Als bei Fällanden Bomben in der Luft detonierten

Vor 100 Jahren landeten die ersten Militärpiloten mit ihren Fluggeräten in Dübendorf. Ein Abenteurer bildete im Glattal den Nachwuchs aus, bevor er auf den Dübendorfer Pisten den Tod fand.

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Vor 100 Jahren entstand der Flugplatz Dübendorf. Wie die Geschichte zeigt, verdankt die Eidgenossenschaft einem Franzosen ein bedeutendes Kapitel ihrer Luftfahrtgeschichte: 1909 suchte der französische Aviatikpionier Reynold Jaboulin in Zürichs Umgebung nach einem Gelände für seine waghalsigen Flugdemonstrationen. Er wurde in Dübendorf fündig. Geschickt verhandelte er mit nicht weniger als 104 Grundbesitzern. Mit Erfolg: Im Oktober 1910 fand ein grosses Flugfest an der Glatt statt.

Jaboulins Landsmänner hatten längst ihre Armée de l'Air formiert, als 1914 die ersten Militärpiloten in Dübendorf landeten. Die Armeeführung in der Schweiz hatte sich bis dahin vielmehr mit der Frage beschäftigt, ob sie in der dritten Dimension auf Fesselballone oder eher auf Luftschiffe setzen wolle. Es bedurfte der Initiative junger, aviatikbegeisterter Offiziere, um die Regierung dazu zu bewegen, sich mit der Gründung einer Fliegertruppe zu befassen. Die Grande Nation hatte ihre Flieger zu diesem Zeitpunkt bereits als festen Bestandteil in ihre Streitkräfte integriert.

Dübendorf stach schliesslich vor der neu geschaffenen Aviatikkommission die Konkurrenten Avenches, Frauenfeld, Thun und Spreitenbach aus und wurde das Zuhause der neuen Fliegertruppen. Das Glattaler Aerodrom überzeugte nicht zuletzt wegen seiner elf rudimentären Hangars.

Volk sagt «Nein!», Regierungsrat «Doch!»

Kurz nach dem Kriegsausbruch gruppierten sich schliesslich elf Piloten um Hauptmann Theodor Real. Sie bezogen im Dezember 1914 ihr neues Zuhause. Die ersten drei Eindecker landeten am 8. Dezember in Dübendorf. Kurz darauf folgten die Doppeldecker. An einem der Steuerknüppel sass Luftfahrtpionier und neu ernannter Chefpilot Oskar Bider. Einige der Flieger hatten ihre eigenen Fluggeräte mitgebracht, acht Maschinen hatte die Armee beschafft. Bider hatte nach der Rekrutenschule ein Jahr als Gaucho in Argentinien verbraucht und kehrte nach Europa zurück, um fliegen zu lernen – in der Flugschule eines Franzosen. Nach einem Monat hatte er sein Brevet in der Tasche und überquerte 1913 als erster Pilot die Pyrenäen. Bider bildete in Dübendorf seinerseits Piloten aus, bevor er 1919 als 28-Jähriger bei einer Flugdemonstration in Dübendorf tödlich verunglückte. Zürich und Dübendorf ehrten den Pionier mit nach ihm benannten Strassen.

Die abenteuerlichen Flieger zauderten nach ihrer Ankunft in Dübendorf nicht lange und hoben bald schon zu den ersten Übungen ab. Die ersten Bombenabwürfe trainierten sie in der Nähe von Fällanden und bescherten damit Schaulustigen aus der Bevölkerung ein Spektakel.

Bis November 1918 war das Flugplatzareal Eigentum von Privaten. Dann erwarb es die Landesregierung für 380'000 Franken. Aber auch der Kanton Zürich hatte für das Areal grosse Pläne: 1930 beantragte der Regierungsrat einen Kredit von 3,6 Millionen Franken. Damit sollte ein grosses Stationsgebäude mit einem Hotel und einem Restaurant gebaut werden. Dazu sah das kantonale Hochbauamt eine Flugzeughalle für in- und ausländische Fluggesellschaften, einen weiteren Hangar für den Flugzeugbau und für private Maschinen, einen Motorenprüfstand sowie ein kleines WC-Gebäude neben dem Zuschauerplatz vor.

Sämtliche Parteien mit Ausnahme der Sozialdemokraten unterstützten das Vorhaben. Trotzdem stiess das Kreditbegehren beim Volk auf Widerstand. Die Zürcher erteilten der Vorlage im September 1930 mit 74'165 Nein- zu 43'669 Ja-Stimmen eine Abfuhr. Rund zwei Monate nach der Abstimmungsschlappe bewilligte der Kantonsrat 500'000 Franken, um wenigstens den notwendigen Doppelhangar und eine Piste zu bauen. Dies genügte allerdings dem eidgenössischen Luftamt nicht.

