst seit wenigen Minuten kennen. Nun sind wir an der Reihe. Zwei Männer haben kalte Füsse gekriegt, wir sind vier Frauen und zwei Männer, eine unbefriedigende Situation. Ludmilla Wegmann zahlt uns deswegen die 100 Franken Gebühr zurück.

Carlo* erzählt mir von seinem Leben in der Toskana und seiner letzten Beziehung, sodass mir kaum Zeit bleibt, ihm von mir zu erzählen. Anschliessend spreche ich mit dem 51-jährigen Peter* aus Meilen, der seit acht Jahren geschieden ist: «Männer in meinem Alter sind beruflich so engagiert, dass keine Zeit für die Suche nach einer Frau bleibt.» Kurz deuten wir an, was wir an einem Lebenspartner schätzen würden: Humor, Vertrauen, Zuverlässigkeit, Treue. Nach den 08/15-Aussagen ist unsere Zeit um.

Insgesamt haben sich beim ersten Speed-Dating in Erlenbach 33 Menschen getroffen. Ludmilla Wegmann ist zufrieden, sie hat viele positive Echos erhalten. Gleichzeitig ist ihr bewusst, dass Verbesserungen möglich sind, etwa ein Catering für die Wartenden. Frau statt Mann kennen gelernt

Die 41-jährige Eva, Verkäuferin in Meilen, ist dagegen enttäuscht: «Vier Frauen und zwei Männer sind eindeutig zu wenig.» Eigentlich hätte man den Anlass absagen sollen, findet sie. Ansonsten gefällt ihr die Idee, in kurzer Zeit Männer kennen zu lernen, die für eine Beziehung bereit sind. Ich selber wiederum habe nicht den Mann meines Lebens gefunden, aber drei tolle Frauen kennen gelernt – wir treffen uns wieder.

* Namen von der Redaktion geändert.

Mehr Nachrichten und Hintergründe vom rechten Seeufer gibt es täglich auf den Regionalseiten im zweiten Bund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an staefa@tages-anzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2010, 22:11 Uhr

So wirds gemacht: Rasch ein paar Fragen ans gegenüber und dann zum nächsten Tisch (Archivbild).

Speed-Dating

Das nächste Speed-Dating findet am 3. Juli 2010 statt. Informationen auf: www.speeddatinggoldkueste.ch

Wenige Sekunden entscheiden

Speed-Dating hat seinen Ursprung in Amerika. Ursprünglich soll ein Rabbi diesen modernen Weg des Kennenlernens kreiert haben, um in der schnelllebigen Geschäftswelt Gleichgesinnte zusammenzuführen. In lockerer Atmosphäre lernt man Singles in einer Stunde kennen: Man sitzt paarweise gegenüber und hat einige Minuten Zeit, um miteinander zu sprechen. Studien beweisen, dass man innerhalb einiger Sekunden bereits über Sympathie und Antipathie entscheidet, deshalb reichen wenige Gesprächsminuten. Nach Ablauf der Zeit rücken die Anwesenden weiter zur nächsten Person, bis alle einmal miteinander gesprochen haben. Man notiert sich, wen man wiedersehen möchte, und gibt die Namen am Schluss dem Moderator. Nur bei gegenseitigem Interesse erhalten beide die Kontaktdaten. (mut)

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