Auf dem Land grassiert die Katzenseuche

Im Zürcher Oberland mehren sich Infizierungen mit dem Parvovirus. Die hochansteckende und oft tödlich verlaufende Viruserkrankung ist vor allem auf Bauernhöfen verbreitet. Dagegen hilft nur eines: Impfen.

Häufiges Erbrechen und wässriger oder blutiger Durchfall: Zwei mit der Seuche infizierte Kätzchen. Foto: Network for Animal Protection

Häufiges Erbrechen und wässriger oder blutiger Durchfall: Zwei mit der Seuche infizierte Kätzchen. Foto: Network for Animal Protection

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Wer jemals gesehen hat, wie ein Kätzchen elendiglich an der Katzenseuche verendet, vergisst das nie mehr», sagt Enrico Clavadetscher. Laut dem Dübendorfer Tierarzt häufen sich derzeit die Fälle von Katzenseuche aus dem Zürcher Oberland. Immer wieder verläuft die Krankheit tödlich: Manche Tiere sterben trotz intensiver Pflege und einer Einweisung ins Tierspital. «Die Seuche macht uns derzeit zu schaffen», sagt Clavadetscher.

Die Katzenseuche, auch Parvovirus genannt, sei ein gravierendes Problem. Die Krankheit, die man recht gut eingedämmt hatte, könnte leicht wieder grossflächig auftreten, befürchten Experten. Sie bedrohe ganze Katzenpopulationen, sei hochansteckend und extrem hartnäckig zu bekämpfen. Die Desinfektion ist schwierig: Gängige Mittel genügen nicht mehr. Unter für sie günstigen Umständen können die Viren während Jahren überleben.

Mittels Prophylaxe wäre die Seuche einfach zu bekämpfen: mit einer simplen Impfung. Das Problem ist, dass die seit einigen Jahren festgestellte Impf­müdigkeit auch bei Katzenhaltern auftritt. «Immer weniger Katzenhalter lassen ihre Tiere impfen», beobachtet Clavadetscher, der in Dübendorf eine Kleintierpraxis führt.

Katzenrudel auf dem Hof

Stadtkatzen wird offensichtlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt als Tieren in ländlichen Gebieten. Der homöopathisch behandelnde Zürcher Tierarzt Marc Bär stellt in seiner Praxis weder Impfmüdigkeit noch Fälle von Katzenseuche fest. Aber auch er als Homöopath ist er von den Vorteilen einer Impfung überzeugt. «Es ist falsch, wenn man seine Katze nicht gegen Katzenseuche impft.» Wenn jemand mit einer kranken Katze früh genug in die Praxis komme, sei es möglich, diese mittels Homöopathie zu kurieren. Doch garantiert sei das nicht, bei der Katzenseuche handle es sich um eine schwere Krankheit.

Besonders stark grassiert die Seuche auf dem Land. Im Fokus stehen dabei die Bauern. «In ländlichen Gegenden ist die Katze nicht viel wert», sagt Clavadetscher. Wenn er einen Bauernhof besuche und sich nach der Anzahl Katzen erkundige, höre er oft: «Zwanzig bis dreissig. Ich weiss es nicht so genau.» Nur wenige Bauern liessen ihre vielen Katzen kastrieren, um die Population im Zaum zu halten. «Und impfen tut sowieso keiner», sagt Clavadetscher. Zwar hätten Bauern gerne Katzen ums Haus und im Stall, «aber kosten dürfen sie nichts». Auch Tierarzt Bär sagt: «Wenn ein Bauer so viele Katzen auf seinem Hof hat und sie weder kastriert noch impft, dann ist das verantwortungslos.»

Auch Hauskatzen sind gefährdet

Und wenn es dann irgendwann einmal zu viele Katzen sind, dann würden die Tiere teilweise grausam getötet: Sie würden ersäuft, erstickt, erschlagen, vergast – oder einfach in die Tiefkühltruhe gelegt. Dem einen oder anderen käme da eine dezimierende Katzenseuche sogar gelegen, sagen Tierärzte. Denn sind die Parvoviren erst einmal auf dem Hof, sei der Katzenbestand schnell dezimiert. Es ist aber ein Trugschluss, dass nur Hofkatzen gefährdet sind. Auch Tiere, die das Haus nicht verlassen, können sich mit den Viren infizieren, die der Katzenhalter etwa an den Schuhen ins Haus trägt. Eine Impfempfehlung könne nicht generell gemacht werden, sagt Tierarzt Bär. Ein Gespräch sei sehr wichtig, es gelte Fragen zu klären wie: Geht die Katze raus? Oder: Sind die Besitzer Bauern oder Städter?

Die Tierschutzorganisation Netap hat in den letzten Monaten zahlreiche kranke Katzen von Bauernhöfen aufgenommen. «Das Traurigste ist», sagt Juristin Esther Geisser von Netap, «dass wir keinerlei Handhabe haben, um auf betroffenen Höfen Katzen zu impfen oder zu kastrieren.» Das Veterinäramt habe diesbezüglich eine klare Aussage gemacht: Da sich die Krankheit nur von Katze zu Katze, nicht aber auf den Menschen übertrage, könne man nichts tun. «Falls Netap als Tierschutzorganisation kranke und nicht korrekt gepflegte Katzen feststellt, kann sie diese dem Veterinäramt melden», sagt Kantonstierärztin Regula Vogel. «Wir treffen dann die im Rahmen der Tierschutzgesetzgebung möglichen und angemessenen Massnahmen. So wie wir es in allen Fällen tun.» Eine Massnahme könne auch die Kastration sein. Vogel betont: «Direkt handeln kann eine private Organisation aber nur im Einverständnis mit dem Tierhalter, was auch richtig ist.»

