Adliswils beliebtestes Spielgerät muss weg

Seit Generationen turnten die Kinder auf ihr herum. Nun ist die Dampflok plötzlich nicht mehr sicher genug und muss entsorgt werden.

Schulpräsident und Stadtrat Raphael Egli erinnert sich mit Wehmut an die schönen Zeiten der Dampfloki. Foto: Reto Oeschger

Schulpräsident und Stadtrat Raphael Egli erinnert sich mit Wehmut an die schönen Zeiten der Dampfloki. Foto: Reto Oeschger

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Raphael Egli, Schulpräsident und Adliswiler Stadtrat, kletterte schon als Bub auf der grossen Dampflokomotive bei der Freizeitanlage Werd herum. Wie viele seiner Gspänli und schon Generationen von Kindern vor ihm. Nun soll Schluss sein. Weil die Schul­gemeinde Adliswil bei Unfällen auf der alten Loki haftbar gemacht werden könnte, hat sie das Stahlkoloss auf den Prüfstand stellen lassen. Und die Loki ist durchgefallen – sie muss weg.

Der 34-jährige Sekundarschullehrer Egli ist sich bewusst, dass das eine oder andere Rostloch gestopft werden müsste. Doch «die komplette Renovation der Loki käme uns teurer als ein neuer Spielplatz», sagt Egli. «Ich finde es sehr schade, dass man den Kindern heute alle Gefahren wegnimmt», sagt der Seklehrer. Sie müssten doch lernen, Gefahren zu erkennen und entsprechend zu handeln. Verletzungen gebe es überall. «Wenn man als Kind nicht lernt, mit Gefahren umzugehen, so kann man das später auch nicht», ist Egli überzeugt. Und die Gefahren würden ja mit dem Alter nicht weniger.

Bisher ist nichts passiert

Passiert sei in den 45 Jahren, seit die Loki dort steht, seines Wissens nichts Gravierendes. «Einen Arm können Kinder auch im Wald brechen, wenn sie über eine Wurzel fallen», sagt Egli.

Das von der Schulgemeinde Adliswil beauftragte Atelier für bauliche Sicherheit Walter Gautschi aus Bassersdorf hat die Lokomotive entsprechend der Europäischen SpielplatzNorm «Spielgeräte und Spielplatzböden» unter die Lupe genommen und ist zu folgendem Schluss gekommen: Bei einem Sturz von der Loki sei der Boden ungenügend gedämpft. Die maximal erlaubte Fallhöhe dürfe drei Meter nicht übersteigen (die Lok ist 345 Zentimeter hoch). Zudem sei bei Naturböden ohne Falldämmplatten nur eine Fallhöhe von 100 Zentimetern zulässig. So müsste also der ganze Boden rund um die Lokomotive mit Fallschutzplatten versehen werden. Auch ein Sturz vom Tank sei nicht auszuschliessen sowie Unfälle beim Aufstieg auf die kantigen Trittflächen, die Rohrleitungen, Armaturen und Puffer. An einzelnen Rohren könnten sich die Kinder mit den Füssen verfangen und beim Einsteigen durch die Fenster auf die hinteren Puffer fallen. Und zu guter Letzt könnten sich die Kleinen noch an den beweglichen Teilen der alten Loki einklemmen. Die Massnahmen zur Behebung dieser Gefahren würden fast 40'000 Franken kosten, ohne die 60 Quadratmeter Fallschutzplatten, die es laut EU-Norm am Boden rund um die Lokomotive braucht.

Stürze gehören zum Leben

Nach allen diesen Massnahmen würde «unsere Loki auch nicht mehr die alte sein», sagt Stadtrat Egli. Da käme dann ein Kaminaufbau hin, um den Kindern den Aufstieg zu verwehren, und die vorderen Puffer müssten entfernt und einzelne Zwischenräume bei den Rohrleitungen mit einer Blende geschlossen werden. Zudem würden die Fenster verschlossen. Bewegliche Teile, an denen Kinder ihre Freude haben, würde man fixieren. Und natürlich sämtliche rostigen Stellen abdecken.

«Unsere Gesellschaft ist immer weniger dazu bereit, mit Risiken und Gefahren umzugehen», sagt Egli. Auch die Beratungsstelle für Unfallverhütung warnt beim Thema Sicherheit vor übertriebenen Erwartungen. Harmlose Unfälle wie Stürze, Beulen oder Brandwunden gehörten zur Lebenserfahrung von Kindern. Seklehrer Egli ist überzeugt: «Wir dürfen unsere Kinder nicht bis zur Lebensuntauglichkeit beschützen.»

Der Viertklässler Tunupa jedenfalls ist traurig, dass es die Loki bald nicht mehr gibt. «Wir haben immer sehr gern Jim Knopf und Lukas den Lokomotiv­führer gespielt.» Eigentlich seien alle Kinder der Freizeitanlage enttäuscht, nicht nur er, sagt Tunupa.

Stadtrat Raphael Egli hofft, dass sich ein Sammler oder Bastler der Lokomotive annimmt, damit sie nicht verschrottet werden muss. «Mit Wehmut denke ich an die schönen Zeiten auf unserer Dampflokomotive zurück.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 22:40 Uhr

Was die Statistik sagt

Gefahren auf dem Spielplatz

Eine Analyse der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) von 3350 Unfällen auf Kinderspielplätzen zeigt, dass Kinder bis zu 5 Jahren besonders gefährdet sind. Die häufigste Ursache seien Stürze. Kinder bis 4 Jahre besitzen kein Bewusstsein für Gefahren und können die Folgen ihres Tuns nicht abschätzen. Erst ab einem Alter von rund 10 Jahren verhalten sie sich präventiv. Aber selbst dann gilt ihre Aufmerksamkeit mehr dem Spielen als möglichen Gefahren. Deshalb sollen diese auf Spielplätzen reduziert, jedoch nicht gänzlich eliminiert werden. Der Grund: Kinder sollen lernen, mit Gefahren umzugehen, denn sie sind laut BfU Bestandteil des Spielwertes. Seit September 2008 hat die Europäische Norm EN 1176:2008 «Spielplatzgeräte und Spielplatzböden» den Status einer Schweizer Norm. (roc)

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