24 Stunden Betrieb im Wald

Die Zeiten, in denen der Wald eine Ruheinsel war, sind vorbei. Vor allem in der Nacht und in der Dämmerung haben die Freizeitaktivitäten stark zugenommen.

Bild: Felix Schaad

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Morgens um 7 ist im Wald schon ein «Gläuf». Die Joggerin begegnet der Reihe nach: zwei Joggern, einem Mann mit Hund (an der Leine), einem Mann mit Hund (nicht an der Leine), einer Läuferin mit Karte, einem Töfflibub auf dem Schulweg, einem Biker, keinem Reh. «Der Druck auf den Wald hat massiv zugenommen», sagt Philipp Maurer von Grün Stadt Zürich. «Und zwar rund um die Uhr.»

Adlisberg beim Zoo Zürich, Samstag vor einer Woche. Kurz vor Mitternacht läuft Simone Niggli mit einer Stirnlampe als Schweizermeisterin im Nacht-OL ins Ziel. Durch den Wald geistern wie Irrlichter ihre Konkurrentinnen und Konkurrenten. Auch Geocacher sind oft des Nachts mit ihren Navis auf Schnitzeljagd. Und Biker brettern mit starken Scheinwerfern durch das Dunkel. «Sportler, die mitten in der Nacht mit Stirnlampen durch den Wald streifen, das gab es bis vor kurzem noch nicht», sagt Maurer. Insbesondere am Abend, in der Nacht und früh am Morgen steige die Zahl markant an.

Lichtshow und Scheinwerfer

Der Zürcher Stadtrat hat in seinen Veranstaltungsrichtlinien von 2007 den Wald als «Ruheinsel» bezeichnet. Davon kann sechs Jahre später keine Rede mehr sein. Mit dem Frühling beginnt die Zeit der Volksläufe und OLs. Und der Freiluftpartys, bei denen oft Hunderte von Jugendlichen mit Generatoren, Lautsprechern und Lichtshows auf einer Waldlichtung zusammenkommen und die Nacht durchfeiern.

Vor einem Jahr hat die Stadt Zürich probeweise spezielle Jugendbewilligungen für Outdoorpartys eingeführt. Jugendliche können unkompliziert eine Party bewilligen lassen, müssen aber den Ort mit der Stadtpolizei absprechen, eine verantwortliche Person bezeichnen und die Stätte sauber verlassen. 30 Outdoorpartys wurden letztes Jahr so genehmigt, 21 fanden wirklich statt – davon gut die Hälfte im Wald, weitere am Waldrand. 10 Anlässe wurden von der Stadtpolizei aufgelöst, weil sie nicht bewilligt waren.

Während die Stadt davon ausgeht, dass durch die neue Praxis solche Events nicht zugenommen haben, behaupten verschiedene Revierförster im Fachblatt «Zürcher Wald», dass durch die Jugendbewilligungen eine Verlagerung von der Stadt in den Wald zu beobachten sei. Die Zahl grosser Anlässe habe sich in den vergangenen Jahren vervielfacht.

Aufgescheuchte Rehe

Wie gross der Schaden ist, den der Hochbetrieb im Wald anrichtet, lässt sich nur schätzen. Wissenschaftlich abgestützte Aussagen wird erst ein Projekt erlauben, welches das Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften Wädenswil (ZHAW) dieses Jahr im Sihlwald startet. Es nimmt die Auswirkungen des 24-Stunden-Betriebs im Wald auf Rehe und Rothirsche unter die Lupe. Manche Schäden sind augenfällig: zertrampeltes Unterholz, aufgescheuchte Vögel, Hasen und Rehe. Jäger und Förster berichten von einer Zunahme des Verbisses, weil das Wild auf immer kleinerem Raum ungestört fressen kann.

Der stellvertretende Kantonsförster Hans-Peter Stutz betont: «Wir wollen die Leute nicht aus dem Wald vergraulen. Aber wir müssen eine Möglichkeit finden, wie wir alle Bedürfnisse aneinander vorbeibringen.» Er zählt auf: Biker, Reiter, Spaziergänger, Jogger, Picknicker, OL-Läufer, Pfadis, Waldkindergarten, Goa-Partys. «Jede einzelne Aktivität ist nicht das Problem. Die Kumulation aber macht uns Sorgen.» Und immer neue Freizeitbeschäftigungen drängen in den Wald. Geocaching, Seilparks, E-Bikes. Neue Aktivitäten erfordern neue Regelungen. Beispiel E-Bikes. Dürfen die schnellen Velos auf den Waldwegen fahren? Derzeit gilt: Die schnellere Variante wird als Mofa eingestuft und darf auf Waldwegen nur mit abgeschaltetem Motor gefahren werden.

