Zum Hauptinhalt springen

«50 Prozent der Schüler im Kanton Zürich mobbten bereits»

Opfer werden zu Tätern und umgekehrt: Dirk Baier forscht zu Cybermobbing unter Jugendlichen. Am Donnerstag tritt er in Zürich auf.

Mobbing im Internet belastet Jugendliche mehr als Hänseleien auf dem Pausenplatz.
Mobbing im Internet belastet Jugendliche mehr als Hänseleien auf dem Pausenplatz.
Sibylle Meier

In Wiesendangen ZH mobbten unlängst Jugendliche ein Mädchen im Netz dermassen, dass es an Suizid dachte. In Spreitenbach AG nahm sich eine betroffene Teenagerin das Leben. Wie kann sich Tyrannei im Internet überhaupt so zuspitzen?

Mobbing im Netz wirkt sich auf die Jugendlichen grundsätzlich stärker aus, als auf dem Pausenplatz tyrannisiert zu werden.

Wieso?

Es ist viel schwieriger, sich davon abzugrenzen. Was online geschieht, das bleibt nicht in der Schule. Das Cyberbullying, wie wir es nennen, verfolgt die Opfer bis nach Hause, über die sozialen Medien und Gruppenchats. Sie können sich also weder örtlich noch zeitlich davon abwenden.

Sie könnten das Handy ausschalten und ignorieren, was geschrieben wird.

Das funktioniert aus zwei Gründen nicht. Jugendliche identifizieren sich stark über die sozialen Medien. Sie können diese nicht einfach abschalten, es ist wie ein Stück von ihnen selbst. Deshalb schmerzt es sie auch, wenn ein neues Bild von ihnen abschätzig kommentiert wird. Zudem werden betroffene Jugendliche meist nicht nur übers Netz, sondern auch an der Schule gemobbt. Einfach das Handy weglegen reicht nicht.

Das Mädchen in Wiesendangen bekam hässliche Nachrichten über den breitgestreuten Klassenchat. Ein Jugendlicher schrieb darin: «Bring dich um.» Niemand hat ihn zurechtgewiesen. Warum?

Das ist ein häufiges Phänomen. Es ist, als fehlte uns im Netz die Empathie. Wenn wir einer Person gegenüberstehen und ihr etwas Verletzendes sagen, sehen wir die Reaktion. Sie weint vielleicht und wir setzen kaum eine Beleidigung auf die andere. Im Internet sehen wir das Gesicht der anderen Person nicht – und verlieren die Hemmungen. Dass niemand eingreift, kann auch damit zu tun haben, dass sich niemand verantwortlich fühlt, der gemobbten Schülerin zu Hilfe zu eilen.

Gibt es Jugendliche, die anfälliger sind, gemobbt zu werden?

Grundsätzlich kann es jede und jeden treffen.

Und wie sieht es bei den Täterinnen und Tätern aus?

Das sind in der Regel eher Jugendliche, denen es an Empathie mangelt. Sie haben tendenziell noch andere Probleme und einen Freundeskreis, in dem Aggressivität eine Rolle spielt. Es ist auch möglich, dass ein früheres Opfer zur Täterin oder zum Täter wird. Auch dieses Phänomen haben wir beobachtet.

Welche Motivation steckt dahinter?

Wer schon Cybermobbing erlebt hat, fühlt sich später allenfalls auch bemächtigt, selbst zu mobben. Aus einer Studie der ETH Zürich geht hervor, dass rund 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler im Kanton Zürich schon einmal gemobbt haben. Dabei gibt es Opfer, die Täter wurden und umgekehrt.

Cyberbullying ist wie ein Teufelskreis. Wie lässt sich dieser durchbrechen?

Am besten, in dem sich der oder die Betroffene einer Vertrauensperson öffnet. Das kann die Schulsozialarbeiterin, der Vater oder die Mutter sein. Diese Person soll das Anliegen ernst nehmen. Es soll mit den Opfern und Tätern thematisiert werden, zu Hause, in der Schule, in den Klassen. Eine gute Art der Gewaltprävention sind Peacemaker an den Schulen. Das sind Jugendliche, die bestimmt werden, um Streit zu schlichten. Sie erhalten eine Kurzausbildung und sind später eine niederschwellige Anlaufstelle für die Klassenkameraden. Sie kümmern sich zum Beispiel auch darum, wie sich Opfer und Täter nach einem Mobbingvorfall verhalten wollen, um weiterhin gemeinsam zur Schule gehen zu können. An unserer Veranstaltung am Donnerstag werden zwei Peacemaker von Hombrechtikon vor Ort sein und von ihren Erfahrungen erzählen.

Was können Eltern tun?

Den Kindern ab dem Primarschulalter beibringen, dass es keinen Unterschied gibt, ob wir uns im Internet oder in der Realität bewegen. Der Umgang untereinander soll immer respektvoll sein. Wir beschimpfen uns nicht und machen uns nicht gegenseitig fertig.

In unseren Museen finden täglich spannende Veranstaltungen statt: Von Führungen, Vorträgen, Workshops bis hin zu Lesungen und Konzerten. Wählen Sie gerne aus. Wir freuen uns auf Ihren Besuch. Angebote in den Sprachen Französisch, Italienisch, Englisch und Russisch finden Sie über die entsprechende Sprachnavigation.

Fokus Sündenbock: «Alle gegen Einen – Mobbing und Cyberbullying unter Jugendlichen»

Veranstaltung im Landesmuseum, Zürich. Fokus Sündenbock: «Alle gegen Einen – Mobbing und Cyberbullying unter Jugendlichen», Donnerstag, 9. Mai von 18 bis 20 Uhr, Eintritt frei.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch