640 Franken pro Stunde – Kloten vertreibt Hobbyfilmer

Spotter Andy Ruesch versteht die Welt nicht mehr: Mit seinen Aviatik-Videos erreicht er zehntausende Fans, nun soll Schluss sein. Sind seine Drehs schlicht zu gut?

Ausgefilmt: Hobbyfilmer Andy Ruesch verabschiedet sich mit diesem Video vom Flughafen Zürich. (Quelle: Youtube/Ruesch Productions Aviation Cinematography)

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Andy Rueschs Facebook-Fans und Youtube-Abonnenten sind sauer. Sieben Jahre lang erfreuten sie sich an seinen Aufnahmen der Fliegerei in Zürich. Ruesch zeigte Bilder, die Passagiere und Besucher normalerweise nicht sehen. Seit Ende letzten Jahres ist damit aber Schluss. Der Flughafen Zürich verlangt neu von ihm, dass er für seine Aufnahmen Tausende Franken berappen muss.

Für Planespotter Andy Ruesch bedeutet dies das Ende einer Ära. «Wir sind ein Non-Profit-Unternehmen, wir haben diese Filme aus Freude und Liebe zur Aviatik gemacht. Aber diese hohen Gebühren können wir nicht bezahlen.» Die Hobbyfilmcrew müsste für einen achtstündigen Dreh von sechs Uhr früh bis zwei Uhr mittags über dreitausend Franken berappen.

Zusätzlich zu einer Grundgebühr von 405 Franken kommen 100 Franken für den Strombezug sowie 235 Franken Begleitpauschale pro Stunde hinzu. Filmt man ausserhalb der Bürozeiten der Medienstelle, so kommt ein Pauschalzuschlag von 405 Franken pro Stunde hinzu.

Flughafen rechtfertigt sich

Dass Hobbyfilmer Ruesch neuerdings diese Gebühren zahlen muss, findet Flughafensprecherin Sonja Zöchling korrekt: «Wir sind Herrn Ruesch jahrelang entgegengekommen und waren der Meinung, sein Arbeitgeber habe ihm den Auftrag dazu erteilt, weshalb wir ihm die Gebühren erlassen haben.» Man habe dann realisiert, dass er und seine Filmcrew sehr oft filmten, und zwar aus rein privatem Interesse ohne Auftrag.

Laut Zöchling habe man deshalb nach Rücksprache mit der Sicherheitsabteilung entschieden, dass er die Filmaufnahmen künftig offiziell anmelden müsse. «Das bedingt, dass er entsprechend begleitet wird, was selbstverständlich Kosten nach sich zieht.» Es gelte die Gleichberechtigung.

Umstrittene Erklärung

Die Erklärung der Mediensprecherin erstaunt den Hobbyfilmer: «Die Medienstelle hat genau gewusst, zu welchem Zweck diese Filme gedreht werden und dass sie auf unseren Youtube-Kanal geladen werden.» Andy Ruesch ist nicht direkt beim Flughafen angestellt. Dank seiner Tätigkeit hat er aber die Zugangsberechtigung zu besagten Flughafenbereichen. Wo genau er arbeitet, möchte er nicht nennen, da sein Hobby nichts mit seiner Arbeit zu tun habe.

In den letzten sieben Jahren konnten sich Ruesch und seine Filmcrew laut eigenen Angaben im Einverständnis mit der Medienstelle am gesamten Flughafen, inklusive Vorfeld, problemlos frei und unbegleitet bewegen. Dafür hätten sie sich jedes Mal offiziell bei der Medienstelle angemeldet. Da alle Beteiligten der Filmcrew am Flughafen arbeiten, benutzten sie bei den Drehs jeweils ihren Flughafenbadge. Das gehe nun nicht mehr, so Zöchling: «Der Flughafenausweis jedes einzelnen Flughafenmitarbeitenden ist nur für den dienstlichen Gebrauch bestimmt.» Ausnahmen würden aus Sicherheitsgründen nicht mehr gewährt.

Konkurrenz zum hauseigenen Flughafenkanal?

Die Enttäuschung und das Unverständnis bei Andy Ruesch und seinem Team sind gross. Für ihn geht die offizielle Begründung seitens des Flughafens nicht auf. Er vermutet ein Konkurrenzdenken: «Ich glaube, dass es der Medienstelle nicht passt, dass ein Externer bessere Filme macht als sie selbst. Deshalb hat man uns den Riegel vorgeschoben.»

In der Tat zählt Rueschs Youtube-Kanal knapp 17'000 Abonnenten, seine Videos über Starts, Landungen und Alltag am Zürcher Flughafen erreichten in den vergangenen Jahren bis zu 700'000 Views. Wirft man einen Blick auf den offiziellen Flughafenkanal Flughafen Zürich AG, so sind die Zahlen ernüchternd: 534 Abonnenten, die Videos haben im Schnitt weniger als 1000 Klicks, ein Video über das richtige Packen eines Koffers schafft es auf 27'000 Aufrufe.

Die Reaktionen im Netz sind eindeutig: Die Fans der Filme verstehen das Vorgehen des Flughafens nicht. «Haben die Verantwortlichen vom Airport jemals ein Ruesch-Video gesehen?? Offenbar nicht! Bessere Werbung gibt es ja wirklich nicht!», schreibt ein Fan auf Facebook. Ein anderer bedauert das Ende: «Das ist wirklich schade. Vor allem, wenn man die Qualität eurer Videos mit der von Airport TV und der Flughafen-Zürich-Seite vergleicht. Das ist wie Tag und Nacht.»

Flughafen dementiert Konkurrenzdenken

Auf die Frage hin, ob man sich durch die Regeländerung für Andy Ruesch bessere Reichweiten für den hauseigenen Kanal erhoffe, winkt Sonja Zöchling ab: «Das eine hat mit dem andern nichts zu tun. Die Airport-TV-Beiträge sind mit den Filmen von Andy Ruesch nicht vergleichbar. Sie erfüllen auch einen ganz andern Zweck.»

Es ist eine Geschichte wie bei David gegen Goliath. Für die Produktionscrew von Andy Ruesch kommen die neuen Bedingungen des Flughafens zum Filmen nicht infrage. Er möchte nun Aviatikfilme im Bereich von Privatflugzeugen, Rundflügen über Berglandschaften oder Gletscherflügen anbieten.

Erstellt: 06.01.2016, 15:01 Uhr

Kann die hohen Gebühren nicht bezahlen: Filmer Andy Ruesch. (Bild: rueschproductions.com)

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