«Am Ende betete Glasenberg mit 50 Dorfbewohnern»

Ein Bürgerkomitee aus dem Säuliamt kritisierte den Glencore-Chef scharf, bis dieser zum Augenschein an den «Tatort» einlud. Silvia Berger kehrte soeben von der gemeinsamen Reise nach Kolumbien zurück.

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Frau Berger, Sie waren mehrere Tage mit Glencore-Chef Ivan Glasenberg in Kolumbien unterwegs. War er ein angenehmer Reisepartner?
Wir waren uns überhaupt nicht spinnefeind. Schon seine Begrüssung war herzlich und ungekünstelt. Glasenberg scheint einer zu sein, der auf dem Boden geblieben ist. Wir haben mehrmals mit ihm gegessen und konnten dabei vernünftig diskutieren.

Haben Sie sich von ihm kaufen lassen?
Nein, uns kann man nicht kaufen. Wir sind keine NGO, sondern eine Bürgerbewegung, die sich aus persönlichem Interesse der Sache annimmt. Die Langstreckenflüge und die meisten Hotelübernachtungen haben wir selbst bezahlt. Andererseits: Ohne Glasenberg und die Hilfe anderer Glencore-Manager vor Ort wären wir nie so weit gekommen. Er hat sich mehrere Tage für uns Zeit genommen, hat Eingeborene mit uns besucht und Minengebiete, in die wir sonst nie Einlass gefunden hätten.

Wurden Ihre Zweifel am Wirken von Glencore durch die beiden Reisen bestätigt?
Nach der Reise denke ich nicht mehr gleich wie zuvor. Wir haben jetzt ein viel differenzierteres Bild und wissen, dass es nicht einfach nur Gut gegen Böse gibt. Die Situation ist komplexer als aus der Schweiz wahrgenommen. Die Tatsache, dass es den Menschen nicht gut geht, bleibt auch nach den Reisen eine Tatsache. Ihnen muss dringend geholfen werden.

Auf was sprechen Sie genau an?
Vor allem die Umsiedlungsprojekte haben mich sehr nachdenklich gestimmt. Den Bewohnern von Tamaquito (im Norden Kolumbiens, Anm. d. Red.) finanzierte Glencore eine verhältnismässig moderne Infrastruktur, mit urbaner Nähe und Möglichkeit zur Ausbildung. Doch nun sind sie unzufriedener als zuvor. Sie wurden ihres Landes beraubt, das ihnen eine landwirtschaftliche Tätigkeit und ein Auskommen garantierte. Die Glencore-Manager können sich nicht vorstellen, dass die ursprüngliche Lebensform der indigenen Bevölkerung wertvoll war, dass Fortschritt und Bildung nicht zwangsläufig Segen bedeuten.

Sie waren dabei, als sich Glasenberg die Situation vor Ort anschaute. Wie reagierte der Glencore-Chef auf die Missstände?
Die indigene Bevölkerung sass Glasenberg in einem Halbkreis gegenüber. Von Angesicht zu Angesicht mit dem Mann, der einen Grossteil ihrer Lebenslage zu verantworten hat. Glasenberg und die anderen Glencore-Manager hörten sich die Sorgen der Dorfbewohner geduldig an. Auf dem Dorfplatz von El Hatillo, am Ende unserer Reise, betete Glasenberg zusammen mit 50 Dorfbewohnern für deren Verhandlungen mit der Regierung. Einem Stammesführer garantierte er eine langfristige Wasserversorgung. Glasenberg sagte uns anschliessend, dass er sich noch nie so weit nach draussen vorgewagt habe – aus Sicherheitsgründen. Dafür geniesst er meinen vollsten Respekt

Glauben Sie wirklich, dass sich nun die missliche Lage der Betroffenen zum Besseren wendet?
Eine Garantie gibt es freilich nicht. Aber dass sich der Konzernchef der Probleme persönlich annimmt, ist schon mal ein grosser Erfolg für unsere Initiative. Glasenberg hat die Möglichkeit, mit den Mächtigsten des Landes zu sprechen und diese zu beeinflussen. Schon nach dem ersten Besuch hat sich einiges bewegt: Glencore hat die UNO zu Hilfe geholt und ein neues Umsiedlungsteam auf die Beine gestellt. Jetzt wollen wir sehen, ob er den Worten auch Taten folgen lässt. Ende April soll eine Nachbesprechung mit Glasenberg stattfinden.

