Als der Wahnsinn Regie führte

Ein 34-jähriger Goldküsten-Galerist hat seinen Kumpel im Drogenrausch getötet. Seine Verteidiger haben vor Obergericht ihre Strategie geändert. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Er soll auch seine Freundin vergewaltigt haben: angeklagter Kunsthändler aus Küsnacht. Zeichnung: Robert Honegger

Er soll auch seine Freundin vergewaltigt haben: angeklagter Kunsthändler aus Küsnacht. Zeichnung: Robert Honegger

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Was wird dem 34-Jährigen vorgeworfen?
Er hat unter dem Einfluss von Kokain und Ketamin den 23-jährigen schweizerisch-britischen Doppelbürger Alex während eines Streits in der elterlichen Wohnung in Küsnacht brutal umgebracht. Selbst seine Verteidiger sprachen von einem «monströsen Ausmass an Gewalt» und einer Tat, bei der «der Wahnsinn Regie führte». Während der Kunsthändler diese Tat gestanden hat, bestreitet er, im Herbst 2014 seine damalige Freundin sexuell genötigt und vergewaltigt zu haben (lesen Sie hier mehr zur Anklage der Staatsanwaltschaft).

Was entschied das Bezirksgericht?
Das Bezirksgericht Meilen verurteilte den 34-Jährigen wegen vorsätzlicher Tötung, qualifizierter Vergewaltigung, mehrfacher teilweiser qualifizierter sexueller Nötigung und wegen diverser Strassenverkehrsdelikte. Es bestraft ihn mit einer Freiheitsstrafe von 12½ Jahren und ordnete während des Strafvollzugs eine ambulante Suchtbehandlung an (lesen Sie hier mehr zum Urteil des Bezirksgerichts Meilen).

Worum geht es vor Obergericht?
Der Schuldspruch wegen vorsätzlicher Tötung dürfte unbestritten sein. Vor dem Bezirksgericht forderten die Verteidiger aber in Bezug auf die Sexualdelikte einen Freispruch (lesen Sie hier mehr über die angeklagten Sexualdelikte). Für die Vorwürfe gebe es keine Beweise. Und die Frau, welche die Beschuldigungen erhob, habe einen Hang zu Übertreibung und Dramatisierung. Würden diese Tatvorwürfe wegfallen, hätte dies einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Höhe der Strafe. Das Urteil kann schwanken zwischen einer zweistelligen Freiheitsstrafe oder dem Aufschub einer Strafe zugunsten einer Therapie.

Was ist an diesem Fall juristisch so besonders?
Es ist umstritten, in welchem Zustand der Kunsthändler die Tötung begangen hat. Konkret: War er unzurechnungsfähig, weil er sich wegen des Drogenkonsums in einem psychotischen Zustand mit paranoiden Wahnvorstellungen befand? Wie schwierig diese Frage zu beantworten ist, zeigte sich vor Bezirksgericht Meilen allein am Umstand, dass der Staatsanwalt dem Gericht eine Auswahlsendung an möglichen Verurteilungen präsentierte. Je nach Version hatte er Strafen von 10, 13 und 16 Jahren beantragt. Das Bezirksgericht ging von einer schweren Verminderung der Schuldfähigkeit aus.

Ist ein Freispruch wegen Schuldunfähigkeit möglich?
Menschen, die nicht in der Lage sind, das Unrecht ihrer Tat einzusehen oder gemäss dieser Einsicht zu handeln, sind unzurechnungsfähig beziehungsweise schuldunfähig. Sie können nicht bestraft werden. Diese Regel gilt allerdings nur, wenn der Täter ohne eigenes Zutun in diesem Zustand war. Wenn sich aber der Täter beispielsweise durch die Einnahme von Drogen selber in den Zustand der Schuldunfähigkeit versetzt und aufgrund früherer Vorkommnisse damit rechnen musste, dass er dann schwerste Delikte begeht, wird er nicht freigesprochen. Wer ein Verbrechen im Zustand selbstverschuldeter Unzurechnungsfähigkeit begeht, kann mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden. Dafür plädierten die Verteidiger vor Bezirksgericht, wobei sie beantragt hatten, ihren Mandanten für die Dauer der Freiheitsstrafe in eine stationäre Suchtbehandlung zu schicken. Vor Obergericht änderte die Verteidigung ihre Strategie. Für das Tötungsdelikt verlangte sie am Montagmorgen einen vollständigen Freispruch wegen Schuldunfähigkeit. Die Anklage hat ihre Anträge noch nicht vorgebracht.

Warum wird das Publikum teilweise ausgeschlossen?
Wie bereits vor dem Bezirksgericht Meilen wird auch die Verhandlung vor dem Obergericht teilweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit, aber in Anwesenheit von akkreditierten Medienschaffenden, durchgeführt. Dies betrifft die vom Beschuldigten bestrittenen Sexualdelikte. Weil diese angefochten seien, «werden nämlich auch im Berufungsverfahren nochmals intimste Details des Tatherganges und der Lebensvorgänge, die zur Privat- und Intimsphäre der betroffenen Frau gehören, zu thematisieren sein», heisst es in der Verfügung des Gerichtsvorsitzenden. Dies rechtfertige den Ausschluss des Publikums zum Schutz der Frau.

Erstellt: 18.11.2019, 08:07 Uhr

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