Aal-Taxi und Fisch-Rechen

Nur jeder zehnte Aal überlebt in der Schweiz den Hindernislauf durch die Kraftwerke. Taxi-Dienste oder Spezialrechen könnten helfen.

Aal aus der Glatt: Wegen seiner schlangenhaften Gestalt ist der Aal kein besonders populärer Fisch – und erst noch besonders verletzungsgefährdet, wenn er durch Turbinen schwimmt.

Aal aus der Glatt: Wegen seiner schlangenhaften Gestalt ist der Aal kein besonders populärer Fisch – und erst noch besonders verletzungsgefährdet, wenn er durch Turbinen schwimmt. Bild: David Baer

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Aale stürzen sich zwar den Rheinfall hinunter, ohne sich zu verletzen, doch beim Hindernislauf flussabwärts durch die Turbinen der Wasserkraftwerke verlieren viele ihr Leben. Der Grund ist: Die meisten Kraftwerke sind zwar mit gut funktionierenden Fischtreppen versehen, welche Aale und andere Fische sicher flussaufwärts führen. Für Fischabstiege gibt es aber bei grösseren Kraftwerken bisher kaum praktikable Lösungen. So treiben derzeit immer wieder tote oder verletzte Aale im Hochrhein, weil sie sich im Kraftwerk Schaffhausen oder Rheinau beim Durchqueren der Turbine verletzt haben. Die Verletzungen sind eindeutig: Die Haut zeigt Prellungen und Schnitte auf, manche haben das Rückgrat gebrochen.

Getötete Aale in Dachsen. Bild: David Stutz

Im Tank vom Main in den Rhein

Deshalb greifen Fischer in manchen teilen Deutschlands zu unkonventionellen Mitteln: Das Fisch-Taxi. Wie die «Welt» berichtete, fangen sie Aale, die sich auf der Wanderung befinden, oberhalb des Kraftwerkes ab und setzen sie unterhalb des Wehrs wieder aus. Im Main fahren die Fischer ihren Fang gar in 1200-Liter Tanks direkt in den Rhein. Und zwar dorthin, wo es keine Kraftwerke mehr hat.

Wie Fische an der Turbine vorbeikommen. (Video: Bundesamt für Energie)

Ein Gewinn für die Aale und die Fischer: Die Aale behalten ihr Leben, die Fischer ihren Lohn, denn seit 2008 dürfen diese im Main keinen Aal mehr verkaufen, weil das fetthaltige Fleisch des Aals die EU-Grenzwerte für Umweltgifte überschreitet. Der Einsatz zugunsten der Aalpopulation wird mit 15 Euro pro Kilo bezahlt, für das Fleisch erhielten sie früher 10 bis 12 Euro.

Turbinen öffnen bei Aal-Alarm

Auch kann die Wahl der Turbinen Aale und andere Fische wie Lachse retten: Bei grossen, langsam drehenden Turbinen mit nur drei Blättern haben die Fische eher die Chance, diese unbeschadet zu durchschwimmen. Auch horizontal gelegte Turbinen wären besser als vertikale. Sie funktionieren dann – mit etwas Glück – fast wie Drehtüren.

In Deutschland gibt es zudem einige Kraftwerke, welche die Lücke zwischen den Schaufelblättern vergrössern, wenn «Aalalarm» gegeben wird, das heisst, wenn die Wanderung beginnt. Allerdings ist es gar nicht so einfach, dies festzustellen. Deshalb haben Forscher gechippte Aale in Becken so isoliert, dass sie immer noch Kontakt zu ihren Artgenossen haben.

Wenn diese aussortierten Tieren plötzlich ganz nervös werden, steht die Wanderung mit grosser Sicherheit unmittelbar bevor und das Kraftwerk stellt um. Dies führt allerdings zu erheblichen Einbussen in der Stromproduktion.

Pilotprojekt in der Limmat

Bei kleineren Kraftwerken bis knapp 100 Kubikmeter pro Sekunde lassen sich die abwärts wandernden Fische mit Feinrechen recht zuverlässig zu einer offenen Wehrklappe oder einer Rinne (Bypass) umleiten. Bei stärkerer Strömung können sich Aale aber an diesen Rechen verletzten. Und bei grösseren Kraftwerken sind solche Feinrechen aufgrund des Drucks und des Geschiebes nicht möglich.

Die Axpo hat als einer der ersten Kraftwerkbetrieber des Landes vor kurzem in der Limmat im Kleinkraftwerk Stroppel bei Untersiggenthal und in der Aare beim Dotierkraftwerk Rüchlig solche Abstiegshilfen angebracht. Es handelt sich dabei um Horizontalrechen, welche die Fische weg vom Turbinenlauf hin zu einer Klappe in einen Bypass (Rüchlig) oder über einen schmalen Kanal (Stroppel) führt.

Fischabstieg beim Dotierkraftwerk Rüchlig in der Aare. Bild: Axpo

Laut Axpo sind noch keine Aussagen über den Erfolg dieser Massnahme möglich. Sie gibt zudem zu bedenken, dass es sich dabei um kleinere Kraftwerke handelt. «Bei solchen ist eine Lösung für den Fischabstieg gemäss dem aktuellen Stand der Technik möglich», sagt Mediensprecherin Monika Müller. Anders sei dies in grossen mitteleuropäischen Flüssen: «Hier gibt es noch keinen praktikablen Stand der Technik für Fischabstiege.»

Wartung und Wasserverlust

Auch brauchen solche Leitrechen mehr Wartung, werden sie doch schnell mit Laub und Ästen verstopft. Dazu kommt der Wasserverlust durch die Abzweigung zum Bypass und die Rechen bremsen die Strömung, was sich negativ auf die Stromproduktion auswirkt.

Laut Axpo konnten die Feinrechen bei ihren beiden Pilot-Kraftwerken so realisiert werden, dass die Verluste minim sind. Dazu musste allerdings die Fläche des Einlaufbereichs deutlich vergrössert werden. «Solche Umbauten sind aufgrund des grossen Platzbedarfs bei bestehenden Kraftwerken nur selten realisierbar», gibt Monika Müller zu bedenken.

Verheissungsvoller Laborversuch

In der Schweiz haben ETH-Forscher im Laborversuch gute Erfahrungen gemacht mit Rechen mit breiten Stababständen, wenn sie abgewinkelt sind. Diese wären auch in grösseren Flüssen einsetzbar. Durch die Konstruktion ist der Wasserdruck weniger gross, der Effekt aber hält an, weil sich vor den Stäben wie vor Brückenpfeilern stehende Wellen bilden, die den Fischen ein Hindernis signalisieren.

Bei den Versuchstieren zeigte sich, dass diese sich dadurch umlenken lassen. Auch Aale, die bei allen Massnahmen am schwierigsten zu manipulieren sind, wurden irritiert. Sie liessen sich absinken und drifteten mit dem Schwanz voran einer Sohlenplatte entlang, um schliesslich über einen Bypass an der Turbine zu gleiten.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.02.2016, 13:26 Uhr

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