Auf Spontanbesuch bei Veganern

Auf Spontacts verabredet man sich mit fremden Leuten, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Bereits 350'000 Nutzer zählt das Zürcher Onlineportal. Ein Selbstversuch.

Einen Mausklick von der Spontanität entfernt: Die Benutzeroberfläche des Portals. (Screenshot: Spontacts.ch)

Einen Mausklick von der Spontanität entfernt: Die Benutzeroberfläche des Portals. (Screenshot: Spontacts.ch)

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Wer spontan sein will, hat die Qual der Wahl. Speziell dann, wenn er Spontacts als Inspirationshilfe herbeizieht. Die Internet- und App-Plattform führt fremde Leute für geplante Aktionen zusammen. Schon die Recherche für den Selbstversuch liefert eine überraschende Erkenntnis: Die Zürcher, denen allgemein der Ruf der Zurückhaltung anhaftet, zeigen sich unternehmungslustig.

Nutzerin Nicole lädt zur Zusammenkunft in der freien Natur: «Ein Feuer. Ein Grill, ein Rost und unsere Spiessli. Wir treffen uns zum Spiessli-Spässli!» Da ich Fleischspiessen nicht abgeneigt bin, überlege ich mir eine Teilnahme. Weil jedoch das Wetter nicht mitspielt und mir Verniedlichungsformen suspekt sind, entscheide ich mich dagegen.

Auf der Suche nach «Homies»

Der 45-jährige Urs ruft auf zur Wanderung am Uetliberg inklusive «Kerzen-Raclette-Picknicks». Nur schon der Gedanke an ein solches Unterfangen liegt mir schwer im Magen. Wenig fordernd das Angebot von Yves, der «einfach nur ein bisschen am See chillen will». Doch weil der 29-Jährige auf der Suche nach «Homies» ist, fühle ich mich nicht angesprochen. Auch als Schminkmodell für eine Visagistin und den Mädels-Bowlingabend komme ich nicht in Frage.

Letztlich entscheide ich mich für einen Veganerbrunch in Winterthur. «Es gibt frische Säfte, Gemüse, Früchte, Brote, Crackers und Tee», schreibt Organisatorin Jennifer. Für mich als Brunch-Liebhaber ein interessantes Experiment, jedoch eins mit Fragezeichen. Das meiste, was mir an morgendlichen Köstlichkeiten in den Sinn kommt, hat mit Tieren zu tun: Speck, Rührei oder Omeletten.

Nicht der einzige Fleischesser

Ich starte mit einem kapitalen Fehler. Im Tram merke ich, dass ich Lederschuhe trage. Ich kehre nach Hause zurück und wechsle zu Turnschuhen aus Stoff. So will ich vermeiden, dass mich eine Horde aufgebrachter Veganer mit Aprikosen-Kernen zu steinigen versucht. Bei der Ankunft in Oberwinterthur verflüchtigen sich meine Bedenken. Die Gastgeberin hat ein Buffet mit zahlreichen Köstlichkeiten hergerichtet. Zudem wird mir schnell signalisiert, dass ich nicht der einzige Fleischesser unter den zehn Anwesenden bin. «Vor drei Tagen grillierte ich noch in Dübendorf, heute esse ich vegan», sagt Herbert. Es hatte ihn an den «Spiessli-Spässli»-Anlass von Nicole verschlagen.

Der 36-Jährige nutzt Spontacts seit fünf Wochen. In dieser Zeit hat er schon mehr als ein Dutzend Veranstaltungen besucht. Als gebürtiger Deutscher, der noch nicht lange in der Schweiz lebt, nutzt er die App auch, um Bekanntschaften zu knüpfen: «Gewisse Leute treffe ich immer wieder.» Herbert ist einer von 350'000 Spontacts-Nutzern. Die Plattform ist kostenlos, startete 2011 in Zürich und erreicht mittlerweile auch Leute in Deutschland und Österreich. Mitgründer Christoph Seitz: «Diese spontane Art der Freizeitgestaltung trifft offenbar den Nerv der Zeit.» Der HSG-Absolvent hat inzwischen den Grossteil seiner Anteile an eine Unternehmergruppe in München verkauft. Wie viel Geld er dafür erhielt, will er geheim ­halten.

Annoncen werden kontrolliert

Doch nicht alle Nutzer sind begeistert. Lisa hat ihr Profil gelöscht, weil sie unmoralische Angebote von männlichen Nutzern bekam: «Sie missbrauchen Spontacts als Seitensprungportal.» Es sei vorgekommen, dass Männer vor dem Besuch einer kulturellen Veranstaltung Angaben zu ihren Körpermassen anforderten. Seitz kennt das Problem: «Die Dater dürfen nicht überhand nehmen.» Deshalb würden die Spontacts-Betreiber die Annoncen nun kontrollieren und Nutzer wenn nötig sperren.

Nach vier Stunden Brunch und jede Menge interessanten Gesprächen löst sich die bunt durchmischte Veganer-Truppe in Oberwinterthur wieder auf. Herbert fragt mich zum Schluss spontan, ob ich Lust hätte, gemeinsam mit ihm ein Spontacts-Vegan-Essen für überzeugte Fleischliebhaber zu organisieren. Ich werde mir die Sache überlegen. Doch vielleicht wird es am Ende doch eher eine Grillade – mit Fleisch, aber ohne «Spässli». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.05.2015, 07:10 Uhr

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