Krankheit ist teurer als Impfung

Enrico Clavadetscher ist sich bewusst, dass viele Katzenhalter die Meinung vertreten, die Impferei sei reine Geld­macherei der Tierärzte. Dabei würde sich der Impfschutz lohnen: «Eine kranke Katze kommt den Besitzer viel teurer zu stehen als eine Impfung», sagt Clavadetscher, selber langjähriger Präsident der Zürcher Tierärztegesellschaft.Rationale Argumente zählten bei der verbreiteten Skepsis gegenüber der Schulmedizin jedoch nicht. Viele Katzenhalter setzten auf Homöopathie. «Doch Tollwut, Diphtherie, Tuberkulose und die Pest haben wir nicht mit Globuli weggebracht, sondern weggeimpft», sagt Clavadetscher.

Natürlich gebe es Horrorgeschichten von Tieren und auch Menschen, die an Impfungen gestorben seien. Diese sind jedoch höchst selten. «Das einzig wirklich potente und patente Rezept gegen die Katzenseuche bleibt die Impfung», ist Tierarzt Clavadetscher überzeugt. Er empfiehlt als Grundimmunisierung zwei Injektionen im Abstand von drei bis vier Wochen, dann spätestens alle drei Jahre wieder. Da die Impfung sehr gut vertragen werde, könne man sie auch jährlich wiederholen.

Ohne Impfung herrscht Seuche

Bei Jungkatzen müsse man auf den Zeitpunkt der Impfung achten, sagt der homöopathisch tätige Tierarzt Bär. Er selbst impft junge Katzen wenn möglich nicht vor der 16. Woche. «Nach der Grundimmunisierung reichen in der Regel Wiederholungsimpfungen im Abstand von drei Jahren», sagt Bär. Wenn man genau wissen wolle, ob eine Impfung wirke oder nicht, empfiehlt Clavadetscher eine vorgängige Blutuntersuchung, um abzuklären, ob die Katze genügend Antikörper habe. «Das kann von Vorteil sein, weil der Impfschutz bei einigen Katzen nur sehr kurz und bei anderen länger anhält.»

Ist die Krankheit erst einmal ausgebrochen, muss man schnell handeln. Das heisst: Sofort zum Tierarzt. Schulmediziner und Homöopath sind sich einig: «Auf der sicheren Seite ist man nur mit einer Durchimpfung. Denn wo geimpft wird, herrscht Ruhe – ohne Impfung herrscht Seuche.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2014, 22:24 Uhr

Katzenseuche

Die Tipps der Tierärzte

Die Katzenseuche wird von einem Parvovirus hervorgerufen und ist eine hoch ansteckende Krankheit. Die Inkubationszeit beträgt zwei bis zehn Tage. Die erkrankten Katzen zeigen ein hochgradig gestörtes Allgemeinbefinden mit häufigem Erbrechen und stark wässrigem oder blutigem Durchfall. Gerade junge Katzen verfügen über nicht allzu grosse Reserven, bei ihnen kann der enorme Flüssigkeits­verlulst innert Stunden zum Tod führen (Sterblichkeitsrate 90 Prozent). Die Katzen weisen oft eine typische Körperhaltung auf: Brust und Hals auf dem Boden, Kopf über dem Futternapf und lange verharrend. Bei Druck auf den Bauch geben sie Schmerz­äusserungen von sich. Ist das Gehirn betroffen, kann es zu verschiedenen neurologischen Störungen wie unkoordinierten Bewegungen kommen. Um die Katze vor der Krankheit zu schützen, wird die regelmässige Impfung empfohlen, erstmals im Alter von 9 und 12 Wochen (Grundimmunisierung). Die Impfung ist jährlich oder mindestens alle drei Jahre zu wiederholen. (roc)

Artikel zum Thema

Tierschützer streiten um Ein-Katzen-Politik

Der Zürcher Tierschutz ruft dazu auf, die Katzenpopulation zu verkleinern, um die Wildtiere zu schützen. So soll ein Haushalt nicht mehr als ein Büsi haben. Der Schweizer Tierschutz findet die Idee «völlig absurd». Mehr...

Ein Alters- und Pflegeheim für Katzen

Ältere und kranke Tierheimkatzen finden oft kein neues Plätzchen. Dasselbe gilt für wilde Katzen. Das Landrefugium Sternenberg gibt solchen Tieren ein Zuhause. Mehr...

«Die Katze ist nicht Schuld am Verschwinden von Vogelarten»

Katzenforscher Dennis C. Turner sagt, der Mensch sei die grössere Gefahr für einheimische Vögel als die räuberischen Haustiere – auch wenn Letztere jetzt wieder viele Jungvögel erbeuten. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Fierce: Ein Teilnehmer bei der New York City Pride Parade. (24. Juni 2018)
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...