2500 Donuts landen monatlich im Abfall

In der Hinwiler Filiale von Dunkin’ Donuts werden 20 Prozent des Gebäcks weggeworfen. Dagegen kämpft eine Mitarbeiterin an.

Grosses Angebot – viel Abfall: Ein gut bestücktes Dunkin’-Donuts-Regal

Grosses Angebot – viel Abfall: Ein gut bestücktes Dunkin’-Donuts-Regal Bild: Keystone

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Die Backwaren-Kette Dunkin’ Donuts verkauft in Hinwil jeden Tag 12 übrig gebliebene Donuts zu günstigeren Preisen in einer App, um Food-Waste zu ­reduzieren. Das sieht auf den ersten Blick nach einer vorbildlichen Vorgehensweise aus. Die Geschichte hat aber einen Haken: Es landen gleichzeitig mehr als sechsmal so viele Donuts im Abfall.

Zahlen für das Jahr 2019, die dem «Zürcher Oberländer» exklusiv vorliegen, zeigen: Pro Tag werden in Hinwil im Schnitt rund 80 Donuts weggeworfen. An Spitzentagen sogar über 300 Stück. Das sind durchschnittlich 15 bis 20 Prozent der bestellten Menge. Oder rund 2500 Donuts pro Monat. Und das nur in einer einzigen Filiale. Dunkin’ Donuts Schweiz bestreitet diese Zahlen, legt aber auf Nachfrage keine eigenen Daten offen.

Mindestbestand um 18 Uhr

Wie viele Donuts tatsächlich im Müll landen, mag von Filiale zu Filiale verschieden sein. Konservativ geschätzt auf die 13 Filialen in der Schweiz sind es wohl zwischen 10'000 und 20'000 Stück pro Monat. Das ergibt bei 90 Gramm pro Donut zwischen 900 und 1800 Kilogramm Abfall.

«Wir dürfen nur 12 und in Ausnahmefällen 24 Donuts pro Tag vergünstigt weggeben.»Dunkin'-Donuts-Mitarbeiterin

«Ein Irrsinn», sagt Dunkin’-Donuts-Mitarbeiterin Sandra Müller.* «Was mich am meisten ärgert, ist, dass wir gleichzeitig nur 12 und in Ausnahmefällen 24 Stück pro Tag vergünstigt weggeben dürfen.» Die Firma schreibe es so vor. Die Firma ist in diesem Fall die PRS Restaurants AG aus Aathal. Sie betreibt die Dunkin’-Donuts-Filialen in der Schweiz und ist als sogenannte Franchising-Unternehmung Lizenznehmerin des amerikanischen Mutterkonzerns.

«Bei Bedarf kann jede Filiale mehr Boxen zur Verfügung stellen», sagt PRS-Geschäftsführerin Alina Ghindea. «Es ist aber ein Kundenbedürfnis und auch unser eigener Serviceanspruch, dass auch abends zwei Stunden vor Ladenschluss noch circa acht 12er-Boxen Donuts zur Verfügung stehen.» Sprich: im Minimum 96 Donuts.

Strenge Vorgaben

Für die Verkäufer in den Dunkin’-Donuts-Filialen gebe es zudem strenge Vorgaben, sagt Müller. Von jeder Sorte müssen mindestens 15 Stück bestellt werden. Das macht aktuell mindestens 390 Donuts am Tag. Egal, wie viele man tatsächlich verkaufen kann.

Alina Ghindea betont: «Die Standardbestellmenge liegt aufgrund der Basket-Grössen bei 15 Stück pro Sorte. Je nach Filialgrösse werden die Bestellungen im Vorfeld zwar angepasst. Anpassungen können aber jederzeit vom Filialleiter getätigt werden.» In der Praxis scheint das allerdings kaum geschehen zu sein, wie die interne Statistik von Dunkin’ Donuts belegt. Kürzungen der Liefermenge sind nicht zu entdecken.

Von jeder Donut-Sorte müssen mindestens 15 Stück bestellt werden – aktuell mindestens 390 Donuts pro Tag. Egal, wie viele man tatsächlich verkaufen kann.

Hinzu kommt: «Fällt der Bestand am frühen Nachmittag bereits unter 150 Donuts, müssen wir nachbestellen und sie in der Fabrik in Aathal abholen. Die Bestellung des Folgetages können wir dann aber nicht reduzieren», sagt Müller.

Nachbestellung vom Wetter abhängig

Von Dunkin’ Donuts Schweiz heisst es dazu: Die Bestellungen würden tagtäglich gemacht und seien «situations- und wetter­abhängig». Sollte eine Filiale im Verlauf des Tages zu wenig Donuts haben, «kann und muss rechtzeitig nachbestellt werden – denn der Kundenservice steht für uns im Vordergrund», sagt Ghindea. Die Bestellmenge am Folgetag sei dagegen nicht vom Vortag abhängig. Diese ergebe sich aus einem Algorithmus, der dafür gedacht sei, die Restbestände so weit wie möglich zu reduzieren.

