Goodbye Goldküste

Eine Männedörfler Lokalpolitikerin kehrt dem Zürichsee den Rücken und erfindet ihr Leben neu: mit einem eigenen Hotel im Tessin, trotz aller Warnungen.

Hier findet dereinst ein grosser Umbau statt: Dieses Haus in Maggia baut Gmür mit prominenter Hilfe zum Hotel um.

Hier findet dereinst ein grosser Umbau statt: Dieses Haus in Maggia baut Gmür mit prominenter Hilfe zum Hotel um. Bild: PD

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Sie hatte genug vom alten Leben. Scheidung, Stagnation im Beruf, die Töchter erwachsen, die Eltern gestorben. Monika Gmür entschied sich zum Ausstieg, sie wollte Männedorf hinter sich lassen. Den Ort, wo sie acht Jahre lang eine engagierte Schulpflegerin war und vier Jahre lang eine überzeugte SP-Präsidentin, wo sie Turnhallen und Schulhäuser eröffnet und zwei Töchter grossgezogen hat.

Mit 54 Jahren sollte es doch möglich sein, irgendwo ganz neu anzufangen, sagte sie sich. Sie kleisterte die Stubenwände mit Flipcharts voll. «Was ich gerne mache», stand da, und daneben: «Was ich gut kann». Dabei kristallisierte sich die Idee für ein kleines Hotel mit Kulturangebot heraus. Ein Traum war geboren, von dem wohl jede Laufbahnberaterin ihr abgeraten hätte.

Buchstäblich ausgewandert

Doch Monika Gmür, die Tochter eines Theaterregisseurs, brauchte keine Beratung. Sie wusste genau, was sie wollte. «Eine ruhige Kugel schieben, ein kleines Hotel, eine Putzfrau, sonst nichts», sagte sie sich und suchte nach ihrem Bestimmungsort. Am Meer wäre es schön, dachte sie, aber zu weit weg. Schliesslich sollten ihre Töchter und ihre Bekannten schnell zu Besuch kommen können. Die Schweiz mit ihrer Gesetzgebung fand sie nicht schlecht, aber dann musste es südlich der Alpen sein. Da vermietete sie ihr Haus und marschierte ins Tessin, über den Gotthard, bis nach Maggia – sie war buchstäblich ausgewandert.

Ihr Erbe erlaubte es ihr, an einen Hauskauf zu denken. So durchstreifte Gmür die Tessiner Täler auf der Suche nach einem geeigneten Objekt und begutachtete Rustico um Rustico. «Steinhaufen», sagt sie und grinst. Die meisten Kaufobjekte seien nämlich ziemlich verlottert gewesen. Doch dann, als sie in Maggia über eine Brücke wanderte, entdeckte sie das Haus ihrer Träume: ein wunderbar verziertes, zweistöckiges Steinhaus mit Granit-Giebeldach und Sonnenuhr an der Wand. Der riesige Garten war umrandet von einer Steinmauer voller Efeu. Gleich daneben ein rauschender Bach, etwas weiter oben ein Wasserfall. Das nicht bewohnte Haus – so fand sie nach längerer Nachforschung heraus – gehörte einem italienischen Orden und stand tatsächlich zum Verkauf. Das sollte es sein, und ein Hotel wollte sie daraus machen. Monika Gmür sitzt im Garten des Café Steiner in Männedorf und nippt genüsslich an ihrem Cappuccino. Sie erzählt gerne von ihren unzähligen Erfahrungen mit den Tessiner Behörden, von all den Hindernissen, die es zu überwinden galt. Von den Telefonaten, Briefen, Sitzungen und Tränen, die es brauchte, um alle von ihrem Projekt zu überzeugen.

Speziell die Banken. Es rieten ihr alle ab. «Zu viele Risiken», sagten Bekannte und Fachleute. Schon zu Beginn hatten die Anwohner gemutmasst, der Orden würde ihr das Haus nie verkaufen. Nicht für ein Hotelprojekt, denn er hatte es einst von der Gemeinde als Alterspflegeheim geschenkt bekommen. Doch Gmür konnte sie alle überzeugen, nicht zuletzt mit ihrem Plan, im Hotel auch kulturelle Anlässe anzubieten, Lesungen, Theater, Ausstellungen. Der Orden liess sich bekehren, und die Anwohner freuten sich.Heute kann Gmür darüber lachen, dass sie während der unendlich scheinenden Wartefrist zwischen Kauf und Spatenstich immer wieder mal etwas verloren auf den 4500 Quadratmeter Land stand, Efeu von den Steinmauern zerrte und den Rasen jätete.

Nichts mit «ruhiger Kugel»

Schliesslich interessierte sich sogar der bekannte Tessiner Architekt Luigi Snozzi für das Hotelprojekt. Er plant jetzt die Renovation des rund 300-jährigen Hauses und den Umbau des dazugehörigen Stalles in einen Hausteil. Am 2. April war Spatenstich. Acht Doppel-, zwei Einzelzimmer und eine Suite sollen Anfang des nächsten Jahres im Hotel garni bereitstehen.

Die «ruhige Kugel» muss Gmür wohl vergessen. Sie wird Angestellte brauchen und selbst als Geschäftsfrau tätig sein müssen, denn ihr Hotel wird das ganze Jahr offen stehen, und es werden regelmässig kulturelle Anlässe für Gäste und Einheimische stattfinden.Die inzwischen 57-Jährige lacht. Das Schicksal hat ihr wieder ein Schnippchen geschlagen. Wie damals, als sie ihren ersten Traum verwirklicht hatte: ein Restaurant in Zürich-Witikon. Dort hat sie ihren Mann kennen gelernt. Ein Jahr später hat sie das Restaurant aufgegeben und mit ihm eine Familie gegründet. Dies kann ihr bei ihrem zweiten realisierten Traum nicht mehr passieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2011, 00:02 Uhr

Monika Gmür

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