173 Franken Unterschied beim gleichen Flug

Die CO2-Kompensation von Flugreisen kostet je nach Anbieter unterschiedlich viel. Eine Firma kompensiert besonders günstig.

Je nach Sitzkategorie kostet die Klima-Kompensation deutlich mehr: Swiss-Flug Zürich-Oslo. Foto: Keystone

Je nach Sitzkategorie kostet die Klima-Kompensation deutlich mehr: Swiss-Flug Zürich-Oslo. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Wir spüren weder Flugscham noch Greta-Effekt.» Das sagte Michael Niggemann, Finanzchef der Swiss, Ende Juli. Die Auslastung habe sich sogar noch erhöht. Nachgefragt hatte die Nachrichtenagentur AWP mitten in den Zürcher Sommerferien.

Monate der Klimastreiks und politischen Debatten haben der Fliegerei nichts anhaben können. Trotzdem ist die Flugscham spürbar. Nicht bei der Swiss, dafür bei den Anbietern von CO2-Kompensationen. Ihre Webrechner laufen auf Hochtouren. Wer seine Flugreise CO2-neutralisieren will, wendet sich dabei häufig an Myclimate. Über den Webrechner der Zürcher Stiftung sind bis Ende Juli 2019 rund 400 Prozent mehr CO2 wettgemacht worden als im selben Zeitraum 2018. Und schon 2018 war ein absolutes Rekordjahr.

Die Non-Profit-Organisation hat im vergangenen Jahr über 20 Millionen Franken an Spenden für CO2-Kompensationen erhalten, 2017 waren es 14 Millionen. Den Hauptteil davon machten Zahlungen für Flugreisen aus. Bei Myclimate lässt sich jedoch sämtlicher Verbrauch kompensieren – von Autoreisen über Kreuzfahrten bis zum eigenen Haushalt.

Holzöfen für Madagaskar

Ein Grossteil des Geldes fliesst in Entwicklungsländer und ist dort für lokale Engagements bestimmt, die dem Klimawandel entgegenwirken sollen. Weltweit unterstützt Myclimate nach eigenen Angaben rund 100 Klimaschutzprojekte. Dafür ist auch der administrative Aufwand gross: Die Stiftung beziffert diesen für 2018 mit über drei Millionen Franken.

Da Myclimate in den vergangenen Monaten viel mehr Geld eingenommen hat und der Trend anhält, baut die Organisation bestehende Projekte aus und wählt laufend neue aus, in die sie investieren kann. Sie bekämen sehr viele Bewerbungen, sagt Kathrin Dellantonio von Myclimate. Vielen würden sie schnell absagen, da sie sich nicht eigneten. Sie seien zu klein oder schlecht überprüfbar. Denn Geld bekomme nur, wer auch nachweisen könne, dass er die vereinbarte Menge CO2 effektiv einspare.

Dazu gehört beispielsweise die Organisation Ades mit Sitz in Mettmenstetten im Säuliamt. Sie treibt in Madagaskar die Herstellung von Kochöfen voran, die mit weniger Holz oder Kohle geheizt werden müssen, als das bei den herkömmlichen Modellen der Fall ist. Viele madagassische Familien kochen über offenen Feuerstellen, wofür das Holz aus den umliegenden Regenwäldern genutzt wird. «Die Nachfrage für unsere Öfen ist extrem hoch», sagt André Grossen von Ades. Vor allem, weil sich damit der Verbrauch und die Ausgaben für Brennholz oder Kohle rund um die Hälfte senken liessen. Bis ein Viertel des Haushaltsgeldes zahle eine Familie mit einer herkömmlichen Feuerstelle für Brennholz.

Die Öfen lässt Ades in Madagaskar bauen, wo sie verkauft werden. Das Geld von Myclimate trägt dazu bei, die Geräte für die Bevölkerung zu verbilligen. Statt der 50 Franken effektiver Kosten werden sie für 5 Franken verkauft. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt in Madagaskar bei 30 Franken. Das Land gehört zu den ärmsten der Welt.

«Riesiges Potenzial»

Myclimate ist in der Schweiz zwar am bekanntesten. Grösser als die Stiftung und weltweit tätig ist jedoch die Zürcher Aktiengesellschaft South Pole. Auch sie bietet Kompensationen für den CO2-Verbrauch an. Ihre Kunden sind hauptsächlich Firmen, die ihren CO2-Verbrauch senken oder kompensieren wollen. Es sind globale Konzerne wie die Ölfirmen Shell und BP.

Das Angebot von South Pole gilt aber auch für Privatpersonen. «Die Nachfrage ist enorm, der Greta-Effekt spürbar», sagt René Estermann von South Pole, der frühere Geschäftsleiter von My­climate. Das gilt für Firmen wie auch für Private. Wie stark die Steigerung ist, kann er jedoch nicht beziffern. Wie bei Mycli­mate fliessen die Gelder auch bei South Pole in Klima-Engagements, hauptsächlich in Entwicklungsländern. Über 500 seien es, schreibt das Unternehmen auf der Website. Dort fördert es ebenfalls Kochöfen, erneuerbare Energien und das Pflanzen von Bäumen.

Grafik vergrössern

Interessant: South Pole ist deutlich günstiger als Mycli­mate. Für einen Retourflug von Zürich nach San Francisco in der Economyklasse zahlt man bei South Pole zwischen 33 und 63 Franken. Myclimate berechnet dafür 102 bis 319 Franken. In der Businessklasse sind es im konkreten Flugbeispiel sogar 173 Franken Unterschied zwischen dem günstigsten Anbieter (South Pole: 96.50 Franken) und dem teuersten (Atmosfair: 269.55 Franken).

