17'955 Umarmungen und weniger Küsse

Im Kantonsrat ging man auf Tuchfühlung.

Die Kantonsräte während einer Debatte im Zürcher Kantonsrat. Bild: Keystone/Walter Bieri

Die Kantonsräte während einer Debatte im Zürcher Kantonsrat. Bild: Keystone/Walter Bieri

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Um wenigstens zahlenmässig exakt zu beschreiben, was gestern im altehrwürdigen Rathaus an der Limmat abging, braucht es das Braunschweiger Mathematikgenie Carl Friedrich Gauss sowie GLP-Kantonsrat und Versicherungsmathematiker Cyrill von Planta . 190 Kantonsräte und Kantonsrätinnen, Journalisten sowie Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) wünschten sich an der ersten Sitzung 2018 «es guets Nöis», gaben sich die Hand und – was die Aufgabe zumindest rechnerisch delikat macht – küssten sich. Die theoretisch möglichen Handschläge hatte von Planta rasch berechnet – dank eines Lichtblitzes des 1786 neunjährigen Wunderkindes Gauss. Um die Klasse möglichst lange zu beschäftigen, befahl der Lehrer den Schülern damals, die Zahlen von 1 bis 100 zusammenzuzählen. Gauss löste die Aufgabe in Kürze, indem er 50 Paare mit der Summe 101 bildete (1 + 100, 2 + 99, 3 + 98 usw.). Die Formel (101 mal 50) wird als «der kleine Gauss» bezeichnet und lautet im Falle der kantonsrätlichen Handschläge so: «189 mal 190 geteilt durch 2» – also 17'955.

Beim Küssen kam allerdings auch Mathematiker Cyrill von Planta ins Schleudern. Während es sich beim Handschlag oder einer gegenseitigen Umarmung rechnerisch um ein einziges Ereignis handelt, küsst man sich in gängiger Links-rechts-links-Manier dreimal. Vor allem aber: Frauen unter sich und erst recht Männer küssen sich relativ selten. Was die Berechnung der tatsächlich stattgefundenen Wangenküsse praktisch unmöglich macht. Dazu kommen politische Unverträglichkeiten. Von der grassierenden Grippewelle und den neuen Flirt-Regeln in Bundesbern ganz zu schweigen.

*

Einer fehlte in der Gute-Wünsche-Orgie. «Noch einmal war zum Glück die Himmelspforte verschlossen», twitterte der Winterthurer SVP-Kantonsrat und Polizist René Isler zwischen Weihnachten und Neujahr unter #Herzinfarkt. Er sass zum Glück zu Hause, als ihn ein heftiger Schmerz in der Brust lähmte. Seine Frau alarmierte sofort den Rettungsdienst, im Spital wurde er notoperiert und dank fünf Stents am Leben erhalten. Nun ist Isler zu Hause und fühlt sich «noch nicht als der grosse Tarzan», wie er sagt. Sein Ziel: «Das Leben ruhiger angehen, mehr Nein sagen, politisch aber nicht nachlassen.» Denn Politik sei «Leidenschaft und nicht Pflicht». Leidenskollege Hans-Peter Amrein – er erlitt 2013 einen Herzinfarkt und kreuzte bereits zwei Tage später wieder an der SVP-Delegiertenversammlung auf – hat an Isler einen anderen Rat: «Mit dem Rauchen aufhören, aber sofort wieder auf 100 Prozent schalten!»

*

Wie Isler und Amrein hat die grüne Fraktionschefin Esther Guyer die Tendenz, sich schnell aufzuregen und hitzig in Debatten einzugreifen. Als der Rat es ablehnte, den Ombudsmann gegenüber dem Kantonsrat als Aufsichtsorgan von seiner Schweigepflicht zu entbinden, stänkerte sie Richtung CVP, die entgegen früheren Zusagen nun auch Nein sagte: «Typisch charakterfeste CVP.» Der CVP fehle eben ein Kompass. Was Guyer übersah: Auch die Grüne Gabi Petri stimmte als einzige Linke für die Schweigepflicht. Ihr Argument: «Der Schutz der Verwaltungsangestellten ist ein hohes Gut, der Kantonsrat ist schwatzhaft und nahe bei Verwaltung und Regierung, da dringen Informationen und Namen allfälliger Whistleblower schnell durch.» Auch CVP-Fraktionschef Philipp Kutter wehrte sich gegen Guyers Vorwürfe. Mit Gabi Petri hätten die Grünen «wenigstens eine Vernünftige». Nur weil die CVP sich den Kompass nicht von Guyer einstellen lasse, heisse das nicht, dass sie keinen habe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2018, 00:02 Uhr

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