«Leutenegger muss umdenken»

Aus Sicht der Velolobby präsentiert der FDP-Stadtrat seine Pläne für mehr Radwege, bevor er etwas vorzuweisen hat. Trotzdem gibt es auch ein kleines Lob.

«Das Problem ist der mangelnde politische Wille»: Der grüne Gemeinderat Matthias Probst während einer Velo-Demo. Bild: Doris Fanconi

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3 Kilometer neue Radwege innert dreier Jahre – das ist zu wenig für den grünen Gemeinderat Matthias Probst, einen der Köpfe hinter der Veloinitiative. «Die Stadt muss das Tempo erhöhen, sonst ist der Masterplan Velo noch in 50 Jahren nicht umgesetzt», sagt er, nachdem FDP-Tiefbauvorsteher Filippo Leutenegger heute seinen Fahrplan präsentiert hat, wie er den Gegenvorschlag zur Initiative umsetzen will. Von einem Zusatzeffort sei noch nichts zu spüren. Die heute gezeigten Projekte seien bereits unter Leutenggers Vorgängerin Ruth Genner (Grüne) entwickelt worden. Der nächste Jahresplan müsse dringend mehr als 3 Kilometer enthalten.

Probsts Parteikollege Markus Knauss, Co-Geschäftsführer des VCS Zürich, setzt ein Fragezeichen hinter den Termin von Leuteneggers Medienkonferenz. Einen Monat nach der Abstimmung über die Initiative könne man nur bekannt geben, was bereits geplant gewesen sei. Trotzdem hätte Knauss erwartet, dass man einige Schwerpunkte der zukünftigen Planungen bekannt gegeben hätte – oder ein Bekenntnis dazu, bestehende Hindernisse im Radwegnetz, die einfach zu beheben sind, in einer konzertierten Aktion zu lösen.

Die zu teure Gleisquerung

Knauss zeigt sich gleichwohl optimistisch. Angesichts des deutlichen Signals an der Urne würden Leutenegger und das Tiefbauamt in den kommenden zwei Jahren sicher Lösungen für jene Orte aufzeigen, auf die es ankommt. Zum Beispiel was die Querung des Gleisfeldes hinter dem Hauptbahnhof anbelangt.

Im Gegenvorschlag zur Veloinitiative sei immer noch vom Negrellisteg die Rede, einer bis zu 17 Millionen Franken teuren Verbindung zwischen Europaallee und Zollstrasse, die für den Veloverkehr wenig bringe. Sinnvoller wäre laut Knauss ein Steg auf Höhe der Viaduktbögen oder eine erweiterte Langstrassenunterführung. «Dazu hat man leider nichts gehört.»

Bestehende Projekte enttäuschen

Ein Defizit diagnostiziert auch Dave Durner, Geschäftsführer von Pro Velo Kanton Zürich, beim stadträtlichen Effort für mehr kommunale Velorouten. Er hat einen Monat nach der Abstimmung zwar keine Wunderdinge erwartet. Es komme daher nicht überraschend, dass es heute nichts Neues zu hören gegeben habe. Aber: «Nach unserer Erfahrung kommt es bei der Planung auf die Details an, und daran kranken auch die bekannten Projekte oft.»

Durner nennt als Beispiel das Sihlquai, eine wichtige Achse zwischen Agglomeration und Zentrum. Gemäss den kürzlich veröffentlichten Plänen würden Radfahrer bei praktisch allen Abzweigungen von der Veloroute aufs Trottoir geführt. «Das kann es nicht sein.»

Falsche Prioritäten

Hinzu kommt etwas Grundsätzliches, das Durner stört: Obwohl die Stadtzürcher inzwischen in mehreren Abstimmungen zu verstehen gegeben hätten, dass sie auf andere Verkehrsträger setzten als das Auto, handle der Stadtrat nicht danach. «An der Langstrasse etwa ist es offenbar kein Thema, dass man dort auch weniger Autos durchlassen könnte.» Die Zürcher Velopolitik kranke nicht am fehlenden Platz, sondern an den Prioritäten.

Das bekräftigt auch Probst. Die Stadt müsse jetzt mehr Personal einsetzen, um den Ausbau des kommunalen Radwegnetzes voranzutreiben, und sie müsse kreativer werden bei der Suche nach Lösungen. Das Problem sei der mangelnde politische Wille, den Radfahrern genug Platz zur Verfügung zu stellen – zum Beispiel zulasten von Parkplätzen, wie das die Verantwortlichen in Städten wie Amsterdam gemacht hätten. «Leutenegger muss umdenken.»

«Da macht er einen super Job»

Ein Lob gibt es für den Tiefbauvorsteher immerhin, was dessen Einsatz für mehr Velostationen angeht – das war der Kernpunkt des Gegenvorschlags zur Veloinitiative. Laut Dave Durner ist es ein positives Signal, dass am Bahnhof Stadelhofen doppelt so viele Plätze geschaffen werden wie ursprünglich geplant. «Da macht Leutenegger einen super Job.»

FDP-Gemeinderat und Verkehrspolitiker Marc Bourgeois, selber auch Velofahrer, findet es sinnvoll, dass der Tiefbauvorsteher einen Schwerpunkt setzt bei den Abstellplätzen an den Bahnhöfen. Das sei eine wesentliche Verbesserung für jene Leute, die das Velo im Alltag konsequent nutzen. Bei diesen gelte es zu investieren, nicht bei den Freizeitfahrern, denn davon habe die Stadt einen echten Nutzen. Im Berufsverkehr könne das Velo etwas leisten, was mit dem Auto mangels Platz nicht möglich sei.

Ist Kilometerzahl das falsche Mass?

Was den Ausbau der Veloverbindungen angeht, betont Bourgeois, dass Leuteneggers Massnahmen nur das untergeordnete, kommunale Netz betreffen. Anders als beim regionalen Netz sei es unsinnig, dessen Qualität nach Kilometern zu bewerten. Entscheidend sei vielmehr, dass Schnittstellen wie die Querung wichtiger Plätze und Fussgängerbereiche gut gestaltet seien. Nämlich so, dass sie für Radfahrer kein Hindernisparcours mehr sind und der Verkehrsfluss für die anderen Verkehrsteilnehmer dennoch gewährleistet ist.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.07.2015, 13:59 Uhr

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