Die Anbieter begründen die Unterschiede mit verschiedenen Berechnungsmethoden und mit der Grösse der Projekte, in die sie investieren. So ist es beispielsweise günstiger, in Thailand ­Abwasser von klimaschädlichen Gasen zu befreien (10 Franken pro Tonne CO2), als in Kolumbien Wälder aufzuforsten (19 Franken pro Tonne CO2). Am teuersten ist ein Engagement in der Schweiz. Myclimate unterstützt beispielsweise die Renaturierung des Hochmoors im Glarner Schwändital.

«Es geht zurzeit darum, gemeinsam den Markt zu vergrössern. Das Potenzial ist riesig.»Bastien Girod, Zürcher Nationalrat

Nebst den beiden grossen Zürcher Anbietern kann man seine persönliche Klimaverschmutzung auch bei Climatepartner oder bei deutschen Organisationen wie Atmosfair gutmachen – ebenfalls zu anderen Preisen als bei Myclimate oder South Pole. Wie South Pole berät auch Climatepartner Unternehmen beim Reduzieren und Kompensieren ihres CO2-Verbrauchs.

Der grüne Zürcher Nationalrat Bastien Girod, der für South Pole arbeitet, will jedoch nicht von Konkurrenz sprechen. «Es geht zurzeit darum, gemeinsam den Markt zu vergrössern. Das Potenzial ist riesig.» Zum Vergleich: Laut Myclimate kompensieren zurzeit rund ein Prozent aller Schweizer Passagiere und Passagierinnen die Flüge.

«Zweitbeste Lösung»

Doch über den florierenden Handel mit CO2-Kompensationen freuen sich nicht alle. Kritiker sprechen von Ablasshandel oder dem Besänftigen des schlechten Gewissens. Die grüne Kantonsrätin Esther Guyer will zwar nicht moralisieren. Sie sagt aber klar: «Kompensieren ist nur die zweitbeste Lösung.» Diese Meinung vertritt auch Anja Kollmuss vom Wirtschaftsverband Swiss­cleantech, dem auch South Pole angehört. Die beste Variante für das Klima sei, auf das Fliegen zu verzichten, sagt sie.

Erstellt: 07.08.2019, 22:31 Uhr

Haben wir Grund zur Panik?

Der Einfluss des Menschen auf den Klimawandel ist für die überwiegende Mehrzahl der Wissenschaftler eine unbestreitbare Tatsache. Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg hält die Lage für so gefährlich, dass sie sagt: «Ich will, dass ihr in Panik geratet.»

Für die grösste Partei der Schweiz, für rechtskonservative Kräfte in Europa und für den amerikanischen Präsidenten werden die steigenden Temperaturen hingegen missbraucht, um irrationale Ängste zu schüren und politische Propaganda zu betreiben.

Wie schlimm ist die Lage wirklich? Was ist zu tun? Welche Schweizer Partei hat die besten Konzepte, um den Klimawandel einzudämmen? Und sind die Streiks der Klimajugend das richtige Mittel?

Über diese und andere Fragen debattieren:

Petra Gössi, Präsidentin der FDP Schweiz.

Marcel Hänggi, Wissenschaftsjournalist, Sachbuachautor und Mitinitiant der Gletscherinitiative.

Rahel Ganarin, Geografin und Aktivistin der Klimastreik-Bewegung.

Christian Imark, Nationalrat der SVP aus dem Kanton Solothurn.

Moderation: Sandro Benini, Redaktor Meinungen&Debatte, Tages-Anzeiger.

28. August, Kaufleuten, Pelikanplatz Zürich. Türöffnung 19.00 Uhr, Beginn 20.00 Uhr.

Hier Eintrittskarten bestellen.

Unterschiedliche Preise für Kompensationen der Flüge

Berechnet man dieselben Flugreisen auf den Webrechnern verschiedener Kompensationsanbieter, sind die preislichen Unterschiede beachtlich. Nicht nur zwischen den Anbietern, sondern auch für die Klimaprojekte, die man damit unterstützt. So kann man bei Myclimate einen Retourflug von Zürich nach London am gestrigen Stichtag ab 11, bei South Pole bereits ab 2.75 Franken kompensieren. Je nach Klima-Engagement, das man tätigen will, fällt dabei ein grösserer Betrag an. Den Unterschied erklären die Organisationen mit verschiedenen Berechnungsgrundlagen, der Grösse der Klimaprojekte und den Ländern, in denen sich diese befinden. Die meisten Anbieter verrechnen für Business-Passagiere höhere Beträge als für jene, die Economy fliegen. Begründung: In der Businessklasse habe man mehr Platz zur Verfügung. (meg)

Artikel zum Thema

Vom Wunsch, klimaneutral zu fliegen

Der CO2-Ausstoss des Flugverkehrs steigt trotz besserer Technik. Die Hoffnung liegt in synthetischen Treibstoffen. Mehr...

Beamte fliegen trotz Klimapaket so viel wie noch nie

Der Bundesrat verlangt, dass die Verwaltung grüner wird. Trotzdem steigt die Zahl der Flüge. Jetzt geraten die Politiker unter Druck. Mehr...

Der Nachwuchs fliegt nicht mehr mit

Essay Die Jugend erzieht ihre Eltern zu mehr ökologischem Bewusstsein. So offenbart sich ein neuer Generationenkonflikt. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

1000-Sterne-Hotel: unterwegs mit dem Zelt

Outdoorfeeling pur! Alena Stauffacher, begeisterte Bergsportlerin, erzählt von ihren Camping-Erfahrungen.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Eine fast aussterbende Tradition: Tänzer führen den Thengul-Tanz während der 74. Indonesischen Unabhängigkeitsfeier im Präsidentenpalast in Jakarta, Indonesien vor. (17. August 2019)
(Bild: Antara Foto/Wahyu Putro) Mehr...