4 Jahre, 2 Kinder und 1-mal um die Welt im Segelboot

Sie haben gewagt, wovon viele nur träumen: Familie Bay ist in einem alten Boot auf Weltreise gegangen.

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In der Badi Wädenswil tauchen Samy (6) und Adam (8) um die Wette und springen vom 3-Meter-Brett. Wasser ist ihr Element, die Schule dagegen Neuland – sie sitzen seit letzter Woche erstmals auf einer Schweizer Schulbank. Bis vor ein paar Wochen lebten die beiden Jungs noch auf einem Segelschiff im neuseeländischen Whangarei. Dort waren sie die Kinder von Columbus und die Söhne von Magellan, wie Peter Reber singt. Nun sind sie gewöhnliche Zürisee-Buben.

Vater Herbert Bay (44) aus Kreuzlingen und Mutter Asma Jebali (40), gebürtige Tunesierin, haben einen aussergewöhnlichen Weg hinter sich. Bay machte eine Mechanikerlehre bei der Mowag in Kreuzlingen und schraubte an Panzern herum. In der Seglerszene gelten gelernte Dieselmechaniker – neben Ärzten – als wahre Götter. Dann schaffte es Bay auf einem unkonventionellen Weg von der Berufslehre über ein ETH-Studium der Mikrotechnik zum Doktor in Bilderkennung. An der ETH Lausanne lernte er Asma kennen. Sie hat in angewandter Optik an der ETH und am IBM-Forschungslabor in Zürich doktoriert.

Zürcher des Jahres

2007 gründete Herbert Bay mit ETH-Kollege Till Quack das Start­up Kooaba. Ihre Idee: mit einer cleveren Bilderkennungssoftware eine Art Google für Handys zu entwickeln – damals gab es noch kein iPhone. Die beiden gewannen Forscherpreise, wurden zu Giacobbo/Müller eingeladen und 2009 zu Zürchern des Jahres gewählt.

Schon beim ersten Date blitzte bei Asma und Herbert die romantische Idee einer Bootsreise auf. Es fehlten nur ein Schiff und viel Zeit. Einige Jahre und zwei Kinder später – als der kleine Samy noch kaum laufen konnte – entschieden sich die beiden, den Traum zu verwirklichen. Aber wie finanzieren? Herbert Bay hatte sein ganzes Geld in seine Hightechfirma investiert. Immerhin hatte Asma als Projektleiterin bei Helbling Technik Wil einen Lohn, um das Überleben der Familie zu sichern.

Doch die beiden hatten Mark Twains Lebensweisheit im Hinterkopf: «Du wirst nie enttäuscht sein über Dinge, die du getan hast, sondern bloss über Dinge, die du nicht getan hast.» Mit nur 50 Franken auf dem Konto kaufte sich Herbert 2013 in Südfrankreich ein 26 Jahre altes Segelboot auf Abzahlung, eine Bavaria 41. Maya haben die beiden sie getauft, «Wässerchen» auf Arabisch. Einen Tag nachdem die Bays den Kaufvertrag unterschrieben hatten, erlitt Asma einen Hirnschlag.

Maya: Mit diesem Segelboot reisten die Bays um die Welt. Fotos: PD

Nach dem ersten Schock begannen die beiden Ingenieure logisch zu denken: «Der Hirnschlag kam zu Hause auf dem sicheren Sofa, was kann denn auf einer risikoreichen Weltreise noch Schlimmeres passieren?» Gerade rechtzeitig konnten Herbert und sein Mitgründer ihre Firma dem amerikanischen Chiphersteller Qualcomm verkaufen, und Asma erholte sich schnell von ihrem Hirnschlag. Und so holten Asma und Herbert im Juni 2014 ihre beiden Jungs von der Kinderkrippe ab und fuhren im Mietauto nach Südfrankreich, wo die Maya lag.