Paintball verboten

Ein Sorgenkind sind die Förster, Jäger und Wildhüter los: die Paintballer. Das neue Waffengesetz qualifiziert Paintball- und Airsoft-Gewehre als Waffen. Sie dürfen daher nur noch an eigens dafür vorgesehenen Übungsplätzen wie Schiessständen oder speziell gesicherten Kiesgruben eingesetzt werden.

Verbote und Bewilligungspflicht sind das eine, wie Stadt und Kanton Zürich dem wachsenden Druck auf den Wald begegnen. «Dadurch können wir die Störungen in besonders empfindlichen Bereichen verringern und auch gewisse Verhaltensregeln durchsetzen», sagt Stutz. Die so reglementierten Veranstaltungen machen den Fachleuten daher weniger Bauchweh als die alltäglichen Waldbenutzer – die sich auch gegenseitig auf die Nerven gehen, wie eine Umfrage des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) zeigt: 23 Prozent der Waldbenutzer fühlen sich im Wald durch ihre Mitmenschen gestört.

Wie kann man diese alltäglichen Störungen auf ein für die Umwelt erträgliches Mass reduzieren? «Hier stecken wir noch in den Anfängen», sagt Philipp Maurer von Grün Stadt Zürich. Klar ist: Man will keine Waldpolizisten. Und man will den Leuten den Aufenthalt im Wald auch nicht vergällen. «Zurzeit versuchen wir, die verschiedenen Nutzungen möglichst zu entflechten», sagt Stutz. Das betreffe vorab die Biker, für die an verschiedenen Orten Parcours oder Rennstrecken ausgeschieden werden. So wird am 28. Juni auf dem Adlisberg eine Bikepiste eröffnet: der Doldertrail. Weiter will man die geltenden Regeln konsequenter durchsetzen, was nicht immer einfach ist, wie das Beispiel Sihlwald zeigt.

«Kampfzone Sihlwald»

Weil der Sihlwald 2009 das Label Naturerlebnispark von nationaler Bedeutung erhalten hat, gelten dort in den Kernzonen strengere, vom Bund vorgeschrieben Schutzbestimmungen. Vereinzelt wurden in den Umgebungszonen auch Wege gesperrt, was für Unmut in der Region sorgt – besonders seit nach einer Schonfrist von zwei Jahren Personen verzeigt werden. Insbesondere Biker und Reiter wehren sich gegen das strengere Parkregime. An einer Podiumsveranstaltung war die Rede von der «Kampfzone Sihlwald» und die Budget-Gemeindeversammlung von Langnau am Albis verweigerte die Erhöhung des Beitrags für den Wildnispark von 40'000 auf 48'000 Franken.

Christian Stauffer, Geschäftsführer des Wildnisparks Sihlwald, hält fest, dass die strengeren Vorschriften lediglich für die Kernzone gelten, die ohnehin wenig begangen sei. Die rund 20 Verzeigungen hätten zudem kaum Spaziergänger, Reiter oder Biker betroffen, sondern Personen, die mit einem Motorfahrzeug die Waldwege befuhren. Der Unmut betreffe vor allem einige Wege, die für Reiter und Velofahrer gesperrt wurden. Da habe man noch etwas Spielraum, wo nicht die ungestörte Waldentwicklung tangiert werde, sagt Stauffer. «Über einige Wegverbindungen können wir noch diskutieren.»

Erstellt: 02.04.2013, 06:45 Uhr

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(Bild: TA-Grafik)

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Erlaubt – verboten

Jedermann darf den Wald betreten
Das Schweizer Waldgesetz ist immer noch vom einstigen Geist der Allmende beeinflusst: Jedermann darf den Wald betreten, nicht nur auf den Wegen, sondern überall, wo es nicht aus Naturschutzgründen verboten ist. Das ist aussergewöhnlich. In Deutschland etwa darf im Wald nur an dafür offiziell vorgesehenen Stellen Feuer entfacht werden; in vielen Ländern sind Wälder eingezäunt.
Für gewisse Tätigkeiten sind auch bei uns Bewilligungen nötig, welche die Gemeinden ausstellen:

Für Veranstaltungen ab 500 Teilnehmenden.
Für Veranstaltungen mit Licht- und Verstärkungsanlagen oder anderen technischen Hilfsmitteln.
Für Velofahren und Reiten neben Strassen und Wegen.
Für Fahrten mit Motorfahrzeugen auf Waldstrassen.
Für temporäre Bauten und andere Einrichtungen.
Für Aktivitäten, bei denen der Boden umgegraben oder Holz gefällt wird.

Gewisse Aktivitäten können die Gemeinden nie bewilligen:

Das Befahren des Waldes neben Strassen und Wegen mit Motorfahrzeugen.
Motofahrzeugrennen.
Das grossräumige Freigeben der Wälder für Mountainbikes.
Paintball- oder Airsoft-Veranstaltungen. (net)

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