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Reden mit Muskeln

FrankreichKlassen- und Schaukämpfe zur Rentenreform. Von Oliver Meiler Ein alter, nostalgischer Sound zieht durch Frankreich. Man könnte leicht verleitet sein, ihn als anachronistisches Säuseln abzutun, so selten hört man ihn noch in der westlichen Welt: den Tonfall des Klassenkampfs, diesen muskulösen Jargon der Arbeiter in ihrem Aufstand gegen die Macht des Kapitals. Und es ist natürlich kein Zufall, dass der alte Refrain zum Herbst einsetzt, der notgedrungen «heiss» ist. Denn Frankreichs Regierung versucht gerade, das Rentensystem zu reformieren, damit es finanzierbar bleibt, und fordert, dass die Franzosen in Zukunft länger arbeiten, mindestens bis 62. Das kommt nicht gut an: In Frankreich haben Arbeiterrechte den Stand von Menschenrechten. Über zwei Millionen gingen gegen die Reform schon auf die Strasse. Und Millionen schicken sich an, in zwei Wochen wieder zu streiken und zu protestieren. Die Gewerkschafter fungieren als Vorsänger, als Konservatoren des rituellen Jargons. Aktionstage sind immer «harte Machtproben» oder «Armdrücken». Natürlich ist man «zum Äussersten bereit» und «unbeugsam», bis die Reform «vom Tisch» ist. Natürlich ist die Regierung gewarnt, die «Botschaft der Strasse» zu hören, «den wachsenden Unmut im Volk». Und natürlich erwidert die rechte Regierung, sie bleibe «hart» und arbeite «ohne Furcht vor Unpopularität» und «für das Wohl der Republik». Mauer gegen Mauer also. Man versucht, sich gegenseitig in die Knie zu zwin-gen – verbal und öffentlich. Man will als Sieger erscheinen, mehr noch: als heldenhafter Bezwinger des Gegners. Und so wird in diesen Tagen wieder die Frage diskutiert, warum die Franzosen nur so unreformierbar seien, warum sie sich so stur geben. «Le Monde» ist der Meinung, die Franzosen hätten Angst vor der Zukunft. Darum müsse alles bleiben, wie es immer war. Doch im Hintergrund wird längst verhandelt, um kleine Kompromisse gefeilscht. Eine Reform, das ist letztlich allen klar, tut not. «Die derbe Sprache ist nur ein Deckmantel», schreibt auch die linke «Libération». Der Jargon des Klassenkampfs dient nur noch zur Mobilisierung der Massen, zur Stimulierung nostalgischer Gefühle, zur Wahrung der ideologischen Positionierung. Ein bekannter Refrain für ein Ritual.

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