5 Franken für ein Oberländer Ei

Bauer Kurt Brunner züchtet auf seinem Hof in Wernetshausen Hühner. Trotzdem ruft er dazu auf, weniger oder gar keine Eier zu essen – oder massiv mehr dafür zu bezahlen.

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Ein leises «Piep, Piiiep» ist zu vernehmen, als Kurt Brunner eine Plastikkiste aus dem Schrank mit der Glastür zieht. Fünf Küken, alle erst wenige Stunden alt, recken ihre Köpfe in die Höhe und fiepen in hohen Tönen. Neben ihnen liegen die gebrochene Schale eines Eis und etwa ein Dutzend Eier, aus denen weitere Hühnchen schlüpfen sollen. In ein paar Monaten werden diese Tierchen – eine Kreuzung der alten Rassen Rhode Island und Wyandotte – stolze Hühner und Güggel sein.

Auf dem Hof Looren in Wernetshausen werden sie für ein paar Jahre auf freien Wiesen herumrennen und Würmer aus dem Boden ziehen. Brunner wird sie nicht bereits nach ein paar Wochen schlachten, denn sie werden nicht so viel Fleisch angesetzt haben wie auf Hochleistung gezüchtete Tiere. Seine Hühner wachsen viel langsamer. Er wird sie auch nicht nach etwas mehr als einem Jahr töten, weil sie ihre Leistungsgrenze als Legehennen erreicht haben. Brunners Hühner legen nicht über 300 Eier pro Jahr wie die Hybridhühner, sondern 150 bis 180. Das dafür aber über mehrere Jahre hinweg.

Das ist einzigartig in der Schweiz: Es gibt Bauern, die als Hobby ein paar wenige Hühner von alten Rassen züchten und aufziehen. Auf einer landwirtschaftlichen Basis macht das aber kaum einer.

Über die Frage, ob zuerst das Huhn oder das Ei gewesen ist, könnte man mit Brunner, der auf einem Bauernhof aufgewachsen ist und ein naturwissenschaftliches Studium an der ETH abgeschlossen hat, stundenlang philosophieren. Doch diese Frage ist für ihn nicht zentral. Ihn beschäftigt vielmehr die Ethik der Hühnerzucht. Oder ganz konkret die Frage: Wie kann ein Huhn, wie kann ein Güggel würdig und wesensgerecht aufwachsen und leben? Darüber spricht er gerne und leidenschaftlich, manchmal freudig und sehr oft enerviert. «Lange Zeit war ich einfach nur wütend auf die Machenschaften der Hühnerindustriellen und habe mit meiner Ohnmacht gehadert», sagt er.

Die Lüge in der Werbung

Brunner hat auf seinem Hof Looren, den er seit dreizehn Jahren in Pacht führt, gehandelt und geht exemplarisch einen neuen Weg. Heute rät er, weniger oder gar keine Eier mehr zu essen. Denn die Probleme rund um die Hühnerzucht sind für ihn zu gross. Das erste Problem: Selbst Bio-Eier – eines der erfolgreichsten Bio-Produkte überhaupt – sind für ihn keine Lösung. «Grossdetaillisten zeigen in der Werbung ein braunes Huhn alleine auf einer Wiese, das ist schlicht und einfach eine Lüge», sagt Brunner. Legehennen würden in Ställen zu Tausenden gehalten. In konventionellen Betrieben hätten sie auf der Sitzstange 14 Zentimeter Platz, in Bio-Betrieben 16 Zentimeter, auf Demeter-Höfen 20 Zentimeter. «Das ist für alle zu wenig», sagt er.

Die Haltung ist für Brunner nur ein Teil der Problematik. Das zweite Problem ist für ihn wichtiger. «Zwei bis drei Unternehmen auf der Welt teilen sich die Hühnerzucht auf. Alle Hühner, egal ob in konventioneller oder Bio-Haltung, stammen von ihnen, es sind geschlossene Zuchtschmieden.» Die Tiere seien zudem ein genetisches Endprodukt, sie könnten sich nicht mehr selber vermehren. Ein Bauer könnte mit ihnen, selbst wenn er wollte, keine Zucht beginnen. Brunner hält momentan in seinem Bio-Stall selbst noch 500 solche Tiere. Aus wirtschaftlichen Überlegungen kann er auf diese noch nicht verzichten.

Die Hochleistungshühner seien zudem auf proteinreiche Nahrung angewiesen, die vor allem Soja biete, was das dritte grosse Problem darstellt. 80 bis 90 Prozent des Futters stammen aus dem Ausland. Hauptbestand ist Soja, das unter anderem aus Südamerika stammt. «Auch in Bio-Betrieben wird dieses Futter verwendet. Wie man solche Eier oder solches Pouletfleisch als Schweizer Erzeugnisse verkaufen kann, ist mir ein Rätsel», sagt Brunner. Soja enthalte zudem Eiweiss, das der Mensch auch essen könne – Tier und Mensch stünden hier in Konkurrenz. Was bei Rindern, die mit Gras und Heu gefüttert würden, nicht der Fall sei. «Darum ist es sinnvoller, ein Stück Fleisch eines solchen Rindes zu essen als ein Ei.»

Projekt Huhn mit Bruder

Der letzte grosse Problemkreis ist bereits einer breiteren Öffentlichkeit bekannt: Bei der Zucht von Legehennen werden alle männlichen Tiere kurz nach dem Schlüpfen getötet, weil es für sie keine Verwendung gibt: Sie legen keine Eier und würden bei der Aufzucht kaum Fleisch ansetzen. Und Legehennen landen, wenn sie einmal ausgedient haben, oftmals in Bio-Gas-Anlagen.

Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, hat Brunner das Projekt «Huhn mit Bruder» gestartet. So hat er die 500 Brüder der Legehennen im Bio-Stall auch aufgezogen und erst nach etwa 20 Wochen geschlachtet, sie lebten drei- bis viermal länger als konventionelle Mastpoulets. Er verkauft sie an Restaurants, Gastronomiebetriebe, Grossisten und Quartierläden in und um Zürich.

Mit seinen Rassehühnern geht Brunner noch einen Schritt weiter. Diese dürfen auf einer eingezäunten Wiese herumgackern und können sich in ausgediente und umgebaute Kühlwagen zurückziehen, die Hennen legen dort ihre Eier. Als Futter verwendet er zum Beispiel Schotte aus der nahen Demeter-Käserei, die er mit Dunst aus Futtermehl mischt, das sonst kaum mehr verwendet wird – eine Mischung, die die Tiere lieben. Bis in fünf Jahren, so hofft er, kann er die Hälfte des Hühnerfutters auf dem Hof selber erzeugen. «Den Rest will ich ökologisch und ethisch vertretbar in der Schweiz kaufen.»

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Brunner ist auf dem Weg, seine Vision einer landwirtschaftlichen, würdigen und wesensgerechten Hühnerhaltung zu verwirklichen. «Ich will nicht nur mir selber im Spiegel in die Augen schauen können, sondern auch den Tieren auf dem Hof», sagt er. Mit auf den Weg will er auch seine Kunden nehmen. Er weiss, dass er sein Ziel nur mit ihnen gemeinsam erreichen kann. Denn für ein Ei eines Rassenhuhns von seinem Hof muss er mehr verlangen als die Grossdetaillisten. An ausgewählten Orten sollen die Kunden dereinst 5 Franken für ein solches Ei bezahlen. «Das wäre kostendeckend.»

Im Restaurant Gamper in Zürich kocht Marius Frehner morgen Dienstag ein Menü mit Kurt Brunners Hühnern. Es ist eine Aktion in Zusammenarbeit mit «Gut». Zürcher sammeln in einem Crowdfunding Geld, um ein multimediales Magazin zu starten. «Gut» organisiert am 21. 5. eine Hofbesichtigung bei Brunner. Infos: www.eswirdgut.ch

16 Tipps – Zürichs beste Adressen zum Essen:

Erstellt: 14.05.2017, 20:29 Uhr

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