«Wir waren seglerische Greenhorns – Asma und die Kinder hatten Angst vor den Wellen, und ich war viel zu ungeduldig», erzählt Herbert. Die erste Etappe raus aufs Mittelmeer Richtung Korsika war «reiner Horror». Zuerst hüpften die Jungs wie wild auf dem schwankenden Boot herum, was zu permanenten Angstzuständen der Eltern führte. Die Kids mussten sich daran gewöhnen, immer Schwimmwesten zu tragen und angeleint zu sein. Dann schlug der Mistral mit brutalen 35 Knoten zu. Samy war schrecklich seekrank, und Asma wäre am liebsten gleich wieder nach Hause gegangen. Auch Herbert lief am Anschlag: «Wir hatten noch keinen Autopiloten, ich musste die ganze Nacht von Hand steuern.»

Ein fliegender Tintenfisch landete im Cockpit vor seinen Füssen, verspritzte Tinte überall und blinkte phosphoreszierend wie eine blaue Polizeisirene.

Die nächste Krise kam auf der Überfahrt von Tunesien nach Menorca. Da merkten die beiden, dass auf einem kleinen Segelschiff immer zwei Elemente Mangelware sind: Strom und Wasser. Krise drei und vier kamen in Marokko: Zuerst geriet ein Fischernetz in den Schiffspropeller; Herbert musste mitten auf See mit dem Schweizer Offiziersmesser tauchen gehen. Und dann waren die Wetterverhältnisse so schlecht, dass ihnen die Zollbeamten die Pässe wegnahmen – gut gemeint –, um sie am Abfahren zu hindern. Nachdem sie dann doch hatten auslaufen dürfen, verwüstete das Unwetter die marokkanische Küste und forderte 30 Tote. Maya entkam der Katastrophe gerade noch.

Nach den Kanarischen Inseln fanden Maya und die Bays zum entspannten Weltumseglermodus. Ein Windpropeller und Solarzellen lieferten immer genügend Strom, ein Autopilot steuerte Tag und Nacht. Für die Route in die Karibik gilt die alte Seefahrerregel: «Fahre zuerst südlich, bis die Butter auf dem Brot schmilzt, dann halte steuerbord.» Wo es allmählich tropisch und warm wird, auf der Höhe der Kapverdischen Inseln, da beginnt die Zone des Passatwindes aus Nordost, der die Boote fast automatisch über den Atlantik trägt. Da zweigt man rechts ab quer über den Atlantik.

Mittlerweile waren alle an die hohen Wellen gewöhnt, die von schräg hinten anrollten, die Jungs sangen sich durch das Repertoire des Trio Eugster und spielten trotz nervigem Geschaukel stundenlang Lego. Herbert nutzte die tropischen Nächte, um neue Apps zu entwickeln. Nur einmal erschrak er wahnsinnig: Ein fliegender Tintenfisch landete im Cockpit vor seinen Füssen, verspritzte Tinte überall und blinkte phosphoreszierend wie eine blaue Polizeisirene. Rassige 16 Tage nach dem Start auf den Kapverden kam Maya im Jachthafen Le Phare Bleu der ehemaligen «10 vor 10»-Chefin Jana Caniga auf Grenada an.

Untereinander sprechen die Jungs heute Englisch, mit der Mutter Französisch oder Tunesisch und mit dem Vater Schweizerdeutsch.

Fast ein Jahr blieb Familie Bay in der Karibik. Dann durchquerte sie den Panamakanal und segelte – und motorte – nordwärts nach Costa Rica. «Null Wind, brütend heiss, das Wasser weit über 30 Grad warm und Krokodile, die im Hafen schwimmen», erzählt Herbert. Adam erhielt nun an Bord Schulstunden mit Büchern, die per Post aus den USA ankamen.

In der Südsee entwickelte Herbert mangels Internet ein Programm für Rechenübungen für Adam. Samy war neidisch, ahmte seinen grossen Bruder nach und konnte bald selber bis 100 zählen. Untereinander sprechen die Jungs heute Englisch, mit der Mutter Französisch oder Tunesisch und mit dem Vater Schweizerdeutsch. Nach drei Tagen Schule in Wädenswil berichtet Adam: «Die anderen sagen, ich spreche Mischmasch.»

Wurde wie sein Bruder immer wagemutiger: Adam am Ruder.

Navigieren, reparieren, unterrichten, fischen, einkaufen, backen, kochen und viel Zeit mit den Kindern verbringen – das ist das Seglerleben. Doch bei Herbert wurde es wieder ernst. Seine zweite Firma Shortcut, die er noch als Verwaltungsratspräsident betreute, kam aus dem Ruder, und er musste das Steuer wieder selber in die Hand nehmen. Die Investorensuche brachte die Familie auf die Idee, für drei Monate ins Silicon Valley zu fliegen – ein Kulturschock für die Jungs, die im Leben noch nie TV geschaut hatten. Der geschäftliche Durchbruch blieb aber aus, «niemand investierte mehr in Werbetechnologie. Facebook und Google dominieren dermassen», so Herbert Bay. Also verkleinerte er die Firma so, dass er sie vom Schiff aus selber weiterbringen konnte.

Leben wie im Paradies

Was nun folgte, war die schönste Zeit: segeln quer durch die Südsee, schwimmen mit Seelöwen auf den Galapagos-Inseln, tauchen mit Stachelrochen und Haifischen auf Moorea oder ankern auf allerkleinsten Atollen. Die Jungs wurden immer kräftiger und wagemutiger. Als die vier einst – die Maya ankerte draussen vor dem Riff – mit dem kleinen Gummibeiboot auf einer Welle surfend durch den mit messerscharfen Korallen gesäumten Pass in die Lagune räuberten, scherzte Herbert: «Jetzt müssen wir wohl für immer hierbleiben.» Da riefen die Buben begeistert: «Oh yeah!» Der Scherz hatte einen durchaus ernsten Hintergrund. «Die Einfahrt war sehr gewagt», erinnert sich Herbert.

Über zwei Jahre lebten die in der Südsee wie Robinson im Paradies. Ausser ein paar Hütten und Perlenfarmen gabs nichts. Sie verbrachten die Tage nebst Kinderbetreuung und Schule mit Tauchen, Früchte und Gemüse pflücken, Brot backen, Käse und Wein herstellen, Kokosnüsse sammeln und öffnen. Herbert perfektionierte nebenbei die Shortcut-App, die langsam mehr User und Umsatz generierte.

Wädenswil statt Weltreise: Nach vier Jahren gings zurück in die Schweiz.

Als sie nach dem Paradies in Neuseeland ankamen, mussten sich die Bays entscheiden: Sesshaft werden oder in die Schweiz zurückkehren? «Ich möchte auch mal einen Freund», wünschte sich Adam. «Weitersegeln hätte mich ausgelaugt», sagt Herbert. Segeln mit kleinen Kindern sei anstrengend, solange sie noch nicht selber mit dem Beiboot ans Land könnten. Asma wäre dagegen gerne weitergesegelt. Weil Hightech-Jobs in Neuseeland eher rar sind, entschieden sich die Bays im Frühling dieses Jahres zur Heimkehr, in eine Terrassenwohnung in Wädenswil – immerhin mit Seesicht.

Adam geht in die dritte und Samy in die erste Klasse. Asma managt alles und will das Abenteuer in Buchform bringen, bevor sie wieder einen Job annimmt. Herbert arbeitet seit kurzem für die US-Firma Magic Leap. Die Firma entwickelt computergenerierte 3-D-Bilder, die über ein digitales Lichtfeld in die Augen der Nutzer projiziert werden. Herbert erzählt das, wie wenn er im Leben nie etwas anderes gemacht hätte. Doch auf die Frage nach der Maya stockt seine Stimme, und er bekommt feuchte Augen. Sie ist verkauft.

*Dieser Artikel erschien erstmals am 29. August 2018 auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Im Rahmen eines Jahresrückblicks publizieren wir ausgewählte Texte erneut.

Erstellt: 01.01.2019, 13:27 Uhr

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