Heimatschutz kämpft um Sektensiedlung

Der Herrliberger Gemeinderat hat in einem Haus der Aryanersekte Asbest gefunden. Der Heimatschutz will einen Abriss verhindern und zieht vor Gericht.

Ist zum Streitobjekt geworden: Das Efeuhäuschen, in dem einst friedliebende Sonnenanbeter hausten.

Daniel Kellenberger

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«Asbest? Das kommt ihnen gerade gelegen», sagt Ulrich Ruoff, der Präsident des Zürcher Heimatschutzes. Eben hat er den Entscheid des Herrliberger Gemeinderates vom 10. Juni erhalten, und was er liest, missfällt ihm.

Bereits vor einem Jahr rekurrierte die Stiftung Zürcher Heimatschutz gegen die Bewilligung des Herrliberger Gemeinderats für den Bau eines Mehrfamilienhauses im Garten des alten Aryanerhauses an der Langackerstrasse 126. Das sogenannte Efeuhäuschen ist eine von sieben noch erhaltenen Bauten im Dorf, die von der Blütezeit der Mazdaznan-Sekte um 1920 zeugen.

Sanierung zerstört Charakter

Der Heimatschutz argumentierte in seiner Beschwerde, dass die Gärten, von denen nun einer überbaut werden soll, viel zum Charakter der Aryana-Siedlung beitrügen. Die Architektur der Häuser stehe mit der grünen Umgebung in starkem Zusammenhang. Der Neubau würde diese Einheit beeinträchtigen und mit seiner Grösse auch das Efeuhäuschen selber seiner Bedeutung berauben. Das scheint den Herrliberger Gemeinderat nicht zu kümmern. Er hat beschlossen, das Efeuhäuschen aus dem kommunalen Inventar für schützenswerte Bauten zu streichen, womit der Rekurs des Heimatschutzes hinfällig wird. Haus und Garten können überbaut werden.

Der Gemeinderat begründet seinen Entscheid mit einer Asbestsanierung, die «in den kommenden Jahren unbedingt auszuführen» sei. Im Februar sind Ingenieure im Auftrag der Gemeinde auf asbesthaltige Eternitplatten an der Fassade und im Inneren des Hauses gestossen. Der Ersatz der Platten, heisst es, könne nicht ohne die Beseitigung des Efeus durchgeführt werden, womit die «volkstümliche Bezeichnung» des Wohnhauses keine Bedeutung mehr habe. Zudem würden die Zeichnungen auf der Fassade, die den eigentlichen baukünstlerischen Wert des Hauses ausmachten, unwiderruflich verloren gehen oder abgeschwächt werden.

Ensemble, nicht Efeu schützen

Heimatschützer Ruoff muss ob dieser Begründung den Kopf schütteln. «Der Efeu ist es ja nicht, der die Schutzwürdigkeit ausmacht», ärgert er sich. Zumal der charakteristische Bewuchs zu grossen Teilen gar nicht aus Efeu bestehe, und somit eine Asbestsanierung unbeschadet überstehen würde. Schutzwürdig sei vielmehr die Terrasse, die offene Bauweise hin zum Garten, die das Streben nach Licht, Luft und Natur der ehemaligen Bewohner widerspiegle.

Rouff will «mit höchster Wahrscheinlichkeit» gegen den gemeinderätlichen Entscheid gerichtlich vorgehen. Eine Asbestsanierung ist seiner Meinung nach auch möglich, ohne die Malereien des Hauses zu zerstören. Er strebt eine Neubeurteilung an und somit eine definitive Unterschutzstellung von Efeuhäuschen und Garten. Die Eigentümer müssten auf ihr Neubauprojekt verzichten.

Rekurs mit wenig Chance

Auf der Gemeinde glaubt man nicht an einen Rekurserfolg. Bausekretär Reto Studer: «Nach unserer sorgfältigen Abwägung reicht das öffentliche Interesse am Erhalt des Hauses für eine Unterschutzstellung nicht aus», sagt er. Zumal drei der sieben ehemaligen Aryaner-Liegenschaften bereits definitiv denkmalgeschützt seien. Es sind zwei Jugendstil-Häuser – eines davon das Nachbarhaus des Efeuhäuschens – und ein Transformatorenturm, den die Aryaner damals bauen mussten, weil ihnen die Herrliberger aus Skepsis gegenüber den okkulten Praktiken den Anschluss ans Stromnetz verweigerten.

Studer bedauert das energische Vorgehen des Heimatschutzes. Mit dem Rekurs gegen den Neubau im Garten habe man einen Kompromiss verunmöglicht, der zumindest das Efeuhäuschen erhalten hätte. «Der Heimatschutz geht jetzt aufs Ganze», sagt Studer. «Wenn die Gerichte ihm wider Erwarten recht geben, werden wir dies aber gerne anerkennen. Gegen ein grünes Kleinod hat niemand etwas einzuwenden.»

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Erstellt: 01.07.2010, 23:11 Uhr

Die Überreste der Aryana-Siedlung

Die Mazdaznan-Sekte

Mazdaznan ist eine religiöse Mischlehre aus zarathustrischen und christlichen Elementen. Das Wort Mazdaznan stammt aus der Zensprache und bedeutet «Meistergedanke» oder «Gottesgedanke». Ein Mazdaznan anerkennt, dass das Göttliche im Menschen wohnt und sich durch ihn auswirken will. Der Mensch ist eine unzertrennliche Einheit von Körper, Seele und Geist. Die Mazdaznan befolgen Atem- und Meditationsübungen, sind Vegetarier und legen Wert auf das Schöne und die Gemeinschaft. Auch Sonnenanbetung und tantrische Übungen werden praktiziert.

Die Bewegung hatte einst prominente Anhänger, darunter Bauhaus-Lehrer Johannes Itten, ehemaliger Direktor der Kunstgewerbeschule Zürich, und Schriftsteller Albin Zollinger. Sie lebten auch in der Herrliberger Aryana-Siedlung. Diese bestand zur Blütezeit in den 1920er-Jahren in einer lockeren Ansammlung von Wohngebäuden. Darin lebten rund drei Dutzend Personen nach den Idealen ihrer Heilslehre. Heute ist die Bewegung nur noch sehr klein. Im Aryana-Quartier in Herrliberg lebt nur noch ein Ehepaar, das Teil der Bewegung war. (kab)

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