600 Franken Busse fürs Fahnenschwenken

Eine Schweiz-Kroatin wird gebüsst, weil sie im fahrenden Auto aufstand und eine kroatische Flagge schwenkte. Sie spricht von Willkür: Als sie mit der Schweiz gejubelt habe, sei nichts passiert.

In solchen Fällen greift die Stadtpolizei ein: Fans stehen beim Feiern im Auto auf, hier nach dem Schweizer Sieg gegen Serbien.

In solchen Fällen greift die Stadtpolizei ein: Fans stehen beim Feiern im Auto auf, hier nach dem Schweizer Sieg gegen Serbien. Bild: Walter Bieri/Keystone

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«Das ist eine Mega-Schweinerei.» Kristina F.* ist stocksauer, ihr droht eine saftige Busse. Auslöser: Sie feierte in Zürich den Achtelfinaleinzug «ihrer» Kroaten, Hunderte Gleichgesinnte rollten hupend und johlend über die Langstrasse. Mittendrin die 30-Jährige. Ihren Oberkörper aus dem Dachfenster gereckt, schwenkt sie die kroatische Flagge. Dann endet der Freudentaumel abrupt. Die Stadtpolizei greift ein, sperrt die Strasse und bittet die Feiernden zur Kasse.

So auch Kristina F. «Gegen Sie wird ein Strafverfahren eröffnet», weist sie ein Polizist zurecht. Und prophezeit ihr eine Busse von 400 bis 600 Franken. Die Stadtpolizei Zürich bestätigt die Intervention. «Es wurden diverse Verzeigungen vorgenommen. Vor allem, weil Fans auf Autodächern sassen oder stehend in Cabrios Fahnen schwenkten», sagt Polizeisprecher Marco Cortesi. Mit solchen Aktionen würden die Fans sich und andere gefährden. Die 30-Jährige ist sprachlos: «Ich war nicht betrunken, habe nur wie alle anderen gefeiert – und wir waren im Schritttempo unterwegs.»

Liegt es an der Nation?

Nur wenige Tage zuvor fuhr sie in gleicher Jubelpose durch Baden – mit der Schweizer Fahne, nach dem 2:1-Erfolg über Serbien. Und zwar an Dutzenden Beamten vorbei, ohne auch nur eine Verwarnung zu kassieren. «Es kann doch nicht sein, dass Polizisten beim gleichen Vergehen komplett anders reagieren», sagt sie. Ihr Vorwurf: Polizeiwillkür bei Fankorsos – je nach Stadt und beteiligter Nation messe die Polizei nicht mit gleich langen Ellen.

«Bei Hupkonzerten und Korsos sind wir tolerant. Besteht aber ein Sicherheitsrisiko, greifen wir ein.»Marco Cortesi, Sprecher Stadtpolizei Zürich

Polizeisprecher Cortesi kontert: «Bei Hupkonzerten und Korsos sind wir tolerant. Besteht aber ein Sicherheitsrisiko, greifen wir ein – egal, welche Nation gerade jubelt.» Ob mit einer Verwarnung, Busse oder Anzeige, hänge ganz von den Umständen ab. Und von den Beamten vor Ort. «Sie können am besten abschätzen, wann eine Gefährdung vorliegt, und beurteilen, welche Massnahmen angemessen sind.»

Im Aargau ist die Polizei tolerant

Im Gegensatz dazu scheinen die Aargauer Polizisten toleranter. Geniessen jubelnde Fussballfans dort einen Freipass? «Auf keinen Fall, sicher nicht bei groben Verstössen», betont Bernhard Graser. Aber der Sprecher der Aargauer Kapo verweist auf den Ausnahmezustand während der WM: «Unsere Doktrin ist es, den gesunden Menschenverstand walten zu lassen.»

«Unsere Doktrin ist es, den gesunden Menschenverstand walten zu lassen.»Bernhard Graser, Sprecher Aargauer Kantonspolizei

Heisst: Eher mal verwarnen als jede Verfehlung gleich ahnden. «Diesen Spielraum nützen wir aus und sind bei kleineren Übertretungen tolerant.» Bei einem Autokorso, der im Schritttempo unterwegs sei, dürften die Polizisten auch mal ein oder gar beide Augen zudrücken.

«Das ist nicht fair»

Für Kristina F. ein schwacher Trost. «Das ist nicht fair. Ich war nie straffällig, jetzt muss ich 600 Franken bezahlen und bekomme einen Eintrag im Strafregister – wegen so einer Kleinigkeit.» Wie hoch die Busse letztlich ausfällt, entscheidet aber der Stadtrichter. Er kann sie auf maximal 500 Franken ansetzen.

Da es sich beim WM-Jubel der Kroatin um ein Vergehen handelt, das nicht auf der Ordnungsbussenliste steht, erfolgt automatisch eine Strafanzeige. Das hat kostspielige Folgen: Die Polizei muss einen Rapport verfassen, der Stadtrichter sich mit dem Fall befassen – zusätzlich zur Busse kommen so auch noch hohe Gebühren dazu, welche die 30-Jährige berappen muss.

* Name der Redaktion bekannt

(übernommen von «20 Minuten»)

Erstellt: 28.06.2018, 14:11 Uhr

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