Alter Nazi aus dem Zürcher Oberland entfernt

Jahrelang prangt das Konterfei von Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess in Hinwil. Nun ist damit Schluss.

Hess auf der Betonwand: Tausende Fahrzeuge passierten den Graffito täglich – mindestens viereinhalb Jahre lang.

Hess auf der Betonwand: Tausende Fahrzeuge passierten den Graffito täglich – mindestens viereinhalb Jahre lang. Bild: Doris Fanconi

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Plötzlich geht alles ganz schnell. Ein Mail, ein paar Fragen und dann die Antwort: «Aufgrund Ihres Hinweises wurde Rudolf Hess heute Mittag übermalt.»

Wenige Stunden zuvor: Auf der Winterthurerstrasse rauscht der Verkehr von Süden her in Richtung Hinwil hin zum Lichtsignal an der Kreuzung zur Zürcherstrasse. Links davon stehen auf dem Militärgelände säuberlich aufgereiht braungrüne Fahrzeuge der Schweizer Armee. Jeeps, kleine Truppentransporter, Lastwagen. Rechts liegt der Sport-Trend-Shop und die Musikbar Pirates.

23'000 Autos fahren täglich der Winterthurerstrasse entlang, lassen die Militärfahrzeuge hinter sich und tauchen in die Unterführung ab. Zu diesen Personen gehört auch ein Leser des «Tages-Anzeigers». Sein Hinweis: «Seit gut drei Jahren wohne ich im Zürcher Oberland, in Tann bei Rüti, wo es mir gut gefällt», schrieb er. Etwas irritiere ihn, «gelinde gesagt», seit er dort lebe. Jedes Mal, wenn er durch die Gemeinde Hinwil auf der Winterthurerstrasse zur Zürichstrasse fahre, gehe es durch eben diese Unterführung. «Und dort auf der rechten Seite, gut erkennbar, sieht man, mithilfe einer Schablone gesprayt, ein Porträt von Rudolf Hess», sagt er. Als er es zum ersten Mal erblickte, zuckte er zusammen und dachte, beim nächsten Mal sei es weggeputzt. Wurde es aber nicht.

23'000 Fahrzeuge fahren täglich hindurch: Die Unterführung in Hinwil. Bild: Doris Fanconi

Rudolf Hess war Adolf Hitlers Vertrauter und Stellvertreter. 1946 haben ihn die Richter im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zu lebenslanger Haft verurteilt. 1987 beging er im Alter von 93 Jahren im Berliner Gefängnis Spandau Selbstmord. Seinen Todestag im August haben Neonnazis immer wieder für Aufmärsche genutzt. Das Grab im Nordosten Bayerns wurde schliesslich 2011 eingeebnet, damit es nicht zum Wallfahrtsort wird.

Auf Meldungen angewiesen

Auch an diesem Mittwochmorgen Anfang Februar prangt in Hinwil das Konterfei des Nazis an der Betonwand der Unterführung. Etwas grösser als ein A4-Blatt. Schwarz auf Grau. Darüber steht geschrieben: «R. HESS», wobei die beiden «S» in Siegrunen verfasst sind, dem Symbol der Waffen-SS. Darunter steht: «Märtyrer sterben nie.» Der Graffito existiert seit mindestens viereinhalb Jahren. Das verrät Google-Street-View, wo die Sprayerei verpixelt zu finden ist. Das Bild ist auf August 2013 datiert.

Dass sich der Leser zuerst beim «Tages-Anzeiger» gemeldet hat und nicht bei der Gemeinde, hat einen einfachen Grund: Er konnte sich nicht vorstellen, dass in Hinwil noch nie eine Meldung wegen des Hess-Graffito eingegangen ist. Doch so war es gemäss der Gemeinde. Man wusste von nichts. «Aktuell haben wir einen Sprayer, der sein Tag in ganz Hinwil hinterlässt», sagt ein Gemeindemitarbeiter. Man arbeite eng mit der Polizei zusammen. Rechtsextreme Sprayereien seien aber selten. Da es sich bei der Unterführung um eine Kantonsstrasse handelt, werde der Gemeindemitarbeiter beim kantonalen Tiefbauamt nachfragen, sagte er.


Video: Berliner malen zurück

In Berlin übersprayen Jugendliche und Graffiti-Künstler Nazi-Schmierereien. Video: Tamedia/AFP (August 2017)


Auch beim Kanton war bis zu diesem Zeitpunkt keine Meldung eingegangen. Thomas Maag, Sprecher der Baudirektion, erklärt sich das damit: «Die Strecke ist zwar stark befahren, an dieser Stelle gibt es jedoch kein Trottoir, weshalb wir wohl nicht schon früher darauf hingewiesen worden sind.» Allgemein gelte, dass man Sprayereien an Bauwerken des Kantons insbesondere dann umgehend entfernen lasse, wenn sie sexistischer oder rassistischer Natur seien. «Bei einem Kantonsstrassennetz von 1358 Kilometern ist es für uns aber unmöglich, permanent in Kenntnis aller Sprayereien zu sein.» Hinweise aus der Bevölkerung seien deshalb hilfreich.

Anders als Hammer und Sichel

Priska Rast ist Graffiti-Beauftragte der Stadt Zürich. Sie sagt, dass seit längerem auf dem Stadtgebiet kaum rassistische Sprayereien entstünden. Erfahrungsgemäss könne es aber immer wieder einmal zu einer zeitlich und örtlich beschränkten Häufung kommen. Ähnlich wie der Kanton entferne die Stadt Graffiti, deren Inhalt einzelne Personen oder Personengruppen verletzen, möglichst rasch. «Dazu gehören Nazisymbole, Gewaltaufrufe oder gezielte Beschimpfungen», sagt Rast. Und wie schaut es mit Hammer und Sichel aus, die besonders in den Kreisen 4 und 5 auf einigen Wänden prangen? «Politische Symbole wie Hammer und Sichel zählen nicht zu dieser Kategorie.» Ganz allgemein seien Sprayereien in den letzten Jahren kleinflächiger geworden – also eher Tags als ganze Bilder.

Zurück nach Hinwil und zu Thomas Maag, dem Sprecher der kantonalen Baudirektion: «Auch wenn die Unterführung in Kürze saniert wird, werden wir diese Sprayerei umgehend entfernen lassen», antwortet er auf die Anfrage. Nur wenige Stunden später schickt er zwei Bilder per Mail. Eines zeigt den Graffito. Das zweite die Betonwand, mit einem hellgrauen Rechteck. Der Betreff der E-Mail: «Rudolf Hess entfernt».

Schieben Sie den Slider nach links, um Rudolf Hess zu entfernen. Bilder: Tiefbauamt Kanton Zürich

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2018, 11:55 Uhr

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