64-Millionen-Auktion in Dübendorf in letzter Minute abgeblasen

Am Mittwoch sollte das wertvolle Giessen-Areal zwangsverwertet werden. Der Eigentümer verhinderte es im letzten Moment. Nun endet ein epischer Streit.

Die Glattalbahn fährt mitten durch das wertvolle Giessen-Areal in Dübendorf.

Die Glattalbahn fährt mitten durch das wertvolle Giessen-Areal in Dübendorf. Bild: Dominique Meienberg

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Bis am Dienstagabend ging Markus Zöbeli davon aus, dass er am Mittwochnachmittag um 14 Uhr im Arvensaal des Hotels Sonnental vor potenten Investoren stehen und eine Versteigerung durchführen würde. Der Leiter des Dübendorfer Betreibungamts hatte die Auktion angesetzt, weil der Eigentümer des Giessen-Areals die Schulden seiner Gläubiger seit langem nicht mehr bediente und diese eine Zwangsverwertung verlangt hatten. Als Schätzwert für das Land gab das Amt 64 Millionen Franken an, der Gewinner der Versteigerung hätte sofort 1 Million hinblättern müssen.

Doch dazu kommt es nicht, wie der Homepage des Dübendorfer Betreibungsamts zu entnehmen ist. Im letzten Moment haben sich die Landeigentümerin, die Firma K-Werkstatt, und eine Investorengruppe auf einen Preis geeinigt, sodass die Auktion obsolet wird. Das bestätigte Zöbeli am Dienstagabend auf Anfrage. Die Schuldensumme sei auf dem Konto des Betreibungsamts eingetroffen. «Die Zahlung erfolgte in der letzten Minute», sagt Zöbeli.

Gemäss Lastenverzeichnis handelt es sich um über 30 Millionen Franken. Der Hauptteil der Summe geht an die Bank, die den Landkauf im Jahr 2006 finanzierte, und an eine Immofirma, die danach immer wieder Millionenbeträge eingeschossen hat. In der Zwischenzeit kamen etliche Gläubiger dazu, unter ihnen Anwaltskanzleien, welche die K-Werkstatt in unzähligen Rechtshändel vertreten haben.

Kommt jetzt der 550-Millionen-Bau?

Wer die Investoren sind und wie viel sie für das Areal in der Nähe des Bahnhofs Stettbach zahlten, ist nicht bekannt. Man kann aber davon ausgehen, dass die Summe die veranschlagten 64 Millionen Franken übertrifft. Damit macht die K-Werkstatt, die sich über die Jahre mit vielen Akteuren verstritten hat, ein gutes Geschäft. Der Gewinn beträgt mehrere Dutzend Millionen, K-Werkstatt hatte das Land dem Bund mutmasslich für einen tiefen zweistelligen Betrag abgekauft.

Die Wertsteigerung des Landes hat mit dem Potenzial des Geländes zu tun. Vor gut vier Jahren erlangte ein Gestaltungsplan Rechtsgültigkeit, der es den Investoren erlaubt, eine grosse Überbauung zu errichten. Das liess den Wert richtiggehend explodieren.

Visualisierung des privaten Gestaltungsplans Giessen. Die erste Version des Plans erlaubte noch ein 114-Meter-Hochhaus (zum Vergrössern bitte anklicken). Quelle: Stadt Dübendorf

Gemäss Plan können auf dem 35'000-Quadratmeter-Areal nun ein 85-Meter-Hochhaus, etliche Wohnungen und Läden gebaut werden. Ein ÖV-Anschluss besteht bereits: Die Haltestelle der Glattalbahn befindet sich mitten auf dem Gelände – derzeit noch umgeben von Wiesland.

Vor zehn Jahren sprach man von einer Bausumme von 550 Millionen. Die neuen Eigentümer werden also noch viel zusätzliches Geld in die Hand nehmen müssen. Bei derartigen Summen würde es nicht erstaunen, wenn institutionelle Anleger wie Pensionskassen beteiligt wären. Zahlungskräftige Akteure sind in Zeiten der Negativzinsen stets auf der Suche nach sicheren Wertanlagen.

Zehnjähriger Streit

Mit dem Deal geht ein epischer Streit zu Ende. K-Werkstatt, deren Alleininhaber ein Architekt ist, hatte schon Anfang der Zehnerjahre grosse Pläne. Doch der Gestaltungsplan, der ein 114-Meter-Hochhaus vorsah, wurde an der Urne versenkt. Für Schlagzeilen sorgte aber vor allem, dass der Dübendorfer Stadtrat und Nationalrat Martin Bäumle (GLP) kurz vor der Volksabstimmung dem «Zürcher Oberländer» den Betreibungsauszug der K-Werkstatt übergeben hatte. Darin waren Millionenschulden verzeichnet, die Zeitung veröffentlichte den Fakt.

Bäumle wurde wegen Amtsgeheimnisverletzung angeklagt, der K-Werkstatt-Inhaber zog das Urteil bis vor Bundesgericht. Dort wurde Bäumle freigesprochen. Inzwischen gab es eine Zweitauflage des Gestaltungsplans mit einem weniger hohen Hochhaus und einem höheren Wohnanteil. Dieser war weniger umstritten, das Referendum wurde nicht ergriffen. Ein Baurekurs wurde abgewiesen.

Klagewütiger Landeigentümer

Gleichzeitig aber hatten zwei Gläubiger Betreibungen gegen die K-Werkstatt eingeleitet. Und 2013 verlor die Bank die Geduld und verlangte die Zwangsverwertung, um an ihr Geld zu kommen. Ein Jahr danach schloss sich die Immofirma an.

Doch die K-Werkstatt zögerte die Versteigerung jahrelang hinaus, indem sie alle Entscheide und Nebenentscheide bis vor die letzte Gerichtsinstanz brachte. Auch die Ansetzung der Auktion am 29. Januar 2020 bekämpfte die K-Werkstatt mit je zwei Verfahren beim Bezirksgericht Uster und beim Zürcher Obergericht an. Alle Beschwerden wurden abgewiesen.

Die ganze Zeit suchte der K-Werkstatt-Inhaber Investoren, mit denen er sein Projekt hätte bauen können. Immer wieder beteuerte er, dass in Kürze ein Baugesuch eingereicht würde. Doch jahrelang geschah nichts – bis am Dienstagabend, wenige Stunden vor der Zwangsversteigerung.

Erstellt: 28.01.2020, 21:01 Uhr

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