Sieben Bewohner aus dem Säuliamt setzten den Glencore-Manager unter Zugzwang. Wie kam es überhaupt zu dieser gemeinsamen «Tatortreise»?
Glasenberg traf es hart, dass wir sein Steuergeld nicht wollten. Ihm lag viel daran, uns das Wirken von Glencore vor Ort zu präsentieren. Nachdem wir ihm nach unserer ersten Reise einen kritischen, 50-seitigen Bericht vorlegten, ging er in die Offensive: Er forderte uns auf, mit ihm nach Kolumbien zu reisen.

Weshalb hat Hedingen das Steuergeld überhaupt zurückgewiesen (siehe Box rechts)?
Glencore war schon damals seit Jahren in der Kritik. Unser Gedanke: Wenn wir dieses Geld akzeptieren, fehlt es anderswo. An der Gemeindeversammlung beschlossen wir, 10 Prozent des Steuergeschenks für wohltätige Zwecke zu spenden. Unter anderem nach Kolumbien.

Wie stellten Sie sicher, dass das Geld auch am Zielort ankam?
Auf unserer ersten Kolumbienreise besuchten wir die Projekte der Hilfsorganisation, die wir unterstützen. Sie gibt den Eingeborenen juristische Hilfe für Verhandlungen mit Grosskonzernen und der Regierung. So konnten wir uns versichern, dass das Geld in die richtigen Hände floss.

Würden Sie das Steuergeschenk heute immer noch ablehnen?
Ja. Und zwar im Sinne einer Bürgersolidarität und nicht persönlich gegen Glasenberg gerichtet. Die Erfahrung aus den Reisen würde uns helfen, die Gelder noch gezielter einzusetzen.

Mehr Hintergründe gibt es in der «Magazin»-Reportage «Macht Glencore schmutzige Geschäfte in Kolumbien?» von Rocío und Daniel Puntas Bernet zu lesen.

Erstellt: 17.04.2015, 14:12 Uhr

Silvia Berger (56) ist Teil des Bürgerkomitees aus dem Säuliamt. Sie war verantwortlich für den 50-seitigen Bericht, den die Gruppe Glencore vorlegte. Sie reiste in diesem Jahr schon zweimal nach Kolumbien, zuletzt gemeinsam mit Ivan Glasenberg. Berger wohnt in Hedingen und leitet in Zürich die Schweizerische Agentur für Energieeffizienz (S.A.F.E.).

Wie die Säuliämtler den Glencore-Manager in die Knie zwangen

2013 sorgte Hedingen über die Landesgrenze hinaus für Aufsehen. Die Gemeinde im Säuliamt verzichtete freiwillig auf Steuergelder. Die 110'000 Franken aus dem kantonalen Ausgleichsfonds stammten ursprünglich von Glencore-Chef Ivan Glasenberg, der durch den Aktiengang seiner Firma schlagartig zu einem der reichsten Männer der Welt wurde und somit zu einem potenten Steuerzahler. «An diesem Geld klebt das Leid von Tausenden und die Zerstörung der Umwelt!», rief einer an der Gemeindeversammlung. Hedingen entschied, das Geld jenen Ländern zu spenden, in denen der Rohstoffkonzern tätig ist. Da half auch die Imagekampagne von Glasenberg nichts mehr, der sich mit einem mehrseitigen Brief an die Dorfbevölkerung wandte.

Ein Bürgerkomitee, zusammengesetzt aus sieben Personen, gab sich damit noch nicht zufrieden. Die Gruppe wollte sich ein eigenes Bild von der Situation vor Ort machen. Der Pensionär Heiner Stolz rief zur «Tatortreise», und Anfang Januar stiegen die sieben Säuliämtler, drei Frauen und vier Männer zwischen 56 und 74 Jahren, in den Flieger nach Kolumbien. Die Gruppe liess sich nicht einlullen von den Glencore-Verantwortlichen vor Ort und machte sich ein eigenes, grösstenteils kritisches Bild der Situation. Daraus resultierte ein 50-seitiger Bericht, den die Gruppe an Glencore sandte. Der Rohstoffkonzern reagierte prompt und lud die sieben Unermüdlichen an den Hauptsitz in Baar ZG ein. Glasenberg merkte bald, dass die Gruppe auch im persönlichen Gespräch nicht locker liess und startete schliesslich einen überraschenden Gegenangriff: «Let's fix this. Ich lade Sie ein, mit mir nach Kolumbien zu reisen.» Zwei der Säuliämtler-Gruppe, der Pensionär Bastian Nussbaumer und die kaufmännische Angestellte Silvia Berger (Interview links) liessen sich die Chance nicht entgehen und reisten Ende März erneut für ein paar Tage nach Südamerika. (mrs)

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