Alkoholverbot: Was unsere Nachbarn tun

Formen von Alkoholverboten kennen in der Schweiz verschiedene Kantone. Auch unsere nördlichen Nachbarn setzen nun darauf. Mit durchzogenem Erfolg: Bei Komasäufern bringts etwas, bei Gewalt bedingt.

Im Kanton Genf gibt es 35 Prozent weniger Alkoholvergiftungen bei 10- bis 29-Jährigen als in der sonstigen Schweiz: Jugendlicher vor einer Tankstelle.

Im Kanton Genf gibt es 35 Prozent weniger Alkoholvergiftungen bei 10- bis 29-Jährigen als in der sonstigen Schweiz: Jugendlicher vor einer Tankstelle. Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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Noch ist unklar, ob es so weit kommt: Der Ständerat hat vergangene Woche für ein nächtliches Alkoholverbot gestimmt. Zwischen 22 bis 6 Uhr soll es allen Verkaufsstellen, auch Restaurants über die Gasse, verboten sein, Alkohol zu verkaufen. Nun muss das Geschäft vom Nationalrat beurteilt werden.

Bereits Erfahrungen mit einem vergleichbaren Gesetz haben unsere nördlichen Nachbarn im deutschen Bundesland Baden-Württemberg. Seit März 2010 gilt dort zwischen 22 und 5 Uhr ein Alkoholverkaufsverbot für sämtliche Shops. Über-die-Gasse-Verkäufe von Bars und Restaurants seien grundsätzlich nicht erlaubt, mit wenigen Ausnahmen wie beispielsweise Strassenfesten, wie Günter Loos vom Innenministerium Baden-Württemberg erklärt: «Laut Erhebungen von Krankenkassen ging die Zahl von jugendlichen Komatrinkern zurück, und Brennpunkte jugendlicher Gewalttaten konnten reduziert werden.»

Mehr Gewalt vor 22 Uhr

So habe die Polizei 69 Punkte definiert, vor allem Tankstellen, «wo es immer wieder zu Treffen und alkoholbedingten Gewalttaten» kam. Ein Zwischenbericht Anfang 2012 zeigte: Nur noch sechs von diesen Brennpunkten sind übrig geblieben. «Bei diesen handelt es sich um Tankstellen, die eine Gaststättenlizenz haben.» Alkohol darf dort – zum Konsum vor Ort – verkauft werden.

In Bezug auf Gewalttaten zeigt sich aber ein durchzogenes Bild: «Der Zwischenbericht stellte eine deutliche Abnahme von Gewalttaten in der Nacht fest, dafür aber eine Zunahme zwischen 20 und 22 Uhr», erklärt Loos. In Zahlen: Die Gewalttaten nahmen im beobachteten Zeitraum bis Januar 2012 zwischen 22 Uhr und 5 Uhr von 6379 auf 6250 ab. Im Zeitraum zwischen 20 und 22 Uhr stiegen sie von 1341 auf 1371. «Generell ist also ein Rückgang festzustellen.»

Chur und Genf mit positiven Erfahrungen

Auch in der Schweiz bewerten Kantone, welche ein Alkoholverbot eingeführt haben, dieses grundsätzlich als positiv. In Genf, wo seit 2005 zwischen 21 und 7 Uhr ein Verbot gilt, liegt die Zahl von Alkoholvergiftungen bei 10- bis 29-Jährigen laut Sucht Info Schweiz um 35 Prozent tiefer als in der übrigen Schweiz.

In Chur darf seit 2008 zwischen 0.30 und 7 Uhr in Wohngebieten kein Alkohol in der Öffentlichkeit getrunken werden. Laut Polizeikommandant Ueli Caluori gebe es seither weniger «Kollektivbesäufnisse». Ein Alkoholverkaufsverbot gebe es in Chur nicht. Aus einfachem Grund: «Es gibt keine Tankstellen oder Shops, die nach 22 Uhr geöffnet sind.» In Restaurants oder Bars kann man Alkohol über die Gasse beziehen.

Für Caluori ist das Churer Gesetz denn auch nur in Verbindung mit anderen Massnahmen wirksam: «Wir setzen stark auf Prävention, Aufklärung, aber auch auf Testkäufe.» Zudem seien sämtliche Schulgelände und öffentlichen Parks «suchtmittelfreie Zonen». Einzig in Churs grösstem Park, der Quaderwiese, sei Alkoholkonsum am Wochenende erlaubt. Caluori sagt aber klar: «Wir wenden das Gesetz massvoll und zurückhaltend an. Im letzten Jahr kam es nur zu wenigen Bussen.»

In Baden-Württemberg wurde das Alkoholverkaufsverbot auf drei Jahre beschränkt, um Erfahrungen zu sammeln. In diesem Jahr soll eine Evaluation folgen, zu der bisher nur der genannte Zwischenbericht vorliegt. Beim Innenministerium geht man laut Sprecher Loos davon aus, dass das Gesetz definitiv eingeführt wird. Möglich sei auch eine Ausweitung. «Die Polizei wünscht sich ein Verkaufsverbot ab 20 Uhr.» Ob dieser Wunsch allerdings erfüllt wird, ist unklar: «Dies wird, nachdem die Evaluation vorliegt, diskutiert.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.03.2013, 13:34 Uhr

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