98 Prozent mehr Miete

Die Swiss Life verlangt nach einem Mieterwechsel nahezu den doppelten Zins für eine 4-Zimmer-Wohnung im Kreis 6. Renoviert wurde allerdings nur das Nötigste.

«Wucher»: Vormieterin Katrin Kaufmann an der Langmauerstrasse.

«Wucher»: Vormieterin Katrin Kaufmann an der Langmauerstrasse. Bild: Doris Fanconi

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Katrin Kaufmann hat elf Jahre lang mit ihrer Familie an der Langmauerstrasse 105 im Zürcher Stadtkreis 6 gewohnt. Während dieser Zeit war sie auch Hauswartin. Die 82 Quadratmeter grosse 4-Zimmer-Wohnung aus den 30er-Jahren kostete sie monatlich 1612 Franken (netto 1262 Franken). Seit Anfang September wohnt Katrin Kaufmann mit ihren zwei Töchtern auf dem Land. Weil sich ihr ehemaliger Mann als Nachfolger für die Stadtwohnung interessiert hatte, erfuhr Kaufmann, wie viel die neue Miete beträgt: 2865 Franken (netto 2500 Franken) – also 98 Prozent mehr, als sie selbst bezahlt hatte.

Katrin Kaufmann ist entsetzt. «Als frühere Hauswartin weiss ich, in welchem Zustand diese alte Liegenschaft ist, und dieser Aufschlag ist Wucher.»

«Das ist doch gang und gäbe»

Die Liegenschaft gehört der Versicherung Swiss Life und wird von der Livit AG verwaltet. Auf Anfrage geben sich beide wortkarg. Fragen zum konkreten Fall beantworten die Livit AG wie auch die Swiss Life AG nur schriftlich. Von beiden Seiten kommen identische Antworten: «Wiedervermietungen richten sich grundsätzlich nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Das Angebot entspricht dem Markt in der Stadt, die vielen Bewerbungen belegen dies.»

Andernorts äussert man sich unbelasteter. «98 Prozent Anfangsmietzinsaufschlag? Das ist doch gang und gäbe», sagt etwa E. J.*, Mitarbeiterin eines Schweizer Immobilienverwalters mit Niederlassungen in mehreren Schweizer Städten. «Jeder Hausbesitzer schaut doch, dass er alles herausholen kann, was möglich ist.» Ein dermassen tiefer Wohnungszins, wie ihn Katrin Kaufmann bezahlt hatte, sei im Kreis 6 absolut nicht orts- und quartierüblich. Wohnungen in den Kreisen 2, 8 und auch 6 seien nun mal sehr beliebt. Und schliesslich bestimme die Nachfrage den Preis. Da heisse es: «Vogel friss oder stirb.» Und Verwalterin E. J. fügt hinzu: «Man muss einfach die Preise bezahlen, die verlangt werden – das ist die Realität.»

Der Markt wird voll ausgereizt

Vormieterin Katrin Kaufmann ist sich dessen sehr wohl bewusst. «Die Wohnung ist schön, ruhig gelegen, und es gibt auch einen Innenhof.» Doch das Haus sei sehr ringhörig, und man habe «absolut keine Intimsphäre». «Man hört jeden Pieps vom Nachbarn, als wäre dieser in der eigenen Wohnung zugegen», erinnert sich die ehemalige Mieterin. «Mich schockiert dieser Aufschlag.» Dies umso mehr, weil Kaufmann erfahren hat, dass beim Mieterwechsel die Wohnung lediglich frisch gestrichen und der Parkettboden in zwei Zimmern abgeschliffen wurde. Zudem hat man eine neue Abwaschmaschine eingebaut – die alte gehörte Katrin Kaufmann.