Die Mitarbeiterinnen müssen bereits in den Filialen genauestens darüber Buch führen, wie viele Donuts am Tag sie «zurückgeben». In der Reporting-Tabelle vermerken sie die Anzahl unter «Waste» – Abfall. Diese Donuts werden ohne Schutzhüllen in die Tablettwagen gelegt und am nächsten Morgen abgeholt.

Landen Abend für Abend im Müll: Backwaren der Hinwiler Dunkin’-Donuts-Filiale. (Bild: Christian Merz)

Ein Augenschein vor Ort zeigt: Der Lieferwagen kommt kurz nach 6 Uhr morgens in Hinwil an. Es ist seine letzte Station in dieser Nacht. Zuvor war er schon in Zürich und in St. Gallen. Die ­neuen Donuts schiebt der Fahrer auf Tablettwagen durch den Vordereingang des Hinwil Center. Wenige Minuten später kommt er mit den alten Donuts zurück.

Noch im Lieferwagen schüttet der Fahrer die Donuts vom Vortag in einen schwarzen 110-Liter-Müllsack. Zurück in der ­Fabrik entlädt er die leeren Tablettwagen und wirft die vollen Abfallsäcke mit Donuts in eine verschliessbare Mulde hinter der Spinnerei in Aathal. In der morgendlichen Kälte riecht es süsslich nach gefrorenen Donuts.

Spekulierende Kunden

Im Sommer des letzten Jahres konnte man während mehrerer Monate jeweils ab 19.30 Uhr zusätzlich zu den zwei 6er-Boxen, die via «Too good to go»-App abgegeben werden, weitere Donuts mit bis zu 50 Prozent Abschlag kaufen.

«Unsere Donuts sind 24 Stunden haltbar. Das sind unsere Qualitätsstandards. Deshalb werden die Restbestände entsorgt und dürfen nicht weiterverkauft oder abgegeben werden.»Alina Ghindea,
Dunkin'-Donuts-Geschäftsführerin

Diese Praxis hat das Unternehmen in der Zwischenzeit eingestellt. Sandra Müller* sagt dazu: «Wir mussten damit aufhören, weil die Kunden darauf spekulierten, die Donuts güns­tiger zu bekommen.» Aus unternehmerischer Sicht sei dies zwar verständlich; dass diese Donuts nun aber im Müll landen sollen, will Müller nicht akzeptieren.

Die Geschäftsführerin von Dunkin’ Donuts sagt dazu: «Unsere Donuts sind 24 Stunden haltbar. Das sind unsere Qualitätsstandards. Deshalb werden die Restbestände entsorgt und dürfen nicht weiterverkauft oder abgegeben werden. Dies entspricht insofern den Anforderungen unseres Lizenzgebers, als dass wir verpflichtet sind, die Dunkin’-Donuts-Qualität jederzeit einwandfrei zu gewährleisten.»

Die Wegwerfpraxis stösst auch bei vielen Kunden auf Unverständnis. «Wir haben fast jeden Tag jemanden, der nachfragt und das nicht nachvollziehen kann», sagt Müller. Eine Abgabe an Anti-Food-Waste-Firmen wäre wohl die sinnvollste Lösung. Aber auch dies geschieht nicht.

Vor zwei Jahren hatte die PRS Restaurants AG einmal eine grös­sere Spende an die Organisation «Tischlein deck dich» getätigt. Seither aber nicht mehr.

Vorgaben aus den USA?

Die «Ässbar» GmbH, die vor allem Backwaren «rettet» und schweizweit mehrere Filialen betreibt, hat versucht, Donuts von der PRS Restaurants AG zu bekommen. Vergeblich. So sagt «Ässbar»-Geschäftsführer Sandro Furnari: «Wir haben letztes Jahr angefragt; als Antwort hiess es, als Franchisenehmer sei ihnen das nicht gestattet. Schade.» Auch Versuche in anderen Städten, Donuts vom Vortag zu bekommen, wie etwa in Olten, scheiterten.

Dunkin’-Donuts-Geschäftsführerin Alina Ghindea betont: «Wir haben klare Qualitätsvorgaben vom Lizenzgeber Dunkin’ Brands und halten uns daran.» Durch die Kooperation mit «Too good to go», durch die Nutzung des komplexen Warenwirtschaftssystems sowie der Möglichkeit einer zweiten Nach­lieferung, um den Waste-Wert «so ­gering wie möglich zu halten», versuche das Unternehmen «selbstverständlich», die Lebensmittelabfälle zu reduzieren.

Erstellt: 22.01.2020, 10:56 Uhr

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