«Die Falschen machen die Matur»

Die Aufnahmeprüfung zur Mittelschule soll abgeschafft werden. Grüne, SP und EVP haben im Kantonsrat erreicht, dass ihre Initiative vorläufig unterstützt wurde. Das ging nur dank zwei BDP-Abweichlern.

Unnötiger Drill? Schüler bei einer Prüfung.

Unnötiger Drill? Schüler bei einer Prüfung. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Am Ende wars ganz knapp. 61 Stimmen erreichte die parlamentarische Initiative von Res Marti (Grüne), Moritz Spillmann (SP) und Johannes Zollinger (EVP) heute Montagmorgen schliesslich. 60 waren nötig, damit der Vorstoss von der kantonsrätlichen Bildungskommission weiterbearbeitet wird. Die sogenannte vorläufige Unterstützung der Initiative kam dank zwei BDP-Abweichlern zustande, während bei der EVP nicht alle für die Initiative gestimmt haben. SP und Grüne waren geschlossen dafür, alle anderen Fraktionen stimmten ebenso geschlossen dagegen.

Gemäss den Initianten soll im Mittelschulgesetz der Satz «Aufnahmeprüfungen finden nicht statt» eingefügt werden. Doch Marti schränkte gleich ein: Er wolle «nicht grundsätzlich die Prüfung abschaffen», sondern ein anderes Aufnahmesystem prüfen. Auch stellte er klar, dass es nicht darum gehe, die Maturandenquote zu erhöhen. «Nicht zu wenige machen die Matur, sondern die Falschen», sagte er. Damit meinte er mässig geeignete Kinder von vermögenden und ehrgeizigen Eltern, welche teure Vorbereitungskurse finanzieren. «Die Chancengerechtigkeit besteht nicht im Ansatz», stellte Marti fest. «Nicht die Besten gehen ins Gymnasium, sondern die Besttrainierten», sekundierte Parteikollege Ralf Margreiter.

Doping für den Nachwuchs der Reichen

Mitinitiant Spillmann nannte die Vorbereitungskurse «Doping» und meinte: «Die soziale Herkunft spielt eine zu grosse Rolle.» Der Gymilehrer räumte aber ein, dass es das richtige Aufnahmeverfahren wohl nicht gibt. Deshalb sei er ergebnisoffen, was die weiteren Beratungen angehe. Der dritte Mitinitiant Zollinger nannte auch gleich Alternativen: Eine längere Probezeit, die Primarschulnoten, eine Empfehlung der Lehrpersonen oder kognitive Eignungstests. Einzelne Kantone nutzen einen Mix aus diesen Vorschlägen. Der Vorteil ist laut Zollinger, dass die längerfristige Leistung eines Kindes in den Vordergrund gestellt wird, und nicht das kurzfristig erlernte Prüfungswissen.

Stefan Hunger vertrat die BDP-Minderheit und sagte, dass andere Kantone bewiesen, dass es auch ohne Prüfung geht. Zudem rief er in Erinnerung, dass es früher auch eine Aufnahmeprüfung zur Sek A gab. Doch nach deren Abschaffung sei das Niveau auch nicht gesunken.

SVP befürchtet Sek-B-Niveau auf der Gymistufe

Genau dies befürchtet aber Rochus Burtscher (SVP). «Die Mittelschule ist schon heute auf ein bedenkliches Niveau gesunken», sagte er. Sie erreiche gerade noch Sek-A-Niveau. «Wollen Sie, dass das Gymi auf Sek-B-Niveau sinkt?» FDP-Sprecherin Sabine Wettstein sprach sich dafür aus, diverse Übertrittsverfahren zu evaluieren. Das aber sei die Aufgabe des Bildungsrats. Die Abschaffung der Prüfung sei ihr zu radikal.

Andreas Erdin (GLP) wiederum sprach sich aus ganz praktischen Gründen gegen die Initiative aus. Die Folge wären Hunderte neuer Mittelschüler, was infrastrukturelle Probleme nach sich zöge. Zudem müssten darauf Sekundarschulen mitten im Schuljahr Hunderte Schüler aufnehmen, welche die Probezeit nicht geschafft haben. Hier hakte Hans Peter Häring (EDU) ein. Wie sollten die Mittelschulen wie dieses Jahr 6500 statt 3300 Schüler aufnehmen?

«Prüfungen gehören zum Leben»

Pädagogisch gesehen sei es für einen Schüler weniger schlimm, die Gymiprüfung nicht zu bestehen, als später von der Mittelschule zurückgewiesen zu werden, sagte Erdin. Bezüglich Chancengerechtigkeit sagte der Dozent der Pädagogischen Hochschule, dass Eltern, die umfassende Vorbereitungskurse finanzieren, ihre Kinder auch während der Probezeit werden coachen lassen.

Eher ideologische als Gerechtigkeitsgründe vermutet hinter der Initiative Lorenz Schmid (CVP). «Prüfungen gehören zum Leben», sagte er. Oft entschieden einzelne Minuten über den weiteren Lebensverlauf – seien dies Bewerbungsgespräche bei Arbeitnehmern oder Auftritte bei Politikern. Ausserdem sei das heutige Schulsystem durchlässig. Sprich: Ein Schüler kann auch nach zwei oder drei Jahren in der Sek noch ans Gymnasium übertreten.

Etliche Kantone haben die Prüfung abgeschafft

Was die Bildungskommission mit der parlamentarischen Initiative macht, ist offen. Sie kann sie verändern, dem Parlamentsplenum zur Ablehnung empfehlen oder einen Gegenvorschlag formulieren. Im zweiten Anlauf braucht es eine Mehrheit im 180-köpfigen Kantonsrat – was angesichts der 61 Befürworter mehr als fraglich erscheint.

Die Maturandenquote liegt im Kanton Zürich mit 18,3 Prozent (2011) leicht unter dem nationalen Durchschnitt. Die Innerschweizer Kantone sowie Basel, Jura und Neuenburg haben die Aufnahmeprüfung abgeschafft. Glarus hat sie gestrichen und gleich wieder eingeführt, Solothurn den umgekehrten Weg gewählt. Bern etwa entschied sich für ein Mischsystem.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.06.2013, 16:11 Uhr

«Die Chancengerechtigkeit besteht nicht im Ansatz»: Initiant Res Marti (Grüne). (Bild: Dominique Meienberg)

«Die Abschaffung der Aufnahmeprüfung ist zu radikal»: Sabine Wettstein (FDP). (Bild: Sophie Stieger)

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