Nicht ganz alles zur Traumhochzeit

Kommt Bowie? Kocht Petermann? Und wird die illustre Hochzeitsgesellschaft von Tina Turner und Erwin Bach bei der sonntäglichen Wasserzeremonie nass? Ein Rechercheprotokoll.

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Redaktionssitzung, Freitag, 9.35 Uhr. «Übrigens, Tina Turner heiratet. Am Sonntag. Jemand Interesse, die Vorschau zu schreiben?» Allgemeines Naserümpfen. Der Polizeireporter (es geht schon lange das Gerücht, er habe – damals noch ein langhaariger Linker – bei Tinas Megahit «Nutbush City Limits» von 1973 eine Art Erleuchtung erfahren) redet Klartext: «Die Frau ist der grösste Weltstar, den wir in Zürich haben! Das ist Pflicht!» Allgemeines Schweigen. Doch es ist allen klar: Jemand wirds machen müssen.

Kurz darauf macht sich jemand (das wäre dann ich) ans Werk. Meine Strategie: 1. Alles sichten, was die Spürhunde der Konkurrenz herausgefunden haben. 2. Verdeckt recherchieren. 3. Persönliche Kontakte anzapfen. Auf gehts.

Stillschweigeabkommen

Die NZZ verrät, die Hochzeitslieferanten hätten ein Stillschweigeabkommen unterzeichnen müssen. Ein erster Dämpfer. Zum Glück ist die NZZ aber für einmal nicht die höchste Relevanzinstanz, das ist hier nämlich die SI, also die «Schweizer Illustrierte», das einzige Blatt im Land mit direktem Draht zu den prominenten Halbgöttern.

Sie schreibt, dass sich Anna Mae Bullock – das ist Frau Turners bürgerlicher Name – und Erwin Bach auf dem Standesamt schon letzte Woche unbemerkt (!) das Ja-Wort gegeben hätten. Und dass Frau Turner, die für ihr 5500-Quadratmeter-Anwesen in Küsnacht monatlich 24'000 Franken Miete hinblättert, hier eine enge Verbindung zu ihrer alten Heimat Nutbush (Tennessee) verspüre und oft denke: «Wow! Ich bin genauso aufgewachsen!»

Plötzlich ruft die Bürokollegin schräg vis-à-vis: «Ich hab was. Den Dresscode. Alle müssen in Weiss kommen.»

Heftig sprudelnde Quelle

Naja, nicht so wirklich der Brüller. Weiter in der SI. Der Hofberichterstatter erzählt, die 73-jährige Rockröhre (er schreibt natürlich nicht Röhre, sondern Queen) und der 57-jährige deutsche Musikmanager – sie sind seit 1985 ein Liebespaar – würden eine buddhistische Wasserzeremonie abhalten. Zum Ritual gehöre die Wassersegnung Lot Naam, bei der jeder Hochzeitsgast dem Brautpaar Wasser über die Hände giesse. Zudem sei Algonquin, der Name von Frau Turners Küsnachter Château ...

«Ich hab wieder was!» Die Bürokollegin ruft schon wieder dazwischen (ganz offensichtlich hat sie in der ehrenwerten Gesellschaft eine heftig sprudelnde Infoquelle angezapft). Sie wisse jetzt, dass zwei Sattelschlepper aus Holland «ganz viel Zeugs» nach Küsnacht transportiert hätten. Und dass der Blumenschmuck von «Baumann baut Gärten» in Thalwil stamme (auf der Website steht, dass Baumann auch Bioschwimmbäder baut, was im Zusammenhang mit der Hochzeit aber wohl nicht allzu wichtig ist).

Ich entscheide, das Schweigegelübde der Lieferanten mal auf Herz und Nieren zu prüfen. «Herr Baumann, guten Tag. Ich habe gehört, sie liefern die Flora für Tina Turners Hochzeit.» – «Nein.» – «Nein heisst, sie liefern nicht? Oder sie dürfens nicht sagen?» – «Weder noch.»

Nochmals zu Algonquin. Das ist der Name eines Volkes nordamerikanischer Ureinwohner, übersetzt man ihn auf Deutsch, bedeutet er: «Die, die Bäume fressen.» Apropos Kulinarik: Dazu findet man in der SI erstaunlicherweise keine einzige Zeile. Dafür haben zwei der vier grossen Sonntagsblätter exakt das gleiche Gerücht zum Gerichtezubereiter (ob sie sich gegenseitig die Telefonate abhören?): Es sei ziemlich sicher Franzoli Caterings aus Zürich.

«Und Petermann kocht.» Wieder die Bürokollegin, wieder weiss sie anderes und Besseres, nämlich dass der grosse Horst Petermann vom Küsnachter Restaurant Rico’s Kunststuben die angeblich 120 Gäste bekochen werde.

