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88 km/h zu schnell auf Winterthurer 60er-Strecke

Dass die Polizei hinter ihm fuhr, bemerkte der 20-Jährige im 300-PS-Boliden des Vaters nicht. Sein Strafverteidiger versucht nun, ein Raser-Urteil zu verhindern.

Hier beschleunigte der Jungfahrer auf 148 km/h: Zürcherstrasse in Winterthur neben der Autobahn.
Hier beschleunigte der Jungfahrer auf 148 km/h: Zürcherstrasse in Winterthur neben der Autobahn.
Google Street View

Der Schweizer war im September 2017 kurz vor Mitternacht mit dem 300-PS-Boliden seines Vaters auf der Zürcherstrasse in Winterthur unterwegs. Auf der parallel zur Autobahn Richtung Zürich verlaufenden Strasse ist bis zur Einfahrt auf die Autobahn Tempo 60 signalisiert.

Der 20-Jährige, mit dem Führerausweis auf Probe unterwegs, beschleunigte innerhalb von wenigen Hundert Metern kontinuierlich auf bis zu 148 Kilometer pro Stunde. Erst auf der Autobahn drosselte er das Fahrzeug auf die dort erlaubten 120 Kilometer pro Stunde.

Von der Polizei gefilmt

Was er bei seiner Raserfahrt nicht merkte: Ein Polizeifahrzeug war hinter ihm hergefahren und hatte das ganze Geschehen auf Video aufgenommen. Mithilfe der dortigen Strassenlaternen gelang es den Spezialisten, die in den verschiedenen Phasen gefahrenen Geschwindigkeiten so präzise zu bestimmen, dass selbst die Verteidigung nicht auf die Idee kam, diesen Sachbeweis anzuzweifeln.

Verteidiger Thomas Fingerhuth aber hatte eine andere Idee: Er bestritt, dass sein Mandant vorsätzlich elementare Verkehrsregeln verletzt und durch die besonders krasse Missachtung der Höchstgeschwindigkeit das hohe Risiko eines Unfalls mit Schwerverletzten oder Todesopfern auf sich genommen hatte.

So wird die Straftat Rasen im Strassenverkehrsgesetz umschrieben. Und dieses Gesetz wird «in jedem Fall» angewendet, wenn der Autolenker mindestens 120 Kilometer pro Stunde statt der erlaubten 60 fährt. Der junge Mann hatte auf den letzten 68 Metern die Höchstgeschwindigkeit sogar um satte 88 Kilometer pro Stunde überschritten.

«Nur» ernste Gefahr für die Sicherheit?

Die Absicht des Verteidigers war klar: Wird sein Mandant wegen Rasens verurteilt, beträgt die minimale Freiheitsstrafe zwölf Monate und der Führerausweis liegt für mindestens zwei Jahren in einer Schublade beim Strassenverkehrsamt. Demgegenüber fällt die Mindeststrafe von einem Jahr Gefängnis dahin, wenn durch eine grobe Verletzung von Verkehrsregeln «nur» eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen wurde. Deshalb forderte der Verteidiger eine bedingte Geldstrafe von 100 Tagessätzen à 50 Franken.

Was angesichts der klaren Gesetzeslage ein aussichtsloser Versuch des Verteidigers zu sein scheint, ist es auf den zweiten Blick nicht. Denn das Bundesgericht hat in seiner Rechtsprechung zum Rasertatbestand «einen kleinen Spielraum geöffnet», wie selbst Staatsanwalt Matthias Hugelshofer vor Gericht einräumte.

«Sie haben das hohe Risiko eines Unfalls ganz klar in Kauf genommen.»

Andreas Oehler Gerichtspräsident

Bisher war es klar: Wer die Geschwindigkeit so stark überschreitet, wie es im Gesetz steht, schafft ein hohes Risiko für einen Unfall mit schwerwiegenden Folgen. Dabei, sagt das Bundesgericht jetzt, handle es sich nur um eine «Vermutung». Und diese könne widerlegt werden, sofern «ausserordentliche Umstände vorliegen».

Diese Umstände lägen hier vor, argumentierte der Verteidiger. Sein Mandant habe kein Rennen gefahren oder zu waghalsigen Überholmanövern angesetzt. Er habe einfach «auf dem Weg zur Autobahn kurz zu schnell beschleunigt». Es habe auch keine besonders naheliegende Gefahr bestanden, dass Menschen hätten zu Schaden kommen können: Die Strasse dort habe keinen Gegenverkehr, kein Trottoir und keinen Fussgängerstreifen.

Das Bezirksgericht sah dies anders. Es verurteilte den Mann wegen Rasens zu einer bedingten Freiheitsstrafe von dreizehn Monaten. «Sie haben das hohe Risiko ganz klar in Kauf genommen», sagte Gerichtspräsident Andreas Oehler. Wer auf einer relativ kurzen Strecke so stark aufs Gas drücke, der werde in den Sitz hineingedrückt. Spätestens dann hätte ein Blick auf den Tacho dem Fahrer gezeigt, wie schnell er unterwegs war. Er selbst hatte gesagt, er habe nicht auf den Tacho geschaut, weil er «nicht ganz konzentriert» gewesen sei.

Gesetz wird geändert

Verteidiger Fingerhuth kündigte nach der Urteilseröffnung an, den Fall ans Obergericht zu ziehen. Selbst wenn auch dieses den Argumenten des Verteidigers nicht folgt, könnte die Sache für den 20-Jährigen glimpflicher ausgehen. Denn in Bern haben National- und Ständerat mit dem Segen des Bundesrats eine Motion überwiesen, gemäss der die Mindestfreiheitsstrafe von einem Jahr ebenso gestrichen werden soll, wie der automatische Entzug des Führerausweises für zwei Jahre.

Offen ist nur, ob das Gesetz verabschiedet ist, bevor der junge Mann vor Obergericht erscheinen muss.

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