Auch Winnetou konnte Forsanose nicht retten

Das Kakao-Malz-Pulver aus Volketswil war lange fast so beliebt wie Ovomaltine – jedenfalls bis 1972.

Kakao am laufenden Band: Blick in die Forsanose-Verpackungsabteilung im Jahr 1950.

Kakao am laufenden Band: Blick in die Forsanose-Verpackungsabteilung im Jahr 1950. Bild: PD

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Der Kraftnahrungsmittelhersteller Fofag wollte von Beginn weg hoch hinaus. Firmengründer und Forsanose-Erfinder Helmut Schuberth sponserte 1938 den ersten Heissluftballon der Schweiz. Fünf Jahre zuvor nahm die Fabrikation in Volketswil ihren Betrieb auf. Schuberth erkannte, wie wichtig Werbung ist, um eine Marke aufzubauen.

Der gebürtige Deutsche, der nach zahlreichen Anläufen 1971 das Schweizer Bürgerrecht erhielt, war ein Pionier in der Sportwerbung. Die Marke Forsanose war als Bandenwerbung im Hallenstadion, auf Zieleinlaufbannern, an Skirennen, Verpflegungsständen und Laufveranstaltungen präsent. Auch Velorennfahrer Alfred Rüegg, der 1960 die Tour de Suisse gewann, warb für die «Kraftquelle Nr. 1».

«Grad uf, Hans!»

Seine drei Stundenweltrekorde aus jener Zeit schlachtete Schuberth in der Werbung genüsslich aus. «Rennfahrer Rüegg … Forsanose … Weltrekord – ein spektakulärer Dreiklang.» Manchmal stilisierte der Patron sein wichtigstes Produkt in Inseraten zu einem Wundermittel hoch. Unter der Überschrift «Grad uf, Hans!» mutiert ein buckliges Kind dank des Kraftspenders zur lachenden Frohnatur.

«Mir schmeckte Forsanose, Schuberth gab uns immer ein paar Packungen gratis mit», sagt Margrit Leuthold. Die heute 79-Jährige absolvierte beim Kraftmittelhersteller ihre KV-Lehre. Den Patron bezeichnet sie als «immer korrekt». Ein wenig merkwürdig sei er aber schon gewesen. Leutholds Vater, der Baumeister war, musste seine Tochter zu Schuberth in die Lehre schicken, sonst hätte ihm dieser keine Bauaufträge mehr erteilt.

Rosi Quadranti, ebenfalls ehemalige KV-Stiftin bei der Firma Fofag, erlebte Schuberth als «sehr launischen Typen». Dieser habe sich oft mit seinen Angestellten verkracht und auch häufig vor Gericht prozessiert.

Potenz- und Verhütungsmittel

Schuberth, der in den 20er-Jahren als junger Mann eine Versandapotheke in Mollis führte, war ein Tüftler. Er stellte Rheuma-, Potenz- und Verhütungsmittel her. Letzteres soll in den 50er-Jahren, lange vor der eigentlichen Entdeckung der Antibaby-Pille, erhältlich gewesen sein. Das Produkt war offenbar ein Flop. Nur eine Frau Schneckenburger habe regelmässig ein paar Packungen bestellt, erinnert sich Leuthold.

Schuberth experimentierte mit einem Angestellten in einem Labor auf dem Firmengelände. Auch Mimi Schori arbeitete in diesem Bereich und war unter anderem für die Labor-Mäuse und -Ratten zuständig. Als der Laborant eines Tages starb, sei Schuberth «völlig durchgedreht», sagt die 80-Jährige. «Ich musste auf sein Geheiss alle 40 Tiere töten.» Der Patron habe nicht viel gesprochen und auch nicht viel bezahlt.

Doch Schuberth hatte auch eine spendable Seite. Als das Schweizer Fernsehen im Mai 1957 in einer Sendung über das Urwaldspital von Albert Schweitzer in Lambarene zu Spenden aufrief, schickte Schuberth ein Hilfspaket: 500 Kilogramm Forsanose, das Rheumamittel Emmisiv und 240 Tafeln seiner neuen Schokolade.

Die Schoggi schmeckte chemisch

Schuberth investierte 2 Millionen Franken in die Schokoladenproduktion. Er hoffte, sich damit ein neues Geschäftsfeld zu erschliessen. Doch die Qualität überzeugte offenbar nicht. Die Schokolade habe ein wenig chemisch geschmeckt, sagt Ruedi Schulthess. Bereits 1963 stellte Schuberth die Produktion wieder ein. Schulthess hat eine Ausstellung in Volketswil organisiert, welche die Geschichte des einstigen Industriebetriebs zeigt.

Auch der Absatz der Kraftnahrung Forsanose begann in den Sechzigerjahren zu schwächeln. In den frühen Siebzigern hätte Winnetou noch einmal das Steuer herumreissen sollen: Vier Bilder des bekannten Indianerhäuptlings lagen jeder Packung bei. Es nützte nichts. 1972 ging die Firma in Konkurs. Zwei Jahre später starb Schuberth.

Die Rechte an der Marke Forsanose gehören heute dem Nahrungsmittelkonzern Kraft Foods. Die Erben konnten sich nicht einigen über die Zukunft des Firmenareals. Deshalb liessen sie es versteigern. Im Fabrikgebäude, das unter Schutz steht, wurden Eigentumswohnungen eingebaut.


Ausstellung Forsanose, bis 23. Oktober, Montag–Freitag 9–19 Uhr, Gemeinschaftszentrum «In der Au», Volketswil. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2013, 09:35 Uhr

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