So viel Esseninformation macht hungrig. Es ist kurz vor 13 Uhr, ich gehe auf einen Teller Melone mit Schinken ins Certo. Ist es Schicksal? Zufall? Jedenfalls sitzt plötzlich ein Mann mit am Tisch, der an Frau Turners Hochzeit eingeladen ist! «Von Erwin persönlich», wie er sagt. Weiter erzählt die unverhoffte Quelle, dass sich die Ehepartner noch nicht einig seien, in welchem Wagen sie am Sonntag um 17 Uhr vorfahren wollten. «Er bevorzugt den Flügeltürenmerz, den 300er, sie mag lieber das Phantom Cabrio.» Ausgedeutscht: Entweder ists ein Mercedes oder ein Rolls-Royce. Was er auf seine erfrischend saloppe Art auch noch berichtet: «Die eingeladenen Goldküste-Ladys kämpfen seit Wochen heimlich um den besten Prada-Lumpen, jede will die andere ausstechen, und natürlich will sich keine die Schande geben, nicht im Einzelstück aufzulaufen.» Ich muss zurück ins Büro, bezahle, bedanke mich artig und wünsche viel Spass. «Den werd ich haben, schliesslich ist ja der Grönemeyer dabei.» Er lacht.

Schlechter Telefontrick

Herbert Grönemeyer war noch in keiner Publikation als Gast genannt worden, immer und überall tauchen dieselben Namen auf, alle ohne Gewähr: Eros Ramazzotti, Sade, Arthur Cohn, Oprah Winfrey, David Bowie. Der Einzige, von dem ich ein Autogramm holen würde (wenn ich dabei wäre), ist The Thin White Duke. Also mal rausfinden, ob er wirklich kommt.

Ich rufe im Dolder Grand an und gebe mich auf Englisch als Curt Muller (ausgesprochen: Kört Möllr) aus, zweiter Assistent im Bowie-Management. Weil ich mich blöderweise schon beim ersten Satz verhasple, muss ich nachher konsequent einen Sprachfehler imitieren. Ich erzähle Frau Binninger, der Réceptionistin, heute Morgen sei mein Computer hopps gegangen, ein Totalabsturz, alle Daten weg. Und nun müsse ich von ihr wissen, ob wir, also das Bowie-Management, in ihrem Hotel für David eine Suite reserviert hätten; wir könnten uns nicht mehr erinnern, ob es im Dolder oder im Baur au Lac war. Frau Binniger hört zu, räuspert sich, setzt zu einer Antwort an, zögert wieder – und irgendwann sagt sie: «I don’t believe you. Such things don’t happen.» Ob ich ihr die Nummer geben könne, sie werde später zurückrufen.

Klar könnte man sagen, der Plan sei eher bachab gegangen. Wenn man jedoch auch den nonverbalen Teil des Gesprächs berücksichtigt – Frau Binningers Zögern war verdächtig lang –, könnte man auch zum Schluss kommen, sie habe meine Frage schweigend bejaht. Deshalb behaupte ich jetzt guten Gewissens: Yes, der Duke, der mit Frau Turner einst das schöne Duett «Tonight» intoniert hatte, ist mit von der Party.

Die Bürokollegin hat wieder News, diesmal ist es eine SMS, in der ihr Whistleblower verkündet: «Es scheint, dass T. einen Cartier-Schmuck erhält. Und die Blumen kommen doch nicht von Baumann, die kommen aus Holland. Vor allem Rosen.» Inzwischen hat sich in unserem Medienhaus herumgesprochen, dass ich vorübergehend in den People-Journalismus gewechselt habe, und so tragen mir alle möglichen Leute zu, was sie zum Thema auch noch wissen – oder zu wissen glauben.

Crackers und Bundesräte

Zum Beispiel, dass die Sängerin vor Jahren ihrem damaligen Gartenpartykoch gesagt habe: «Für meine Gäste will ich nur das beste Essen ... und für mich bitte Salzcracker mit Frischkäse.» Oder, dass Frau Turners Lieblingssong «My Way» von Frank Sinatra sei. Äh, und woher ... «schreibs einfach, ich weiss es, hundert pro.» Oder dass Frau Turner im Fall all unsere Bundesräte und deren Departemente kenne, «echt wahr».

17.36 Uhr. Wikileaken, gerade im Promibereich, ist auf Dauer anstrengend. Ich weiss, es wäre meine berufliche Pflicht, noch eine klassische Boulevardgurgel auszuhorchen, am ehesten wohl den Herrn Glogger oder die Frau Schwaninger. Oder zumindest den netten Ringier-Kollegen, mit dem ich vor ein paar Wintern in Lappland in der Eisloch-Sauna sass. Doch eigentlich reichts. Ist ja eh nicht mein Fest (bei mir gäbs Spanferkel und Bier, irgendeine günstig zu habende Alternative-Rock-Band und am Schluss ab auf die Harley und raus in die Nacht). Ich frage die Bürokollegin, ob sie nochmals ein Update bekommen habe, sie schüttelt den Kopf. Gut so.

Was noch fehlt? Genau: der Frau Turner, dem Herrn Bach und all ihren illustren Gästen von Herzen eine unvergesslich schöne Hochzeit zu wünschen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.07.2013, 17:29 Uhr

Tina Turner & David Bowie: «Tonight»

Tina Turner: «Nutbush City Limits»

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