Am virtuellen Stammtisch

Die Zürcher Stadtratskandidaten nutzen die sozialen Medien unterschiedlich für ihren Wahlkampf. Manche twittern täglich, andere sucht man vergeblich im Internet.

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Zürich – Wenn Aktivismus im Internet die Zürcher Stadtratswahlen bestimmte, hiesse der Sieger Samuel Dubno. Der GLP-Kandidat belegt auf der Online-Reputations-Rangliste von allen Schweizer Politikern den 14. Platz. Auf Rang 73 folgt Filippo Leutenegger (FDP). Alle anderen Stadtratskandidaten schaffen es nicht unter die ersten 150.

Die Rangliste richtet sich nach dem Klout-Wert. Mit diesem misst ein Unternehmen aus San Francisco den Internetruf aller Nutzer. Wie genau der Klout-Wert berechnet wird, behält die Firma geheim. Unter anderem zählen Freundeszahl, Aktivitäten und Weiterempfehlungen in sozialen Netzwerken. Mit 99 Punkten erreicht Barack Obama einen der höchsten Werte weltweit, Samuel Dubno schafft es auf 60, Filippo Leutenegger hat 46,6 Punkte.

«Ich bin sehr gerne auf Facebook und Twitter unterwegs», sagt Dubno. «Das ist für mich ein virtueller Stammtisch.» An diesem Tisch sitzen vor allem Politiker und Journalisten – ab und zu kommen einige gewöhnliche Bürger dazu. Hier lerne er verschiedene Meinungsmacher kennen, sagt Dubno. Damit gewinne man noch keine Wahlen. Aber es helfe, die Bekanntheit zu steigern. Wichtig sei, dass die Kommunikation in den sozialen Medien authentisch wirke. «Im Vergleich zu vielen anderen Politikern habe ich keine Sende-Haltung», sagt Dubno. «Ich spreche mit den Menschen, versuche auf Fragen und Diskussionen einzugehen.»

«Mir macht das grossen Spass»

Während sich Samuel Dubno seit Jahren auf sozialen Netzwerken bewegt, ist Markus Knauss (Grüne) ein Neuling. Bis vor seiner parteiinternen Nominierung im Juli existierte er kaum im Internet. Im August eröffnete Knauss ein Facebook- und ein Twitter-Profil. Seither bewirtschaftet er diese fast täglich. «Mir macht das grossen Spass.» Mit seinen Beiträgen erreiche er bis zu 700 Menschen, darunter viele, die er bisher nicht kannte. Den Wahlkampf entscheiden könne dieses Engagement nicht, glaubt Knauss. Aber es gehöre heute einfach dazu.

Zurückhaltender gibt sich SP-Kandidat Raphael Golta, obwohl er selber in der IT-Branche arbeitet. «Ich setze meine Schwerpunkte etwas anders», sagt der Sozialdemokrat. Er schreibe lieber längere Texte für die eigene Website oder seine Kolumne in der Zeitung «P. S.», als alle Aktivitäten sofort abzubilden. Seine Internetpräsenz werde er auf die Wahlen hin allerdings noch erhöhen.

Die SVP-Kandidaten Nina Fehr und Roland Scheck teilen sich eine gemeinsame Facebook-Seite («Wir für Zürich»), auf der bisher nicht allzu viel passiert. Auf Twitter kommentiert Roland Scheck aber regelmässig das Zeitgeschehen.

Zurückhaltende Stadträte

Allgemein lässt sich feststellen, dass sich linke und grüne Politiker eher aktiver in den sozialen Netzwerken bewegen als Bürgerliche. Und gewählte Exekutivpolitiker verhalten sich zurückhaltender als Parlamentarier. Von den amtierenden neun Stadträten teilen sich fünf über Facebook oder Twitter mit. Das tun sie eher selten, die Mitteilungen bleiben unpersönlich, sie werben vor allem für städtische Kampagnen. «Stadträte können sich von ihrer Rolle her wohl weniger erlauben», sagt Markus Knauss.

Den Stadträten fehle oft die Zeit, um ihre Profile selber zu pflegen, heisst es in der Stadtkanzlei. Deshalb helfen ihnen Mitarbeiter dabei. Um Interessenkonflikte zu vermeiden, wird Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) für den eigenen Wahlkampf nicht ihr offizielles Profil mit dem Zürich-Logo nutzen. Auch die anderen Stadträte werden dies voraussichtlich so handhaben.

«Multiplikatoren» erreichen

Ob soziale Medien Wahlen entscheiden, ist umstritten. Die Befürworter zitieren gerne Barack Obamas Kampagnen als positives Beispiel. Skeptiker verweisen auf die Bundestagswahlen in Deutschland. Dort schaffte es die Piratenpartei nicht ins Parlament, obwohl ihre Facebook-Seite weitaus am meisten Fans aller Parteien zählt. Bei einer Umfrage in Deutschland gaben 61 Prozent der Wähler an, weder Twitter noch Facebook zu nutzen. Die grosse Masse erreichten Politiker weiterhin am besten über traditionelle Medien, schliesst die Studie. Social-Media-Kampagnen eigneten sich vor allem, um junge Erstwähler anzusprechen und «Multiplikatoren» zu beeinflussen. Damit gemeint sind andere Politiker, Journalisten oder Blogger. Diese würden die Inhalte später offline in ihrem Freundeskreis verbreiten.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.10.2013, 08:40 Uhr

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