88-jährige Altersheimbewohnerin erstickt und ausgeraubt

Ein ungewöhnlicher Prozess findet vor dem Bezirksgericht Horgen statt: Zwei junge Frauen müssen sich wegen Raubmordes verantworten.

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Der Fall warf hohe Wellen, als er am 10. Januar 2014 publik wurde. Die Staatsanwaltschaft für Gewaltdelikte und die Kantonspolizei verschickten damals eine Mitteilung unter dem Titel «Tötungs­delikt in einem Altersheim in Kilchberg». Eine heute 30-jährige Nachtschwester und ihre vier Jahre jüngere Freundin sollen eine 88-jährige Be­wohnerin des Alterszentrums Hochweid ausgeraubt und dabei getötet haben. Die Freundin arbeitete nicht dort, sie ist von Beruf Verkäuferin.

Ab 10. November stehen die beiden Frauen vor dem Bezirksgericht Horgen, wie das Gericht mitteilt. Der Prozess ist auf fünf Tage anberaumt, das Urteil wird am 27. November eröffnet. Staatsanwalt Matthias Stammbach klagt die Frauen wegen Mordes und Raubes an, bei der Nachtschwester kommt noch gewerbs­mässiger Diebstahl hinzu. Zum geforderten Strafmass steht in der An­klage­schrift nichts. Das Gesetz sieht für Mord eine lebenslange Freiheitsstrafe oder eine Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren vor.

Tuch mit Salmiakgeist getränkt

Laut Anklageschrift drangen die beiden Frauen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 2013 mit einem zuvor entwendeten Passepartout in die Wohnung der Pensionärin ein, um Schmuck, Geld und die Uhr der Rentnerin zu stehlen. Die Täterinnen trugen dunkle Kleider und Einweghandschuhe, um keine Spuren zu hinterlassen. Nachdem sie ins Schlafzimmer der 88-Jährigen einge­treten waren, tränkten sie ein Tuch mit flüssigem Salmiakgeist 12 Prozent (Giftklasse 3). Die Frauen hatten sich zuvor im Internet über das Gift informiert.

Die Verkäuferin drückte der schlafenden Frau das Tuch während einer bis drei Minuten auf Mund und Nase, derweil die Nachtschwester Beine und Arme des Opfers festhielt. Später soll auch noch die Nachtschwester das mit Salmiakgeist getränkte Tuch gegen das Gesicht der Rentnerin gedrückt haben. Anschliessend durchsuchten die beiden Frauen die Wohnung. Ihre Beute: 3000 Franken Bargeld, eine IWC-Uhr, eine Halskette aus Weissgold, ein Fingerring mit 18 Brillanten, ein Armband und ein Schmuckanhänger mit 11 Brillanten sowie eine Bankkarte.

Die Rentnerin starb infolge Er­stickens. Die beiden Frauen hätten gewusst, dass das Opfer sterben könnte, und hätten ihren Tod zumindest in Kauf genommen, schreibt Stammbach. Besonders skrupellos sei der Umstand, dass die beiden Beschuldigten einer schlafenden, ahnungslosen, betagten, gebrechlichen und völlig wehrlosen Frau ein Tuch gegen Mund und Nase drückten. Insbesondere für die ausge­bildete Fachfrau Gesundheit sei erkennbar gewesen, dass die Rentnerin an einer schweren Lungenkrankheit litt; im Schlafzimmer stand ein Sauerstoffgerät. Zudem hätten die Beschuldigten die Rentnerin aus Habgier getötet.

Geständnis widerrufen

Die beiden Frauen wurden in November 2013 verhaftet. Die Verkäuferin befindet sich im vorzeitigen Strafvollzug im Frauengefängnis Hindelbank BE. Die Nachtschwester ist in einem Zürcher Bezirksgefängnis inhaftiert. Sie hatte sich ebenfalls schon im vorzeitigen Strafvollzug befunden, wurde aber wieder zurück in U-Haft gesetzt. Dagegen erhob sie beim Zürcher Obergericht Beschwerde.

Der Grund für den Rücktransfer in die U-Haft: Die Nachtschwester soll versucht haben, ihre Freundin zum Widerruf des Geständnisses zu drängen. Beide Frauen waren bezüglich der Tat grundsätzlich geständig, bestritten aber die Tötungsabsichten. Später widerrief die Nachtschwester jedoch das Geständnis. Deshalb wurde sie wegen Kollusions­gefahr erneut in U-Haft gesetzt.

Das Obergericht lehnte im Januar 2015 die Beschwerde der Nachtschwester ab. Als starkes Indiz für das Bestehen von Kollusionsgefahr seien ihre psychischen Auffälligkeiten zu werten. Sie lege ein manipulatives Verhalten an den Tag, Lügen und Täuschen seien ein offensichtlicher Bestandteil ihres Verhaltensrepertoires. Weiter heisst es in der Ablehnung, die Nachtschwester habe auffällige antisoziale, narzisstische Persönlichkeitszüge. Zudem sei die Verkäuferin offensichtlich in die Nachtschwester verliebt, schreibt das Obergericht.

Die beiden Frauen sind Schweizerinnen, die Fachfrau Gesundheit hat Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien. Sie ist Mutter eines Sohnes und hat im Gefängnis erneut ein Kind zur Welt gebracht. Sie wird zudem beschuldigt, noch andere Bewohnerinnen bestohlen zu haben. Die Anklageschrift listet sieben Diebstähle auf; fünf im Alterszentrum Hochweid in Kilchberg, zwei in einem anderen Heim.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2015, 21:22 Uhr

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