Ab ins Tobel!

Der Kanton Zürich gilt punkto Landschaft als eher brav. Seine Hunderte Tobel sind das Gegenprogramm. Sie bieten wilde Spektakel und machen manchmal gar Angst.

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Tüfelschilen: Das ist ein markant gestufter 60-Meter-Hang in einem Nebentobel des Bäntalbaches oberhalb von Kollbrunn. Halb erinnert er an nepalesische Reisterrassen, halb an eine Mayapyramide im Dschungel. Der Tuffstein ist von Moos überwuchert, es schillert giftgrün.

Was für ein Tobelspektakel. Dies wohl mächtigste Tuffgebilde der Schweiz macht den Besucher klein, schüchtert ein. Und das in einem Kanton, dessen Landschaft doch eigentlich als gesittet gilt.

Man denkt bei «Kanton Zürich» an den tiefblauen Zürichsee, an die Eleganz der Stadt mit Paradeplatz und Grossmünster, an den lieben Uetliberg. Viel Wildheit ist da nicht. Das Land über der Töss zwar serviert eine Portion ungezügelte Natur. Aber das Schnebelhorn als höchster Zürcher Gipfel ist nur 1292 Meter hoch. Alles ziemlich zahm.

Oder doch nicht? Dieser Tage belegt ein Buch in Wort und Bild, dass den Zürchern sehr wohl Wildheit zukommt. Denn sie haben Tobel. «Wasserwunder» zeigt, wie die Geländeschlitze, meist aus Nagelfluh, das Korrektiv zur Gemässigtheit hiesiger Topografie darstellen.

Das Tobel ist Refugium für Pflanze und Tier, Geologenparadies, Pfaditerrain und Prickel-Spielplatz.

Über 200 Zürcher Tobel inspizierten die Buchautoren Michel und Ueli Brunner. Fazit: Das Züribiet ist ein schweizweit konkurrenzfähiges Tobelland. Ein erstklassiges Abenteuerrevier mit allen Zutaten von Flora über Fauna bis Geologie. An der Luppmen oberhalb Pfäffikon gibt es einen Auenwald und Fischreiher. Im Wüesttobel am Albis gedeiht die Mega-Eibe Brünhilde. Im Hutzikertobel nah Turbenthal wiederum ist die Wasseramsel zu beobachten, jener Sing­vogel, der schwimmt und taucht.

Eine Klasse für sich der praktisch unbekannte Canyon oberhalb von Wila im Gebiet Schreizen. Der Fussgänger begeht das abschüssige Halbrund auf einem schmalem, 150 Meter langen Pfad unter überhängendem Fels.

Überhaupt die Tobelhöhlen. Im Hagheerenloch oberhalb Bauma ist die Decke gewellt, sie bildet die Form eines vorzeitlichen Gewässers ab. Die Küsnachter wiederum kennen alle die Drachenhöhle, in der einst ein Drache gehaust haben soll. Das Monster versinnbildlicht die Gewalt des Tobelbaches. Er richtete mehrmals Katastrophen an. Im Juli 1778 kam die Flut nachts, zerstörte Häuser, riss 63 Menschen in den Tod.

Horrorriegel zuhinterst

Nein, unsere Tobel sind nicht harmlos. Aber man hat viele konsumabel gemacht. So kommt es zum ganz eigenen Tobel-Nervenkitzel, dem Schrecken im Wissen um die Gefahrlosigkeit. Etwa im Tobel des Aabaches in Käpfnach bei Horgen: Zuhinterst versperrt ein Horrorriegel den Weg. Eine haushohe Treppe und ein Horizontal-Steg bewältigen die Fluh.

Das Tobel ist Erholungsort, Prickel-Spielplatz, Tier- und Pflanzenrefugium, Geologenparadies, Rückzugsprovinz für Familien mit Kindern, Pfadi-Terrain und Wanderfreude. So hat fast jeder und jede schon im Becken eines Giessen geplanscht. Hat in einem anderen Tobel einem Biber nachgestellt. Hat in irgendeinem Tobelwinkel, etwa in der Täuferhöhle in der Nähe von Bäretswil, den Schlafsack ausgerollt. Tobel sind das Gegenprogramm zum Alltag. Auch und gerade im Kanton Zürich.

«Wasserwunder. 22 verwunschene Tobelwanderungen im Kanton Zürich.» Michel und Ueli Brunner. AS-Verlag. 240 Seiten, mit vielen Fotos, Fr. 48.–.

Erstellt: 16.10.2016, 20:04 Uhr

Wasserfälle, Weiher und ein wehrhafter Turm

Kann man die schönsten Zürcher Tobel nennen? Schwierig, wer hätte den Überblick über die paar 100 Bachschlitze und wollte sie alle aneinander messen. Aber jedenfalls sind die folgenden vier Tobel einfach zu machen auch im Herbst, der besten Tobeljahreszeit.

Aabach-Tobel
In Käpfnach bei Horgen beginnt das Tobel des Aabaches. Es ist lang und nicht wirklich steil. Zuhinterst aber: oho! Nur dank Metalltreppe und -steg überwindet man den Nagelfluhriegel und kommt aus dem Tobel hinaus. Schön ist die Fortsetzung nach Hirzel oder Schönenberg.

Werenbach-Tobel
Ein Klassiker der Stadtzürcher: mit der Forchbahn nach Zollikerberg fahren. Und dann den Werenbach hinab zum Zürichhorn. Reizvoll ist das Tobel durch seine vielen Schlingen, sein Bach, der zweimal den Namen ändert, hat sich nicht die Direttissima gesucht. In früheren Zeiten war er ein wichtiger Kraftlieferant für das städtische Gewerbe.

Kemptner Tobel
Per Bus kommt man von Wetzikon nach «Kempten, Oberkempten», ab ins dortige Tobel. Hinten beim grossen Giessen ist im Herbst wieder Friede, nachdem der Kinderrummel im Planschbecken sommers gewaltig gewesen war. Weiter oben stehen zwei wehrhafte Türme. Sie hatten Räderwerke im Inneren; die Kraft des Baches wurde per Drahtseil hinab zu den Fabriken geleitet. Am Ende des Tobels ist man in Bäretswil.

Sagenrain-Tobel
In Wald geht es ins Sagenrain-Tobel. Sein Bach heisst Schmittenbach, beide Namen transportieren ein altes Handwerk. Wald hat eine grosse industrielle Vergangenheit vor allem im Textilbereich. Immer wieder gibt es im Tobel Bauten, die den Fabriken zudienten; etwa das Turbinenhaus Hinterwald, das den Strom für die Lampen in den Räumen der Weberei Elmer lieferte. Bei alledem ist das Tobel indianerhaft abenteuerlich, streckenweise geht man in einem Nagelfluhcanyon mit hohen Wänden. Hübsch weiter oben der Webereggweiher, der knapp bereits auf St. Galler Boden liegt. Und dann? Via Oberholz und Chrinnen zur Höhenklinik, wo der Bus fährt.

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