«Im vorliegenden Fall ist der neue Mietzins sicher missbräuchlich», sagt Walter Angst vom Mieterverband der Stadt Zürich. Die ganze Problematik auf dem Zürcher Wohnungsmarkt zeige sich an diesem Beispiel exemplarisch. «Solche massiven Erhöhungen werden uns seit zwei, drei Jahren immer häufiger gemeldet.» Der Markt werde voll ausgereizt, man schaue, dass so viel wie möglich aus den Mietern herausgeholt werden könne – nicht so viel wie nötig. «In gewissen Vermieterkreisen gilt es als Frechheit, wenn Eigentümer nicht die maximal erzielbare Marktmiete aus den Mietern herauspressen wollen.» Dies mache den Wohnungsmarkt komplett kaputt, befürchtet der Mieterverband.

Auch dem Hauseigentümerverband der Stadt Zürich erscheint der Anfangsmietzins auf den ersten Blick hoch. Ihr Sprecher Luca Roncoroni will die Preiserhöhung allerdings ohne Kenntnis der Details nicht kommentieren. Zürich sei einfach zu beliebt, versucht Roncoroni die Lage auf dem Markt zu erklären.

«Absurdes» Mietzinsniveau

Für den Mieterverband ist klar: «Im Raum Zug und Zürich haben die Marktmieten wegen der grossen Nachfrage ein Niveau erreicht, das völlig absurd ist.» Laut der Immobilien-Beratungsfirma Wüest & Partner sind die Mietpreise in den vergangenen zehn Jahren um 60 Prozent gestiegen.

Sind die Mieter dieser prekären Situation auf dem Zürcher Wohnungsmarkt völlig ausgeliefert? Der Mieterverband rät seinen Mitgliedern, den alten Mieter nach dem bezahlten Zins zu fragen. Ist der neue Anfangsmietzins mehr als 10 Prozent höher, soll dieser innert 30 Tagen nach Wohnungsübergabe angefochten werden. Bei der Verwaltung, für die E. J. arbeitet, hat man damit kein Problem. «Bei uns hat noch niemand den Anfangsmietzins angefochten. Wie soll er auch, heute weiss man ja nicht mehr, wie viel der Vorgänger bezahlt hat», sagt die E. J.. Früher sei das anders gewesen, da habe man als Verwalter den Mietzins des Vorgängers deklarieren müssen.

Walter Angst vom Mieterverband deutet die Entwicklung so: «Man versucht heute, jenen Mieter zu finden, der am meisten zahlen will.» Im vorliegenden Fall erziele die Eigentümerschaft eine Rendite, die man auch als Mietzinswucher bezeichnen könne.

Erstellt: 09.11.2010, 23:33 Uhr

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Der Mieterverband im Kanton Zürich will das Problem der «Wucherzinsen» nach einem Mieterwechsel mit zwei Volksinitiativen lösen. In der ersten verlangt er die Offenlegung von Zinsanpassungen bei Neuvermietung. In der zweiten fordert er gebührenfreie Verfahren vor dem Mietgericht. Am Freitag will der Verband mit der Unterschriftensammlung starten. Heute stellt er die beiden Begehren an einer Medienkonferenz im Detail vor.

Mit der Doppelinitiative fachen die Mieter-Lobbyisten einen Streit wieder an, der erst Mitte September definitiv begraben schien. Damals lehnte der Kantonsrat einen Vorstoss aus der Stadt Zürich ab, der die Wiedereinführung der Formularpflicht forderte. Mit dem Formular hatten Vermieter «in Zeiten des Wohnungsmangels» den Neumietern den letzten Zins ihrer Wohnung mitteilen müssen. Das Volk hatte 2003 die Formularpflicht mit grossem Mehr abgeschafft. Das Hauptargument der Gegner: Der zusätzliche bürokratische Aufwand schaffe keine einzige neue Wohnung. Diesen Grund führten auch die Regierung und die Parlamentsmehrheit an.

Einem zweiten Argument gegen die Formularpflicht setzt der Mieterverband die zweite Initiative entgegen. Für die Mieter kann es teuer werden, einen «Wucherzins» anzufechten. Denn ob es sich wirklich um einen überhöhten Zins handelt, geht aus dem Formular allein nicht hervor. Bei einem Verfahren vor Mietgericht besteht deshalb das Risiko, zu unterliegen und zusätzlich die Verfahrenskosten tragen zu müssen. (ese)

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