Allein unter aggressiven Hockeyfans: Bahnpolizei schützte Lichtschalter

Für eine Familie wurde die Zugfahrt zum Albtraum, als randalierende Fanhorden einsteigen. Die SBB bedauern den Vorfall – wehren sich aber gegen den Vorwurf, ihre Leute hätten aus Angst gekniffen.

Bahnpolizist in einem Nachtzug: Nicht immer können die SBB Übergriffe auf Passagiere verhindern.

Bahnpolizist in einem Nachtzug: Nicht immer können die SBB Übergriffe auf Passagiere verhindern. Bild: Sophie Stieger

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Samstag, 9. Oktober, 22 Uhr. Familie W. (Name der Redaktion bekannt) fuhr nach einem Ausflug im Interregio nach Zürich zurück, als in Zug gleich hordenweise Fans des EHC Kloten einstiegen. Der Klub hatte gerade das Spitzenspiel gegen den EVZ gewonnen, dementsprechend aufgekratzt war die Stimmung. Ihr Wagen sei von aggressiven und alkoholisierten Fans regelrecht gestürmt worden, sagt Frau W. «Es gab kein Entrinnen. Wir wurden grundlos beschimpft und massiv bedroht.»

Während der Fahrt lief die Situation völlig aus dem Ruder. Die Fans rissen die Verschalungen der Beleuchtung herunter, immer wieder ging das Licht aus, die kleinen Kinder der Familie W. weinten vor Angst. Ein Mitreisender, der eingreifen wollte, bekam zur Antwort: «Halt s Muul, susch haued mir dir i d Frässi.»

Sie wüteten im ganzen Zug

Frau W. hat ihre Erlebnisse in einem Leserbrief geschildert. Nicht zur Freude der SBB. Denn die Familie machte für die missliche Lage auch die Bahn verantwortlich. Weit und breit sei auf ihrer «Höllenfahrt» kein Kondukteur anzutreffen gewesen. Auch einen Alarmknopf habe man vergebens gesucht. Dafür seien demselben Zug in Zürich fünf bewaffnete Bahnpolizisten entstiegen. «Sie erklärten, sie hätten Kenntnis gehabt von den Ausschreitungen in unserem Wagen», sagt Frau W. «Aufgrund der prekären Situation hätten sie sich aber nicht getraut einzuschreiten.»

Ein Vorwurf, den die SBB nicht auf sich sitzen lassen wollen. Denn für sie ist es das höchste Gut, dass sich die Fahrgäste in ihren Zügen sicher fühlen. Die Bahn hat deshalb den Fall rekonstruiert und das eingesetzte Personal befragt. Resultat: Die SBB bestätigen die Randale. Die Eishockeyfans hätten aber nicht nur im fraglichen Wagen, sondern fast im gesamten Zug gewütet. Der Sachschaden wird auf mehrere Tausend Franken beziffert. «Wir bedauern die unhaltbare Situation für die Familie sehr», sagt Mediensprecher Daniele Pallecchi. «Wir weisen aber mit aller Entschiedenheit den Vorwurf zurück, unsere Bahnpolizisten hätten sie im Stich gelassen.» Hätten diese gewusst, dass sich Fahrgäste bedroht fühlen, wären sie sofort eingeschritten.

Kräfte bündeln und Lichtschalter schützen

So war tatsächlich ein Team der Transportpolizei – alles ausgebildete Polizisten – vor Ort. «Sie mussten ihre Kräfte im Wagen bündeln, in dem die Randale am schlimmsten war und sich der Lichtschalter für den ganzen Zug befand.» Die Eishockeyfans hätten dort besonders stark gewütet. Pallecchi: «Für die Fahrgäste ist es äusserst unangenehm, nachts in einem stockdunklen Zug zu fahren.» Daher konnten die Sicherheitsleute auch nicht durch den Zug patrouillieren.

Warum kein Zugbegleiter aufgetaucht ist, können die SBB nicht sagen. Klar sei aber, dass in einer solch aufgeheizten Situation nicht ein Einzelner einer ganzen Gruppe gegenübertrete. Und dort liegt für die SBB die Wurzel des Problems: Die Bahn kann bisher nicht verhindern, dass gewalttätige Eishockey- und Fussballfans einfach einen Regelzug entern, in dem auch normale Fahrgäste sitzen. Im vergangenen Mai verlangte deshalb das Unternehmen, seine Transportpflicht für randalierende Fangruppierungen aufzuheben.

Stattdessen sollen sogenannte Charterzüge eingeführt werden: In Zukunft sollen Klubs und Fanklubs die Züge ordern – und auch alle Schäden übernehmen, die auf der Fahrt entstehen. Diese müssen bisher die SBB tragen. Allein in der letzten Fussballsaison beliefen sich die Kosten für aufgeschlitzte und herausgerissene Sitze, verdreckte Abteile und eingeschlagene Scheiben auf drei Millionen Franken. Der Ball liegt jetzt bei der Politik.

Täter am Perron abfangen

Kurzfristig haben die SBB ein Treffen mit der Polizei vereinbart, um Vorfälle wie den geschilderten besser meistern zu können. Pallecchi: «Es geht uns darum, die Leute gleich am Perron in Empfang zu nehmen und auch zur Rechenschaft zu ziehen, die in unseren Zügen randaliert haben.» Der Zürcher HB ist Hoheitsgebiet der Kantonspolizei.

Der SBB-Sprecher rät Fahrgästen, die in eine bedrohliche Lage kommen, den Zugbegleiter zu informieren. Klappe das nicht, könne man über 0800/117 117 direkt die Bahnpolizei alarmieren. «Im Fall von Familie W. hätte sich die Situation innert Minuten geklärt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.10.2010, 23:01 Uhr

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