Soldaten als Stammgäste

Der Bund verlangte von den Zürchern, dass Dübendorf zu einem modernen Flugplatz ausgebaut werde. Er drohte dem Kanton, die Konzession als Flugplatzbetreiber zu entziehen. Ein privates Komitee reagierte und gründete 1931 die Flugplatzgenossenschaft Zürich und beschaffte die fehlenden Mittel für den Ausbau des Zivilflugplatzes.

In nur sieben Monaten erstellten die Bauarbeiter eine abgespeckte Version des vom Regierungsrat geplanten Stationsgebäudes. Im Juli 1932 händigten die Mitarbeiter der Fluggesellschaft Swissair die ersten Einsteigekarten an Passagiere aus. Im Jahr 1938 setzten in Dübendorf rund 64'400 Maschinen auf, gut die Hälfte waren Militärflugzeuge.

Der Zweite Weltkrieg ging indes nicht spurlos am Dübendorfer Flugplatz vorbei. Die Restaurantbesucher blieben, die Stammgäste waren aber keine Schaulustigen mehr, sondern die auf dem Flugplatz stationierten Truppen. Erst als die ausländischen Bomber und Jäger, die in den Schweizer Luftraum eindrangen, auf dem Dübendorfer Flugplatz zur Landung gezwungen wurden, fanden sich die Schaulustigen wieder ein – kurz vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht.

Bedeutendster Trainingsflugplatz

Nach dem Krieg sank zwar die Zahl der imposanten fliegenden Festungen in Dübendorf. Dafür stieg die Passagierfrequenz im Terminalgebäude am Pistenrand wieder. Der Aufschwung wurde abrupt unterbrochen: 1946 bewilligte das Zürcher Stimmvolk 36,8 Millionen Franken für den Bau des Flughafens in Kloten. Seit 1948 fliegen die zivilen Maschinen den neuen Zürcher Flughafen in Kloten an – die Luftwaffe hat den Dübendorfer Flugplatz seither für sich.

So mauserte sich der Flugplatz im Glattal zum bedeutendsten Trainingsflugplatz der Piloten und Fliegerabwehr. Ende der 1950er-Jahre donnerten mit den Vampires die ersten Jets über Dübendorf. Es folgten Venoms, Mirages, Hunters und Tigers, bis schliesslich im Jahr 2005 eine F/A-18 als letzter Militärjet die Dübendorfer Pisten verliess.

Sechs Jahre später tönte das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) an, dass der Bund eine zivilaviatische Mitbenutzung des Flugplatzes ins Auge fasse. Die Idee: den Flughafen Zürich zu entlasten und gleichzeitig den Weiterbetrieb des Militärflugplatzes zu sichern.

Entscheid nach den Sommerferien

Knapp zwei Jahre später fiel der definitive Entscheid des Bundesrates: Er will die Piste in Dübendorf weiter fliegerisch nutzen und kündigte die Suche nach einem geeigneten Betreiber an. Gleichzeitig machte er deutlich, dass er einem Innovationspark ebenfalls Platz einräumen will. Die Armee entschied ihrerseits, Dübendorf als Militärflugplatz zu schliessen und auf dem Areal nur noch eine Helibasis und die Kommando- und Führungseinrichtungen zu betreiben.

Im Dezember publizierte der Bund die Ausschreibung eines Teilstücks des Areals für einen zivilen Flugbetrieb. Zwei Kandidaten haben sich darum beworben: einerseits die Flugplatz Dübendorf AG, die Vertreter der Geschäfts- und Privatfliegerei sowie die Rega versammelt. Andererseits das Unternehmen Topmotion, hinter welchem der Geschäftsführer des Dübendorfer Air Force Center, Kurt Waldmeier, steht. Der Bundesrat will nach den Sommerferien entscheiden, wie die Zukunft des Dübendorfer Flugplatzes aussehen wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.06.2014, 13:27 Uhr

Tag der Öffentlichkeit

Das 100-Jahr-Jubiläum des Flugplatzes Dübendorf wird mit einem «Tag der Öffentlichkeit» begangen. Dafür stehen am 27. Juni von 9 bis 22 Uhr die Tore des Geländes offen. Unter anderem zeigen Fallschirmaufklärer und das PC-7-Team ihr Können. Die Tante Ju und diverse Doppeldecker nehme zudem Passagiere mit auf Rundflüge. Die Besucher können zudem die Rega-Basis und die Werkstätte des Luftfahrtpioniers Bertrand Piccard besichtigen.

Das Jubiläumsbuch: «Menschen Maschinen Missionen»

Das Jubiläumsbuch schildert die Geschichte des Flugplatzes anhand der Menschen, die sie geprägt haben, zeigt aber auch die Maschinen – Flugzeuge und Helikopter –, mit denen die Missionen ab Dübendorf geflogen wurden. Diese Einsätze finden nicht nur auf und um den geschichtsträchtigen Flugplatz statt. Sie haben Dübendorfer Piloten und Mechaniker bis nach Griechenland, Albanien, Israel und sogar Sumatra geführt.
www.100jahre-flugplatz-dübendorf.ch

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