Absturz der Grünliberalen beflügelt den Freisinn

Die grosse Siegerin der Kantonsratswahlen war die FDP. Viele Wähler sind von den neuen Mitteparteien zu ihr abgewandert. Auch im linken Lager gab es beachtliche Verschiebungen, wie die TA-Nachwahlbefragung zeigt.

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Zürich – Gleich fünf Prozent Wähleranteile gewann die FDP letzten Sonntag bei den Kantonsratswahlen hinzu. Dies, nachdem sie zuvor jahrelang Verluste hinnehmen musste. Die Nachwahlbefragung, durchgeführt vom Forschungsinstitut Sotomo und dem «Tages-Anzeiger», zeigt nun netto die Zu- und Abwanderung der Wählerinnen und Wähler im Vergleich zu den Wahlen 2011.

Das Bild ist deutlich. Die Verluste der neuen Mitte und der Sieg der FDP gehen Hand in Hand. Jeder zehnte FDP-Wähler wählte 2011 noch die Grünliberalen und jeder zwanzigste die BDP.

Diese Verluste treffen die jungen Mitteparteien empfindlich. Im Vergleich zu 2011 hat die GLP fast jeden sechsten Wähler an die FDP verloren, die BDP beinahe jeden vierten. Ob diese Entwicklung auf den verschwundenen «Fukushima-Effekt» zurückzuführen ist, bleibt unklar. Das Umfrageteam um den Politgeografen Michael Hermann und den Politologen Thomas Milic kann sich aber vorstellen, dass zumindest ein Teil dieser Wechselwähler ursprünglich FDP-Stammwähler waren und nach einem kurzen GLP-Intermezzo zu «ihrer» Partei zurückgekehrt sind.

SP und Grüne verlieren an AL

Freisinnige, die sich am vergangenen Sonntag den Grünliberalen oder der BDP zuwandten, gab es hingegen kaum. Ein reger Austausch fand dafür zwischen der wählerstärksten Partei, der SVP, und der FDP statt. Wobei auch hier die FDP die Nase vorne hatte – ganz im Gegensatz zu früheren Wahlen, als sich viele FDP-Wähler der SVP zuwandten. Geschätzte 1500 Wähler mehr liefen von der SVP zur FDP über als umgekehrt.

Die grosse Verliererin der Wahlen war bekanntlich die Grüne Partei. Sie verlor aber nicht an die Bürgerlichen. Die Verluste kamen daher zustande, dass ein beträchtlicher Teil ihrer früheren Wählerschaft der Urne fernblieb. Zusätzlich kam es zu Verschiebungen innerhalb des linken Lagers.

Die SP konnte rund 4500 Grüne dazu bewegen, rot zu wählen, und gab umgekehrt nur etwas mehr als 1600 Wählende an die Grünen ab. Geschätzte acht Prozent der SP-Wählerschaft waren letzten Sonntag ehemalige Grüne. Vor allem mussten die Grünen auch Wähler an die Alternative Liste (AL) abtreten.

Die AL ist die kleine Gewinnerin der Kantonsratswahlen. Sie hat neu fünf Sitze im Kantonsrat und somit Fraktionsstärke im Parlament erreicht. Die AL erreicht sowohl gegenüber den Grünen als auch gegenüber den Sozialdemokraten eine positive Wanderungsbilanz. Kaum ein AL-Wähler von 2011 wechselte seine Parteivorliebe. Dafür erhielt die Partei am vergangenen Sonntag die Hälfte aller Stimmen von ehemaligen Grünen- und SP-Anhängern.

Immer mehr wählen nicht

Auch die SVP konnte sich über eine positive Zuwanderung freuen. Nur zu EDU und FDP wanderten mehr ursprüngliche SVP-Wähler ab, als EDU- oder FDP-Wähler zur SVP überliefen. Die SVP holte somit von den meisten anderen Parteien Wähler hinzu.

Dass die SVP keinen strahlenden Wahlerfolg wie 2003 oder 2007 feiern konnte, erklärt das Befragungsteam damit, dass viele SVP-Wählerinnen und -Wähler von 2011 dieses Jahr nicht teilnahmen: rund 4000.

Die «Abstinenten» erhielten aber nicht nur von SVP-Wählern Zulauf. Fast alle Parteien verzeichneten insgesamt weniger Wählerinnen und Wähler. Die Stimmbeteiligung war deutlich tiefer als 2011. Einzig AL, FDP und EVP konnten diese Verluste durch Gewinne von anderen Parteien weitgehend kompensieren.

Erstellt: 16.04.2015, 21:13 Uhr

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2318 Menschen machten mit

Die Analyse basiert auf der Online-Nachwahlbefragung des Forschungsinstituts Sotomo. Das Institut führte die Umfrage für den TA durch. Die ausgewiesenen Wählerzahlen sind Hochrechnungen. Die Wechselwähleranteile aus der Umfrage wurden ins Verhältnis mit den effektiven Wahlresultaten gesetzt. Bei der Befragung haben 2318 Personen auf Tagesanzeiger.ch mitgemacht – ausschliesslich Personen, die an den Wahlen teilgenommen hatten. Die Umfrage ist nicht repräsentativ, wurde aber nach ausgewählten Kriterien gewichtet. Dazu gehören Alter, Geschlecht, Wohngemeinde wie auch Entscheidungsverhalten bei der aktuellen Wahl. (pat)

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