14-Jährige mit Nacktbildern erpresst: Mann wird milder bestraft

Das Zürcher Obergericht verurteilt den 31-jährigen Beschuldigten zu 28 statt 42 Monaten Freiheitsstrafe. Diese wird zugunsten einer Therapie aufgeschoben.

Der Prozess fand am Obergericht Zürich statt. Foto: Urs Jaudas

Der Prozess fand am Obergericht Zürich statt. Foto: Urs Jaudas

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Er hatte sie quasi in der Hand: Auf mehrmaliges Drängen hin hatte die 14-Jährige ihm elf Nacktfotos geschickt. Diese lud er unter voller Nennung ihres Namens auf eine Pornoseite. Warum? «Um Druck auszuüben, damit ich noch mehr Bilder kriege», sagte der heute 31-jährige Schweizer gestern vor dem Zürcher Obergericht. Er hatte das Mädchen aus Finnland zufällig in einem Chatforum getroffen. Sie habe ihm Nacktbilder versprochen, und er habe keine andere Möglichkeit gesehen, an die Bilder zu kommen, ausser das Mädchen unter Druck zu setzen. Er habe gedacht, das sei nicht so schlimm, sagte der Täter vor Gericht. In vorangegangenen Fällen habe er ja immer nur Geldstrafen erhalten. Der Mann ist bereits dreimal einschlägig vorbestraft.

Zusätzlichen Druck baute der damals 28-Jährige mit frei erfundenen Gruselgeschichten auf: Er habe sich auch schon an seiner Schwester vergangen, erzählte er der 14-Jährigen, er habe ein Migrantenmädchen vergewaltigt. Und: Er liebe sie. Erst als das Mädchen ihm ein Bild von sich mit einem Messer am Hals schickte, löschte der Schweizer die Bilder vom Internet. Etwa sieben Monate später nahm sich das Mädchen das Leben. Sie litt an einem Asperger-Syndrom, Essstörungen und wurde in der Schule gemobbt.

Suizid nicht angelastet

«Niederträchtig», «gemein», «rücksichtslos» und «mit klar egoistischem Motiv» nannte der Oberrichter die Tat des 31-Jährigen am Montag. Jedoch müsse das Gericht zwischen den Taten des Mannes und der Tragödie, dass das Opfer nicht mehr am Leben sei, unterscheiden. Der Suizid stehe in keinem kausalen Zusammenhang mit den Taten des Beschuldigten. Das Ober­gericht reduzierte die vom Bezirksgericht Uster verhängte Freiheitsstrafe von 42 auf 28 Monate. Die Freiheitsstrafe wird zugunsten einer ambulante Therapie aufgeschoben. 171 Tage sass der Täter bereits in U-Haft.

Der Verteidiger hatte eine Reduktion der Freiheitsstrafe auf 12Monate verlangt. Das Strafmass sei im vorinstanzlichen Urteil «überbordend hoch» ausgefallen, weil die Taten nicht vom Suizid getrennt worden seien. Zudem sei die sexuelle Nötigung in diesem Fall nicht erwiesen, da keine körperliche Gewalt im Spiel gewesen sei. «Wir haben es mit einem reinen Hands-off-Delikt zu tun.» Der Druck spielte rein psychisch per Internet, die beiden hatten bloss digitalen Kontakt. Der Verteidiger erläuterte mehrere andere Fälle, in denen Täter, die zusätzlich physische Gewalt angewendet haben, tiefere Strafen erhalten hatten.

Höhere Strafen bei Sexting?

Dem stimmte der Staatsanwalt zu. Er blieb bei seinem bereits vor der ersten Instanz geforderten Strafmass von 24 Monaten Freiheitsstrafe, erklärte jedoch, er würde es begrüssen, wenn ein Präjudiz für höhere Strafen bei Sexting geschaffen werden sollte. Bei Hands-on-Delikten, also sexueller Nötigung mit physischer Gewalt, müsse die Strafe jedoch verschärft werden.

Das Gericht lastete dem Schweizer die sexuelle Nötigung an, auch wenn es zu keiner direkten physischen Gewalt kam. Die Vorstrafen würden eine einschlägige Tendenz ganz klar aufzeigen, erklärte der Richter. Jeder Fall sei individuell zu beurteilen.

Ein psychiatrisches Gutachten diagnostiziert dem Mann eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit dissozialen, narzisstisch-unreifen Zügen. Er gab zu, eine sexuelle Präferenz für sehr junge Mädchen, aber auch für ältere Frauen zu haben. Jetzt will er mit seiner 26-jährigen Freundin zusammenziehen und erwägt eine Lehre als Fachangestellter Gesundheit.

Der Richter riet dem Mann, die verordnete Therapie ernst zu nehmen. «Sie haben sich heute als therapiebedürftig erklärt, weil sie es sind», sagte er. Auch wenn der Suizid ihm nicht angelastet werden könne, «ganz sicher haben sie dem Mädchen nicht geholfen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit haben Sie ihr massiv geschadet.»


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Erstellt: 16.09.2019, 15:19 Uhr

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