Aargauer Regierung zwingt Rega und TCS an einen Tisch

Nach dem Tod eines Kindes in Windisch ist die Rega im Aargau unter Druck geraten. Die Kantonsregierung erwartet eine Kooperation mit der Konkurrenz. Nun zeichnet sich eine Tarifreduktion ab.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im schwelenden Streit zwischen der Schweizer Rettungsflugwacht (Rega) und dem neuen Konkurrenten Touring Club Schweiz (TCS) zeichnet sich eine neue Wende im Kanton Aargau ab. Während die Einsatzleitstelle 144 in Aarau für den Kanton Aargau jahrelang die Rega aufbot, wenn ein Helikopter gefragt war, steht nun der Touring Club Schweiz (TCS) mit einem Helikopter zuoberst auf der Liste.

Seit Herbst 2012 fliegt vom Flugplatz Birrfeld ein Rettungshelikopter der Alpine Air Ambulance (AAA) für den TCS. Nach Angaben von Moreno Volpi, Sprecher des TCS, war der gelbe Helikopter seit Anfang 2013 bereits rund 17-mal für Rettungen im Einsatz – in Konkurrenz zur Rega. Das Aufgebot erfolgte durch die Einsatzleitzentrale 144 des Kantons. Nun verlangt die Aargauer Regierung von den beiden Anbietern, dass sie zusammenspannen. Die Rega soll die Einsätze des TCS-Helikopters koordinieren, so die Erwartung.

Rega zögerlich, TCS zuversichtlich

Ein erstes Treffen zwischen den beiden Luftrettern hat gestern Donnerstag stattgefunden. Dies bestätigt Sascha Hardegger, Kommunikationsleiter der Rega, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Das Gespräch hat in guter Atmosphäre stattgefunden und drehte sich um operationelle und technische Fragen.» Dabei ging es vor allen Dingen um die Ausrüstung des TCS-Helikopters, die Ausbildung der Besatzung und die Einsatzmöglichkeiten. Für eine Antwort auf die Frage, ob die Kooperation zustande kommt, sei es noch zu früh. Zuversichtlicher klingt TCS-Sprecher Volpi nach dem Gespräch: «Einer Zusammenarbeit stehen keine grösseren Hindernisse im Weg. Es geht jetzt nur noch um die technischen Fragen.»

Sinkende Tarife in Aussicht

Nicht nur die Aargauer Regierung übt Druck auf die Schweizer Rettungsflugwacht aus. Das tut auch Tarifsuisse, die Leistungseinkaufsgemeinschaft der Krankenversicherer. Denn die Rega verrechnet 87.20 Franken pro Flugminute, während sich der TCS-Tarif auf 82 Franken beläuft.

Laut Tarifsuisse-Sprecher Daniel Wiedmer finden aktuell Tarifverhandlungen zwischen Tarifsuisse und der Rettungsflugwacht statt. Wiedmer begrüsst die Konkurrenzsituation: «Die Verhandlungen wurden durch die neue Situation mit dem TCS mit ausgelöst – und das ist gut so.» Genaue Zahlen seien noch nicht spruchreif. «Es zeichnet sich allerdings eine leichte Reduktion des Tarifs ab.» Das letzte Wort werde aber der Bund haben.

Aufforderung der Aargauer Regierung

Für die Turbulenzen sorgte ein tragischer Unfall vor mehr als einem Monat: Die Einsatzleitstelle 144 bot am 25. März die Rega aus Basel zu einem Verkehrsunfall auf, bei dem ein fünfjähriges Kind starb. Das Unglück ereignete sich in Windisch, in der Nähe des Flugplatzes Birrfeld, auf dem der TCS-Heli stand und über eine Rettungsbewilligung verfügte. Obwohl auch ein schnelleres Eintreffen des Rettungshelikopters des TCS in Windisch den tragischen Ausgang des Unfalls nicht hätte verhindern können, beschloss die Aargauer Regierung, dass künftig die im Birrfeld stationierten Luftretter kantonsweit eingesetzt werden. Sofern sie verfügbar sind, denn der TCS verfügt nur über einen Rettungshelikopter und führt damit auch Organtransporte, Repatriierungen und Patiententransporte durch.

Im Brief an die Rega und den TCS bat die Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli (Grüne) die beiden Konkurrenten, sich zu einigen. Die Regierung ist der Meinung, dass eine Helikopter-Koordinationsstelle und nicht das 144 die Hubschrauber disponieren müsse. «Prädestiniert dazu ist sicher die Rega, welche diese Aufgabe seit vielen Jahren sehr erfolgreich ausübt», heisst es im Schreiben. Und weiter: Die Frage der Rettungshelikopter-Koordination soll bald möglichst geklärt werden. «Ich bin zuversichtlich, dass auf diesem Weg die Alpine Air Ambulance in das Rettungshelikopter-Dispositiv integriert werden kann.»

Konsequenzen sind unklar

Balz Bruder, Kommunikationschef des Departements Gesundheit und Soziales, spricht sich gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet deutlicher aus: «Wir gehen davon aus, dass sich eine Verhandlungslösung zwischen den beiden Partnern ergibt, die zu einer sinnvollen Integration führt.» Die Standards der Rega seien sehr gut, betont Bruder. «Aber sie bedeuten nicht, dass alle anderen Marktteilnehmer, die über eine Betriebsbewilligung verfügen, diese ebenfalls vollumfänglich erfüllen müssen», sagt Bruder. Und übt Druck aus: Regulator im Bezug auf die Luftrettung sei der Staat und nicht die Rettungsflugwacht.

Es sei entscheidend, dass die Versorgungssicherheit gewährleistet sei. «Wer diese Dienstleistung – in Erfüllung der massgeblichen Vorgaben, versteht sich – erfüllt, ist sekundär.» Bruder schweigt sich allerdings über die Massnahmen aus, welche der Kanton Aargau ergreifen will, falls sich die beiden Luftretter nicht einigen.

Erstellt: 03.05.2013, 13:57 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir sehen einander überhaupt nicht als Konkurrenten»

Hintergrund Die Rega kämpft im Aargau mit der Konkurrenz TCS. Auch im Berner Oberland läuft die Flugrettungskoordination nicht reibungslos. Warum es im Wallis rund läuft, sagen die Chefs von Air Zermatt und Air Glaciers. Mehr...

«Die beiden Mitbewerber sollen nicht um Patienten kämpfen»

Hintergrund Die Rega befindet sich im Konflikt mit dem TCS, der neu Rettungsflüge anbietet. Der Interverband für Rettungswesen, bei dem beide Rettungsdienste Mitglieder sind, äussert sich dazu. Mehr...

Angriff auf das Rega-Flugrettungsmonopol

Der TCS bietet neu auch Rettungsflüge für Nichtmitglieder an. Gemäss einem Bericht möchte die Rega die neue Konkurrenz nicht kampflos gewähren lassen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...