Im Turm der Uetiker Kirche herrscht noch immer Funkstille

Orange hält am Standort Kirchturm für ihre Mobilfunkanlage fest. Doch der Vertrag mit der Kirchgemeinde läuft 2011 aus. Und die Regierung weigert sich, endlich Recht zu sprechen.

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2001 war in Uetikon der Teufel los: Es war ruchbar geworden, dass die reformierte Kirchenpflege klammheimlich den Glockenstuhl des Kirchturms für eine Dauer von zehn Jahren ausgemietet hatte. Nicht etwa an eine kirchennahe Organisation, sondern an den Mobilfunkanbieter Orange. Dieser wollte im Glockenstuhl des funktechnisch ideal auf einem Geländesporn gelegenen Gotteshauses eine UMTS-Antenne einbauen. Für die Kirchgemeinde winkten als Gegenleistung 100'000 Franken, die Orange als Zins über die ganze Mietdauer offerierte.

Die Uetiker lasen der Kirchenpflege tüchtig die Leviten. Um des schnöden Mammons willen habe die Pflege das Gotteshaus «entweiht», hiess es an einer ausserordentlichen Kirchgemeindeversammlung. Die Kirchenbasis verlangte ultimativ die Kündigung des Vertrages.

Rechtsverzögerung

Derzeit ist die reformierte Uetiker Kirche, die im Inventar der Denkmalschutzobjekte von kantonaler Bedeutung figuriert, eingerüstet. Nicht etwa der Orange-Antenne wegen. Das Gotteshaus erfährt eine Aussenrenovation, eine Erneuerung des Daches und weitere Verbesserungen im Innern. Nach Auskunft von Alex Stamm, Finanzvorstand und Vizepräsident der Kirchenpflege, dürfte das Gerüst Ende Oktober oder Anfang November wieder entfernt werden.

Dannzumal wird die Renovation abgeschlossen sein. Stamm bestätigt, dass der Mobilfunkanbieter Orange bis zum heutigen Tag keinen Franken Mietzins bezahlt hat. Was nur recht und billig ist, denn im Glockenturm herrscht auch heute noch absolute Funkstille. Die UMTS-Funkantenne ist trotz der verbindlichen vertraglichen Vereinbarung mit den Vorgängern der heutigen Kirchenbehörde nie im Glockenstuhl eingebaut worden. Auch im Zuge der laufenden Bauarbeiten ist nichts Derartiges geplant, wie Alex Stamm festhält.

Saumselige Juristen

Die Mobilfunkanbieter in der Schweiz sind nicht bekannt dafür, dass sie bei der Suche nach neuen Antennenstandorten übermässig Rücksicht auf die Wünsche der Anwohner nehmen. Warum also ist Orange bis zum heutigen Tag passiv geblieben, obwohl doch verschiedenste Gerichtsinstanzen die Uetiker Kirchgemeinde dazu verpflichtet haben, den Mietvertrag mit dem Mobilfunkanbieter zu erfüllen? Respekt vor der Uetiker Kirchenbasis, die vor zehn Jahren gegen die Pflege auf die Barrikaden gestiegen war, ist es jedenfalls kaum. Und auch der Widerstand der Anwohner, die sich in der Interessengemeinschaft «Mobilfunk mit Mass» zusammengefunden haben, dürfte Orange nicht allzu sehr eingeschüchtert haben.

TA-Recherchen zeigen, dass «schuld» am heutigen Zustand die Saumseligkeit der Juristen in der Rekursabteilung der Zürcher Regierung ist. Dort nämlich wird das Verfahren um die Mobilfunkantenne im Uetiker Kirchturm seit Februar 2005 pendent gehalten. Ein klassischer Fall von Rechtsverzögerung, gegen die allerdings bis heute niemand Beschwerde geführt hat. Nicht namentlich genannt sein wollende Angehörige der Rechtsabteilung haben dem TA gegenüber diesen Sachverhalt bestätigt. «Wir hatten lange Zeit die Hoffnung, dass sich der Streit um die Mobilfunkantenne von selbst erledigt. Die Hoffnung war vergebens», hiess es gestern in der Rekursabteilung.

Kunststoff- statt Holzläden

Involviert in das juristische Endlosverfahren sind Orange, der Zürcher Heimatschutz sowie die kantonale Baudirektion. Letztere hatte dem Mobilfunkanbieter Anfang 2005 die Bewilligung zum Einbau der Antenne im Kirchturm erteilt. Dem Heimatschutz stiess die Bewilligung angesichts der Schutzwürdigkeit des Gebäudes sauer auf, Orange andererseits fühlte sich verschiedener Auflagen wegen düpiert. Ein Dorn im Auge ist Orange insbesondere die denkmalpflegerische Auflage, die auffälligen alten Läden aus Buchenholz, die das Glockengeläut schützen, zu erhalten. Orange will die Holzläden mit solchen aus Kunststoff ersetzen, die die Funkstrahlung weniger beeinträchtigen. Sowohl Heimatschutz wie auch Orange haben im Februar 2005 gegen die Bewilligung der kantonalen Baudirektion rekurriert.

Auf Antwort warten die Streitparteien bis heute. Am Schluss könnte die Rechnung der Juristen in der Rekursabteilung des Regierungsrates doch noch aufgehen. Der Vertrag, den die Uetiker Kirchenpflege mit Orange abgeschlossen hat, läuft nämlich 2011 aus. Er enthält zwar eine Verlängerungsklausel, doch dass die heutige Kirchenpflege dazu Hand bietet, ist laut Vizepräsident Alex Stamm ausgeschlossen. Orange-Sprecherin Marie-Claude Debons macht derweil auf Optimismus: «Wir halten an diesem hervorragenden Antennenstandort fest. Ein Rückzug des Rekurses kommt für uns nicht in Frage.»

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Erstellt: 29.09.2010, 19:41 Uhr

Geeignet als Antennenstandort: Die Kirche von Uetikon. (Bild: Silvia Luckner)

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