Als Richter noch wegen mangelnder patriotischer Haltung entlassen wurden

Überraschende Einblicke in die Innereien und Abgründe des Bezirksgerichts Zürich bietet ein neues Buch über das zweitgrösste Gericht der Schweiz.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Waren das noch Zeiten! Ende Mai 1798 wählten die Wahlmänner in der St.-Peter-Kirche in Zürich aus 95 Kandidaten neun Richter für das Distriktgericht Zürich, wie es damals hiess. Deren juristische Kenntnisse waren sekundär. Entscheidender war, dass sie nicht noch der alten Regierung anhingen, sondern politisch zuverlässig waren. Zwei der Gewählten nahmen die Wahl nicht an, ein dritter trat schon nach einer Woche zurück. Warum, ist nicht überliefert.

Ein Tuchhändler als Präsident

Erster Präsident im Zeitalter der Helvetik (1798–1803) wurde der Pfarrerssohn Jakob Tobler. Der damals 28-Jährige war eigentlich Tuchhändler, juristisch eher schlecht als recht auf sein Amt vorbereitet. Aber er war ein begeisterter Anhänger der neuen politischen Ordnung. Während seiner Amtszeit wurden drei Amtsrichter entlassen. Ihnen war vorgeworfen worden, die «Probe des Patriotismus» nicht bestanden zu haben.

Ersetzt wurden sie durch Männer, die sich durch eine «erprobte Liebe zur republikanischen Verfassung» auszeichneten. Immerhin protestierte das Gericht gegen die Entlassungen. Nicht die Gesinnung der Richter, sondern allein das Gesetz dürfe Richtschnur richterlichen Verhaltens sein – eine Auffassung, der auch heute noch uneingeschränkt zugestimmt werden kann.

Über Tobler gäbe es noch einiges zu sagen, beispielsweise, dass er mit zwei Kompanien nach Illnau ausrückte, um die dortige Bevölkerung zu entwaffnen, dass er sich nach dem Zusammenbruch der Helvetik nicht nur als Tuchhändler, sondern auch als Postdirektor betätigte, und nach seinem Konkurs die Stadt verliess.

Ein Abschiedsgeschenk für den scheidenden Präsidenten

Das soeben erschienene Buch über das Distrikt-, Amts- oder Bezirksgericht Zürich (BGZ) enthält weitere, reich bebilderte Geschichten und Anekdoten über die mehr als 200-jährige Geschichte des (nach dem Bundesverwaltungsgericht) zweitgrössten Gerichts der Schweiz. Es beschäftigt gegenwärtig 236 juristische und 110 kaufmännische Mitarbeitende. Pro Jahr gehen beim BGZ etwa 20'000 Fälle ein.

Die Idee zum Buch hatte Rudolf Kieser. Der bald 67-Jährige, der in diesem Frühjahr nach 22-jähriger Präsidentschaft in Pension geht, hat sich und der interessierten Öffentlichkeit eine Art Abschiedsgeschenk gemacht. Kieser hat das Gericht in den zurückliegenden 193 Jahren am längsten geleitet.

Zwölf Rutenstreiche

Der Blick zurück ist auch ein Blick in die Abgründe staatlicher und gesellschaftlicher Gegebenheiten. So ist nachzulesen, warum den Richtern der ohnehin unregelmässig ausbezahlte Lohn gekürzt und schliesslich gänzlich gestrichen wurde. Entschädigt wurden sie in der Folge aus den Gerichtsgebühren. In der Zeit der Mediation (1803–1813) und Restauration (1813–1831) bestand der Lohn teilweise aus Naturalien in Form von Kernen, Brennholz und Wein.

Es war auch die Zeit, als in ganz Helvetien die Tortur zwar abgeschafft war, verschiedene Gerichte aber der Meinung waren, das Einprügeln auf einen Beklagten stelle keine Tortur dar. So wurde noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Dieb, der offenbar nicht bald ein Geständnis abgelegt hatte, per Urteil nachträglich «zu tätlicher Ahndung für sein hartnäckiges Leugnen» mit zwölf «Rutenstreichen» gezüchtigt. Es war auch die Zeit, in welcher bei schweren Delikten der öffentliche Ankläger aus den Reihen der Richter bestimmt wurde.

Das Bezirksgericht als Kaderschmiede

Das Buch über das BGZ spannt den Bogen von 1798 bis in die 1930er-Jahre, stellt die verschiedenen Gerichtshäuser vor. Und es lässt ehemalige und aktive Mitarbeitende unter dem Slogan «Wenn ich an das Bezirksgericht denke...» zu Wort kommen. Das Gericht erweist sich als Kaderschmiede. So wurde aus dem ehemaligen Praktikanten Moritz Leuenberger ein Bundesrat. Auch sein Nachfolger als Zürcher Regierungsrat, Markus Notter, startete Ende der 80er-Jahre als Praktikant. Auch die Obergerichtspräsidenten Remo Bornatico, Rainer Klopfer und Rolf Naef arbeiteten am BGZ.

Bezirksgericht Zürich, Facetten eines Forums, Dike-Verlag 2014, im Buchhandel: 35 Franken.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.02.2014, 15:20 Uhr

Artikel zum Thema

Ein «Negerdörfli» in Altstetten

Als Menschen in Zoos ausgestellt wurden: Rea Brändle erzählt die unglaubliche Geschichte von Völkerschauen, die bei weitem nicht so fern ist, wie wir das gerne hätten. Mehr...

Wussten Sie, dass...

... das Gericht sich bereits im Jahre 1841 darüber beklagte, dass sich die Advokaten in ihren Vorträgen nicht aufs Wesentliche beschränken,

... im Jahre 1861 das Gericht 14 Brautpaare traute, weil diese sich wegen religiöser Bedenken nicht der kirchlichen Trauung unterziehen wollten,

... im Jahre 1896 der Bezirksgerichtskanzlei ein Telefon auf Kosten der Gerichtskasse bewilligt wurde,

... ab dem Jahr 1899 – mit stillschweigender Genehmigung des Obergerichts – die Urteile mit Schreibmaschinen verfasst wurden,

... ab dem Jahre 1906 der Samstagnachmittag arbeitsfrei war und ein zweiwöchiger Urlaub gewährt wurde,

... im Jahre 1933 den Beamten und Angestellten verboten wurde, bei amtlichen Verhandlungen politische Abzeichen zu tragen,

... im Jahre 1935 in einem Urteil alle Wörter klein geschrieben wurden, was bei der vorgesetzten Behörde auf wenig Anklang stiess. Setze sich die Kleinschreibung im Privatverkehr durch, liess das Obergericht verlauten, werde sich die Behörde dieser Entwicklung aber nicht verschliessen,

... ab dem Jahre 1970 das Richteramt auch volljährigen Schweizerinnen offen stand,

... im Jahre 1971 die ersten Kopiermaschinen eingeführt wurden,

... im Jahre 1973 der erste Prozess gegen Drogenhändler durchgeführt wurde,

... Ende 1991 das Gericht mit Bildschirmarbeitsplätzen ausgerüstet war. (thas.)

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Kaffee – von der Produktion bis zur Wiederverwertung

Der Kaffee von Nespresso mag zwar auf einer Plantage am anderen Ende der Welt wachsen, zuletzt landet er jedoch auf Schweizer Äckern als Dünger.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...