Ex-Gefangene setzen sich für schwierige Junge ein

Die Gefangenenorganisation Reform 91 will in Männedorf aktiv werden, um Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit im Notfall zu helfen.

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Reform 91, eine Selbsthilfegruppe für Strafgefangene und Randständige, will am 12. Juni in der Villa Liebegg in Männedorf die neue Arbeitsgruppe VPAA ins Leben rufen: Vorbeugen – Prophylaxe – ADS – ADHS. Dass die in Frauenfeld beheimatete Organisation dies ausgerechnet in Männedorf macht, hat laut Peter Zimmermann zwei Gründe. Der Präsident der Reform 91 nennt den «Skandal von Hombrechtikon» und die langjährige freundschaftliche Verbundenheit mit der reformierten Kirchenpflege Männedorf.

Bis zu 30 Prozent betroffen

In der Arbeit mit Strafgefangenen und deren Lebensgeschichten hat Zimmermann festgestellt, dass auffällig viele vor allem junge Straftäter – er redet von bis zu 30 Prozent – unter ADH oder ADHS leiden. Das Nichterkennen oder die falsche Behandlung von Jugendlichen mit ADHS ist laut Zimmermann ein Nährboden für Jugendgewalt. Jugendliche Patienten, die nicht richtig behandelt würden, fielen in eine Depression oder würden aggressiv.

Zimmermann hat festgestellt, dass man beim Aufarbeiten der Delikte vor allem die Persönlichkeitsstörungen von jungen Straftätern anschaue. «Auf die Problematik von ADHS geht man im Strafvollzug viel zu wenig ein. Die Aufmerksamkeitsstörung ist dort noch ein grösseres Fremdwort als in der Schule.» Mit Verurteilten werde heute in erster Linie deliktorientiert gearbeitet. Für den gelernten Krankenpfleger ist das ein Fehler: «Man muss das Übel therapeutisch an der Wurzel packen und zuerst das Problem ADHS lösen. Sonst blockt der Delinquent komplett ab», sagt Zimmermann.

«Sonst delinquiert er»

Fachleute und Eltern von Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizitstörungen ADS oder ADHS sollen sich am 12. Juni in Männedorf austauschen. «Wir wollen eine schlagkräftige Organisation aufbauen», erklärt Zimmermann. «Wir müssen gerüstet sein, wenn es zu einem Notfall kommt.»

Unter Notfall versteht der 70-jährige ehemalige Gefangene Situationen wie die Folgende: Ein Teenager wird wegen seines auffälligen Verhaltens von der Schule geworfen. Die alleinerziehende Mutter wird von der neuen Situation überrascht – und ist entsprechend überfordert. «Da wollen wir helfen», sagt Zimmermann. Der junge Mann müsse dringend eine Struktur bekommen. «Man muss ihn beschäftigen. Sonst hängt er nur am Bahnhof herum und delinquiert früher oder später.»

Öffentlichkeit schaffen

Mit der neuen Selbsthilfegruppe will er vernetzend wirken und ganz bewusst auch Öffentlichkeit schaffen. «Wir brauchen Medien, die kritisch über den Strafvollzug und den Umgang mit ADHS berichten», sagt der Vorsitzende von Reform 91. Die mediale Aufmerksamkeit sei umso zentraler, als ihm und seiner Organisation noch immer viel Misstrauen entgegengebracht werde. «Vor allem Schulen und Gemeinden haben Mühe, mit ehemaligen Gefangenen zusammenzuarbeiten», sagt er.

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Erstellt: 17.05.2010, 21:10 Uhr

Der Hombrechtiker Fall

Schulpsychologe vs. Kinderarzt

Reform 91 wandte sich bereits mit einer Petition an den Hombrechtiker Gemeinderat. Die Organisation fordert, die Hintergründe des Schulkonflikts um den Psychologen Lothar Janssen von einer unabhängigen Untersuchungskommission beleuchten zu lassen. Janssen, so beklagte sich der Kinderarzt Hannes Geiges beim Volksschulamt, habe Schüler mit Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) mit autoritären Methoden verstört. Die kantonale Bildungsdirektion hat die öffentliche Anfrage, die der Kinderarzt vor drei Wochen eingereicht hatte, in eine Aufsichtsbeschwerde umgewandelt. Der Hombrechtiker Schulpräsident Walter Bruderer ist verpflichtet, bis zum 26. Mai eine schriftliche Stellungnahme zu verfassen und der Behörde alle relevanten Akten vorzulegen. (pbe)

Problem mit der Aufmerksamkeit

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine psychische Störung, die bereits im Kindesalter beginnt. Sie zeichnet sich durch Probleme mit der Aufmerksamkeit sowie Impulsivität und meist auch Hyperaktivität aus. Bei der Unterform ADS fehlt das Symptom der Hyperaktivität. Etwa 3 bis 10 Prozent aller Kinder zeigen ADHS-Symptome im Sinne einer ADHS. Knaben sind häufiger betroffen als Mädchen. Die Symptome können mit unterschiedlicher Ausprägung bis ins Erwachsenenalter hinein fortbestehen. Die Aufmerksamkeitsdefizitstörung ist ein Störungsbild, das von verschiedenen Faktoren abhängt. Eine besondere erbliche Veranlagung begünstigt die Ausbildung der Krankheit. Für den Verlauf der Störung spielen psychosoziale Faktoren und Umweltbedingungen eine zentrale Rolle. (pbe)

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